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19.6.2008 | Von:
Martin Großheim

Erinnerungsdebatten in Vietnam

Grenzen der Erinnerung

Die Erinnerungskultur in Vietnam hat sich in den vergangenen Jahren verändert, doch ist der Befund ambivalent. So hat zwar das bislang tabuisierte Thema der Landreform über literarische Verarbeitungen und Tagebücher den Weg in die Öffentlichkeit gefunden, aber eine entsprechende Änderung der gereinigten Version dieses Ereignisses in den Geschichtsbüchern ist bislang nur in Ansätzen erkennbar. Dies gilt auch für die Aufarbeitung der "verlorenen zehn Nachkriegsjahre" und die Politik gegenüber der südvietnamesischen Bevölkerung nach Kriegsende. Bis jetzt beschränkt sich die praktische Umsetzung der "Wiederversöhnungspolitik" der vietnamesischen Führung vor allem auf die Visabefreiung von Auslandsvietnamesen. Ein weiterer Schritt seitens der vietnamesischen Behörden wäre es etwa, den Angehörigen zu erlauben, die Gräber der südvietnamesischen Soldaten zu pflegen und die in Vietnam üblichen Trauerrituale durchzuführen.[31] Bis heute gibt es jedoch zwei Klassen von Gefallenen: diejenigen, die für die "richtige" Seite gekämpft haben und auf Heldenfriedhöfen bestattet sind, und diejenigen, die für das untergegangene Südvietnam ihr Leben gelassen haben und auf Friedhöfen liegen, die nach 1975 verkamen und heute von Unkraut überwuchert sind.

Die neue Offenheit in der Aufarbeitung stößt auch an Grenzen, wenn es um sensible Themen wie die "Anti-Partei-Affäre" geht. Dabei waren 1967 Hunderte von Intellektuellen und Kadern ohne Gerichtsverfahren in mehreren Wellen verhaftet und bis Kriegsende in entlegenen Lagern interniert worden. Die Mehrzahl von ihnen hatte Anfang der 1960er Jahre die militante und "pro-chinesische" Linie der Parteiführung unter Le Duan in der Wiedervereinigungsfrage kritisiert. Die Opfer der Affäre sind bislang nicht rehabilitiert worden, und es ist in nächster Zukunft auch kein offenerer Umgang der Parteiführung mit diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte abzusehen. Der Roman Chuyen ke nam 2000 (Die Geschichte über das Jahr 2000) von Bui Ngoc Tan, die bisher einzige literarische Aufarbeitung der Affäre, wurde kurz nach seinem Erscheinen in Vietnam verboten.[32] Dieses Verbot steht im Einklang mit Versuchen des Kulturministeriums, die Veröffentlichung von Memoiren überhaupt zu kontrollieren und einzuschränken.[33]

Somit ist die Erinnerungskultur in Vietnam derzeit von zwei gegenläufigen Tendenzen bestimmt. Auf der einen Seite steht das unveränderte Bemühen des Staates und der Partei, die überkommene Version der jüngsten Geschichte als eines heroischen Kampfes unter Führung der Kommunistischen Partei aufrechtzuerhalten. Dies schließt den Monopolanspruch der Partei auf die "Lorbeeren" des Sieges über die französische Kolonialmacht und die USA ein und die Anerkennung der Verdienste anderer Parteien aus.[34]

Auf der anderen Seite gibt es in der Öffentlichkeit Bestrebungen, die Geschichte der Deutungshoheit parteikonformer Historiker zu entziehen. Dies hat der kürzlich verstorbene Dichter Le Dat treffend formuliert, der nach der Beteiligung am Aufbegehren von kritischen Intellektuellen 1956 mit 30 Jahren Berufsverbot belegt worden war: "Niemand kann sich der Geschichte bemächtigen, weil die Geschichte länger lebt als ein Mensch (und) länger als ein System."[35] Entscheidend ist aber, dass die Klagen über die Verbreitung von orthodoxen Geschichtsbildern und die Tabuisierung von bestimmten Themen nunmehr in den vietnamesischen Medien und nicht mehr (nur) im Ausland geführt werden.

Fußnoten

31.
Vgl. Brennon Jones, Tet and remembrance of the dead, in: www.iht.com/articles/2005/02/27/opinion/
edjones.php (24.4. 2005).
32.
Bui Ngoc Tan war selbst im Zuge der Affäre verhaftet worden. Zur Affäre vgl. Martin Großheim, Dissens in Nordvietnam. Die "Nhan-Van/Giai-Pham- Affäre" (1956 bis 1958) und die "Antipartei-Revisionismus-Affäre" (1963 bis 1967)", in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin 2007, S. 31 - 57.
33.
Vgl. Lam Dien, Hoat dong viet, xuat ban hoi ky co the bi dieu chinh (Das Schreiben und die Herausgabe von Memoiren wird vielleicht reguliert), in: www.evan.com.vn/News/doi-song-van-nghe/2006/12/3B9AD5DC (24.4. 2008).
34.
Vgl. z.B. den Beitrag in der Armeezeitung: Chi trich ngam ve bai phong van ong Vo Van Kiet? (Versteckte Kritik an dem Interview mit Vo Van Kiet?), in: www.bbc.co.uk/vietnamese/regionalnews/
story/2005/04/050429_vovankietreaction.shtml (24.4. 2008).
35.
In: www.hopluu.net/tryenhaingoai/thuykhue-ledat.htm (30.4. 2008).