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19.6.2008 | Von:
Pierre Brocheux

Ho Chi Minh - Bilder einer Ikone

Vater der Nation

Am 2. September 1945 wurde vor den Augen der Einwohner Hanois die Legende Wirklichkeit. Tausende hatten sich versammelt, um von Ho Chi Minh die Botschaft über die Gründung der Demokratischen Republik Vietnam zu vernehmen. Ho hatte sich eine Persönlichkeit verliehen, die das physische und das moralische Portrait in einen autobiographischen Kontext stellte:[5] Er trug einen Schnauz- und einen Spitzbart im traditionellen Stil der Gelehrten und Weisen. Mit diesem Auftreten, mit diesem "Sich-zur-Schau-Stellen" beeindruckte Ho den französischen General Raoul Salan: "Der Kopf ist aufrecht mit einer hohen, sehr freien Stirn, die Augen sind durchdringend, Schnauz- und Spitzbart erinnern an das Aussehen der alten Annamiten. Er hat alles von einem Asketen (...)."[6] Ex-Kaiser Bao Dai hatte die selbe Vision: "Ho Chi Minh ähnelt einem Asketen und einem dieser alten Gelehrten Vietnams, die von der chinesischen Kultur geprägt waren."[7] Ob Feinde oder Mitstreiter, alle waren eingenommen vom Charisma Ho Chi Minhs. Als ein Kommunist (der sich der Unterwerfung widersetzt hatte) Ho 1951 im Maquis Viet Bacs nördlich von Hanoi begegnete, wurde er an die Verse des französischen Poeten Victor Hugo erinnert: "Ein alter Mann, der schon vom Himmel spricht / mag zeitlos sein trotz vielen harten Jahren / Wo junge Männer wie die Flammen waren / sah Ruth in ihm ein starkes, klares Licht."[8]

Gegenüber seinen Landsleuten präsentierte sich Ho wie ein Vater: "Er hatte das Verhalten eines Vaters zu seinen Kindern. Wenn er die Menge fragte: Versteht Ihr mich? waren sich alle der väterlichen Liebe des Präsidenten Ho für die Masse bewusst."[9] Er war Vater und Pädagoge: "Als ich ihn das erste Mal traf, hatte ich den Eindruck, er gleiche einem Dorfschullehrer."[10] Das Aussehen, das er sich gab, und die Haltung, die er mit Entschlossenheit einnahm, brachten die Saiten eindrucksvoll zum Klingen und richteten sich an die Gefühle. Festgeschrieben ad mortem und post mortem, sollte dieses Bild in den 1960er Jahren um die Welt gehen. Die drei Komponenten eines Mythos finden sich hier vereint: die idealisierte Darstellung einer Person, eine sagenumwobene Vergangenheit (deren unzählige obskure Episoden den Nimbus des Geheimnisvollen noch verdichten) und die Instrumentalisierung dieser Legende, mit der die Menge und die Nation mobilisiert und in Bewegung gehalten werden soll.

Am neuralgischen Punkt der Jahre 1945/46 geriet das französische Indochina in einen Sturm, der neun Jahre dauern sollte. Mit dem Auftrag, die besiegte japanische Armee zu entwaffnen, besetzten die nationalchinesischen Truppen den Norden des Landes; die französische Armee hatte im Süden mit der Mission Fuß gefasst, "die französische Souveränität wiederherzustellen". Die Zeit wirkte wie angehalten, und die Vietnamesen, wie jedes andere Volk in einer derartig zugespitzten Krisensituation, erwarteten den Erlöser. Ho erklärte sich zum "Präsidenten aller Vietnamesen" und wandte sich auch an alle nichtkommunistischen Nationalisten, an die Katholiken und an die nichtvietnamesischen Ethnien; er bezeichnet sie auf der Versammlung in Dai Doàn ket als "Große Union".

Fortan operierte der selbsternannte Präsident der Demokratischen Republik Vietnam an vorderster Stelle. Er verhandelt mit den Franzosen, deren Regierung seine Macht legitimiert und ihn nach Paris einlädt, wo er in der ersten Reihe auf der offiziellen Festtribüne beim Vorbeimarsch des 14. Juli 1946 erscheint. Von dieser Reise und den dortigen Treffen sind eine Fülle audiovisueller Dokumente erhalten geblieben, die sein Prestige erhöhten und ihm internationales Ansehen verschafften. Vom 19. Dezember 1946 an, mit der Ausweitung der militärischen Auseinandersetzungen auf die gesamte Halbinsel Indochinas, wird "Onkel Ho" zum Sinnbild des nationalen Widerstandes. Er entgeht einer versuchten Gefangennahme durch Luftlandetruppen, er zeigt sich der Bevölkerung an der Seite der Kampftruppen und ab 1950 mit den Versorgungseinheiten, als sich der Bewegungskrieg im Norden des Landes in einen Guerillakrieg wandelt. Seine Rolle sowie sein Renommee sind weiter im Wachsen begriffen, als er 1951 auf die Tribüne des Obersten Sowjet der Sowjetunion steigt, Seite an Seite mit Stalin und Mao Tse-tung: Er ist nicht nur das Sinnbild des vietnamesischen Widerstandes, er hat das Podium der großen Führer erklommen, die man als "sozialistisches Lager" bezeichnete.

Fünfzehn Jahre später ist das Bild des antiimperialistischen Kämpfers, zehntausendfach reproduziert, zur Marke geworden, und man skandiert von Paris bis Tokio und Berkeley, von Berlin bis Turin seinen Namen: "Ho! Ho! Ho Chi Minh!" Aber der Kontext und der Zweck haben sich grundlegend verändert, als die Jahre begannen, in denen sich die große internationale Kampagne gegen den "Amerikanischen Krieg" entwickelte und, getragen von der romantischen Jugendrevolte der Jahre 1967/68, mit Solidarität für die "Dritte Welt" vermischte. Das charismatische Antlitz von Ho neben dem Maos und Che Guevaras - so war er nicht mehr der einzige symbolische Vertreter einer Protestbewegung, die mehr kultureller als politischer Natur war und die sich als Syndrom eines Unbehagens an der Zivilisation darstellte.

Fußnoten

5.
Vgl. Tran Zan Tien, Nhung mau chuyen ve hoat dong cua Ho chu tich (Anekdoten über die Aktivitäten des Präsidenten Ho), redaktionell bearbeitet auf Französisch und 1948 ins Englische übersetzt. Der Band erlebte zahlreiche Auflagen. Der Autor spricht in der dritten Person; des Öfteren bezeichnet er sich als Nguoi, ein angesehener Name, der für Gott, einen hierarchisch Hochstehenden oder ein geachtetes Familienmitglied steht.
6.
Raoul Salan, Mémoires. Bd. 1, Paris 1970, S. 288.
7.
Bao Dai, Le Dragon d'Annam, Paris 1976, S. 129ff. Bao hatte im September 1945 abgedankt und zugestimmt, der politische Berater Präsident Ho Chi Minhs zu werden.
8.
Victor Hugo, Booz Endormi, in: Légends des Siècles (1859); dt.: Boaz schlief, 6. Strophe; vgl. Nguyen Van Tran, Viet cho Me va Quoc Hoi (An meine Mutter und an die Nationalversammlung), Hanoi 1995, S. 36. Van Tran, der aus einer alten katholischen Familie im Süden Vietnams stammt, studierte in Frankreich, später in Moskau, wurde Organisator der KP Indochinas, dann Abgeordneter der Nationalversammlung Nordvietnams; kehrte in den 1990er Jahren zum christlichen Glauben zurück.
9.
T. Lan, Vua di duong vua ke chuyen (Geschichten von unterwegs), Hanoi 1963, S. 119ff.; es handelt sich um das zweite autobiographische Werk.
10.
Tran Zan Tien (Anm. 5), S. 8.