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26.6.2008 | Von:
Hasso Spode

Alkoholismus

Alkoholismus als Geisteskrankheit

In der 1966er Auflage des Brockhaus taucht das Stichwort "Alkoholismus" zwar wieder auf, aber nur als Hinweis auf sozial bedingten Missbrauch. 1975 indes, wird im Ergänzungsband eine entscheidende Revision vollzogen: "Heute gilt der Alkoholismus als Krankheit und wird als solche von den Krankenkassen (...) anerkannt." [8] Dieses Leiden bestehe in der Unfähigkeit "mäßig zu trinken" und sei "ohne äußere Hilfe" unheilbar. Es hatte sich mithin jene Wortbedeutung durchgesetzt, die im Grunde bis heute gilt: eine Suchterkrankung. Vergessen war freilich, dass der Begriff schon längst neben der primärpräventiven Bedeutung eine psychiatrische hatte. Bereits um 1900 war von "Alkoholikern" die Rede: "(...) darin besteht eben ihre Krankheit, daß sie nicht mäßig trinken können".[9]

Die Domestizierung und schließliche Pathologisierung des Trinkens ist ein Schlüsselphänomen der Moderne.[10] Seit Jahrtausenden trank die Menschheit Alkoholika,[11] ohne je die Vorstellung zu entwickeln, das "Saufen" sei eine Krankheit. Auch im Mittelalter galt es nur als ein Laster. Gemeint war damit die gemeinschaftliche Berauschung beim Gelage (wogegen dann die Reformatoren eine Kampagne entfachten) und keinesfalls der tägliche Trunk als Nahrungsmittel. Um 1500 konsumierten erwachsene Hamburger und Hamburgerinnen zweieinhalb Liter Bier am Tag, in den süddeutschen Städten war ein Liter Wein üblich. Damit wären diese Menschen nach derzeitigen Kriterien suchtkrank gewesen. Doch diese Kriterien gab es nicht.

Die Idee eines inneren Trinkzwangs taucht erstmals im 17. Jahrhundert - einer Zeit rückläufigen Konsums - auf, wird jedoch verworfen: Diese Menschen hätten dann wohl einen Igel im Magen, "welcher zu stechen pflegte, wenn er nicht schwimmen könte", mokierte sich 1745 Zedlers Universal-Lexicon über diesen "Einfall" einiger "Sitten-Lehrer".[12] Doch um 1800 wird dieser "Einfall" erneut aufgegriffen.[13] Der Volkserzieher Johann Kaspar Lavater vermerkte, die Trunkenheit hätte den Fehler, dass man "immer mehr trinken will, und fast ohne bedrunken zu seyn, nicht mehr leben kann" - der Trinker wird zum Opfer seines Getränks. Der amerikanische Arzt und Politiker Benjamin Rush sprach von einer "Krankheit des Willens", und Christoph Wilhelm Hufeland, Verfasser der "Makrobiotik", befand, der "Unglückliche", der sich mit Branntwein "angesteckt" habe, sei "ohne alle Rettung" verloren: "das wenige, was man täglich trinkt, (...) macht immer mehr nothwendig". In diesem Sinne wird 1819 die "Trunksucht" - analog zur grassierenden "Lesesucht"[14] - durch den Moskauer Arzt Constantin v. Brühl-Cramer zu einem medizinischen Paradigma ausgebaut: Das heftige "Verlangen zum Genuß geistiger Getränke" gründe nicht in einer "Verletzung der Moralität, wie man gewöhnlich zu glauben geneigt ist", sondern sei eine aus "Gewöhnung" erwachsende Geisteskrankheit.

Die Fachwelt reagierte eher ablehnend, wurden doch die allermeisten, obschon an Alkoholika gewöhnt, keineswegs von jener Seelenkrankheit befallen. Diesen Erklärungsnotstand kannte das organische Modell von Huss nicht. Erst um 1900 setzte sich das Sucht-Paradigma durch, wobei freilich Symptomatologie, Nosologie und Ätiologie höchst umstritten blieben.[15] Die Grenze zwischen normal und pathologisch war nebulös; die Sucht konnte ererbt oder erworben sein; sahen die einen ihre Ursache im Körper, so die anderen in der Droge; unterschieden die einen eine begrenzte Anzahl von "Suchten", so vermuteten andere eine potentiell unbegrenzte; wieder andere postulierten - was fast auf das Gleiche hinauslief - eine einzige "Süchtigkeit", die sich in unterschiedlichen Konsum- oder Verhaltensmustern "manifestiere".

In den 1940/50er Jahren gelang jedoch eine Vereinheitlichung des Sucht-Paradigmas. Sie erwuchs aus der Aufhebung der Prohibition in den USA. Der Drogenansatz passte schlecht zur Legalisierung von Alkoholika. Dem trugen die 1935 gegründeten "Alcoholics Anonymous" (AA) Rechnung: Anders als die traditionellen Rettungs- bzw. Temperenzvereine machten sie nicht den Alkohol ursächlich verantwortlich, sondern eine "Allergie", die nur bei einigen Menschen auftrete. Daran anknüpfend wird dieser Körperansatz durch eine Arbeitsgruppe um den Biostatistiker[16] Elvin Morton Jellinek zum "disease concept of alcoholism" ausgebaut. Er unterschied fünf Trinkertypen, von denen drei Krankheitswert[17] hätten: Alkoholiker litten an einem zunehmenden "Kontrollverlust" über ihr Trinkverhalten bzw. an der Unfähigkeit zur Abstinenz; ein Leitsymptom seien Entzugserscheinungen. Der Krankheitsverlauf vollziehe sich in drei Phasen; erst am "Tiefpunkt" werde der Erkrankte der Therapie zugänglich und müsse fortan strikte Abstinenz einhalten.

Fußnoten

8.
17. Aufl., Bd. 1, S. 341f. und Bd. 20, S. 52. Das Bundessozialgericht hatte 1968 die Kassen zur Kostenübernahme verpflicht; freilich galt dies prinzipiell bereits seit 1911.
9.
Zit. n. H. Spode (Anm. 1), S. 259; wobei der Huss'sche Alkoholismusbegriff - der, um die Verwirrung komplett zu machen, auch Trunksucht` genannt wurde - weiterhin benutzt wurde, sodass um 1970 drei Bedeutungen zirkulierten: Summe der Folgeschäden, Suchterkrankung und neurologisch-somatisches Syndrom. Bis heute geraten die beiden letzteren durcheinander, wenn von "Alkoholkrankheit" die Rede ist.
10.
Vgl. Aldo Legnaro, Alkoholkonsum und Verhaltenskontrolle, in: Hans Gros (Hrsg.), Rausch und Realität I, Stuttgart u.a. 1996, S. 64 - 77; H. Spode (Anm. 1).
11.
Vgl. H. Spode (Anm. 2); kurz Manfred V. Singer/Stephan Teyssen (Hrsg.), Alkohol und Alkoholfolgekrankheiten, Berlin u.a. 20052, Kap. 1.
12.
Bd. 45, Sp. 1300 (wohl zu Paolo Zacchia). Vgl. Hasso Spode, Was ist Alkoholismus?, in: Bernd Dollinger/Wolfgang Schneider (Hrsg.), Sucht als Prozess, Berlin 2005, S. 95ff., s. a. Karl Wassenberg, Der somatische Pietismus, in: Klaus Ederle (Red.), Elixiere des Teufels. Die "Erfindung" der Suchtkrankheit, Stuttgart 1997, S. 76ff.
13.
Zitate: Spode 1993 (Anm. 1), S. 124ff.; s.a. ders. 2005 (Anm. 12); Claudia Wiesemann, Die heimliche Krankheit. Eine Geschichte des Suchtbegriffs, Stuttgart 2000 jeweils mit weiterer Literatur.
14.
Vgl. Hasso Spode, Fernseh-Sucht. Ein Beitrag zur Geschichte der Medienkritik, in: Eva Barlösius u.a. (Hrsg.), Distanzierte Verstrickungen, Berlin 1997, S. 295 - 314, hier S.305 ff.
15.
Vgl. David T. Courtwright, Mr. ATOD's Wilde Ride: What Do Alcohol, Tobacco, and Other Drugs Have in Common? sowie die Kommentare von H. Spode, I. Tyrrell und J. Mills in SHAD 20(2005), S. 105 - 140.
16.
Vgl. J. S. Blocker 2003 (Anm. 2), S. 338ff; Mariana Valverde, Diseases of the Will: Alcohol and the Dilemmas of Freedom, Cambridge 1998, S. 98ff.
17.
Einen "normalen" Konsum kennt das Modell nicht. Die Typen Alpha und Beta sind potentielle Vorstufen für Delta (kontinuierlicher Kontrollverlust) und für Gamma und Epsilon (diskontinuierlicher Kontrollverlust). Unschwer findet sich hier Brühl-Cramers Unterteilung in "periodische" vs. "anhaltende" Trunksucht (bzw. "Quartalsäufer" vs. "Spiegeltrinker") wieder; auch der progrediente Verlauf und das Abstinenzgebot waren gängiges Wissen. Neu war die konsistente Bündelung vorhandener Ansätze bei gleichzeitigem Verzicht auf ätiologische Spekulationen ("X-Faktor").