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26.6.2008 | Von:
Hasso Spode

Alkoholismus

Kritik des Suchtkonzepts

Jellineks Konzept wurde durch die Weltgesundheitsorganisation, für die er zeitweise tätig war, kanonisiert und verbreitet: 1952 fand der "Alkoholismus" als eine Form der "Süchtigkeit" Eingang in die Internationale Klassifikation der Krankheiten.[18] Längst ist diese Lesart des Alkoholismusbegriffs fest im Alltagswissen verankert. Selbsthilfe- und Therapieeinrichtungen arbeiten "nach Jellinek", und die großen Wochenmagazine bringen regelmäßig einschlägige Titelgeschichten mit "von Experten entwickelten" Selbsttests[19] und Lebensberichten von Alkoholikern, deren "Karriere" die Betroffenen ermutigen und die anderen abschrecken soll.

Nimmt man allerdings heute die ICD zur Hand, so gibt es keine Sucht mehr: Sie wurden durch die "Alkoholabhängigkeit" ersetzt, in der derzeitigen Fassung durch ein "Abhängigkeitssyndrom".[20] Es enthält zwar noch Elemente des "disease concepts", doch die Vereinheitlichung des Sucht-Paradigmas ist bereits wieder Geschichte. Was im Laienwissen und der Routinediagnostik hohe Evidenz erlangt hat, wurde in der Grundlagenforschung verworfen oder zumindest stark relativiert:[21] der Kontrollverlust, die Notwendigkeit therapeutischer Intervention, das Abstinenzgebot, die "Karriere" bis zum Tiefpunkt. Vielmehr sei die Prognose meist gut und die Grenzziehung zwischen normalen und pathologischen Trinkmustern oft höchst willkürlich.

Hieran schließt sich der schwerwiegendste Einwand an: Der Alkoholismus sei ein bloßer "Mythos", dazu angetan, zahllose Menschen, die ihr Leben im Griff haben, zu medikalisieren und stigmatisieren. Die Dekonstruktion der Sucht entstammte der Wissenssoziologie einerseits (Michel Foucault, Peter L. Berger und Thomas Luckmann etc.) und der Medizinkritik anderseits (Irving Zola, Thomas Szasz etc.). Dabei gilt das Sucht-Paradigma häufig als Prototyp einer von Experten "erfundenen Krankheit" für die dann jene Experten ihre Zuständigkeit reklamieren können - getreu dem so genannten Thomas-Theorem: "If men define situations as real they are real in their consequences."

Fußnoten

18.
Vgl. ICD 6: Code-Nr. 362.
19.
Vgl. zum Beispiel Focus, (2007) 31, S. 54: "Als gefährdet gilt" etwa, wer zweimal pro Woche drei Glas Bier trinkt. Vgl. Urs Keller, Bilder vom Alkohol. Ein "kulturelles Lebensmittel" im Spiegel populärer Zeitschriften, in: Vokus, 13 (2003), S. 46 - 84.
20.
ICD 10: Code-Nr. 10.2 Vgl. M.V. Singer/St. Thyssen 2005 (Anm. 11), Kap. 4 u. 12; Wilhelm Feuerlein u.a., Alkoholismus. Mißbrauch und Abhängigkeit, Stuttgart-New York 19985; Kap. 1.3 u. 7.3.
21.
Wegweisend George E. Vaillant, The Natural History of Alcoholism, Cambridge/Mass. 1983; radikaler: Herbert Fingarette, Heavy Drinking. The Myth of Alcoholism as a Disease, Berkeley 1989; vgl. H. Spode (Anm. 12); W. Feuerlein 1998 (Anm. 20).