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19.6.2008 | Von:
Hannes Riemann

Geschichtsbilder in Kambodscha

Konfliktgeschichte

Die extremen gesellschaftlichen Umbrüche in Kambodscha lassen sich anhand der sechsfachen Namensänderung des Staates veranschaulichen: Königreich Kambodscha 1954, Khmer Republik 1970, Demokratisches Kampuchea 1975/76, Volksrepublik Kampuchea 1979, Staat Kambodscha 1989 und seit 1993 wieder Königreich Kambodscha. Eine Konstante ist der Kampf der Khmer Rouge um die Macht in Kambodscha zwischen 1968 und 1998.

Als marginale Guerillaeinheit und unter Einfluss des Vietnamkrieges auf Kambodscha vietnamesisch und chinesisch protegiert, begannen die Khmer Rouge ihren Kampf gegen den charismatisch herrschenden Prinz Shianouk. Dessen Politik war gekennzeichnet von einem pragmatisch-neutralistischen Verhältnis gegenüber den in seinem Land agierenden Konfliktparteien des Vietnamkrieges. Mit dem Putsch des rechtsgerichteten und proamerikanischen Republikaners Lon Nol gegen Shianouk rückte Kambodscha 1970 an die Seite der USA. Mit Unterstützung der Volksrepublik China verbündeten sich der populäre Shianouk und mit ihm ein großer Teil der Bevölkerung mit den Khmer Rouge.

Im Ergebnis des Bürgerkrieges übernahmen die Khmer Rouge im April 1975 die Macht in Phnom Penh. Unmittelbar nach der Machtübernahme setzte die Kommunistische Partei Kampucheas (KPK), bekannt unter ihrem Pseudonym Angkar (etwa: die Organisation), als Führungszirkel der Khmer Rouge die ideologischen Leitlinien einer der "radikalsten gesellschaftlichen Umwandlung(en des 20. Jahrhunderts) unter sozialistischen Vorzeichen"[3] um.

Die kambodschanische Exegese des Marxismus-Leninismus sah eine kommunistische, autarke und ethnisch homogene Khmer-Gesellschaft auf der wirtschaftlichen Basis einer Agrarökonomie vor, die ohne Zwischenschritte zu etablieren war. Die wesentlichen Merkmale dieser Politik waren Zwangskollektivierung und Agrarisierung der Bevölkerung, die Auflösung der Familienstrukturen, Abschaffung des monetären Marktes und des urbanen Lebensraumes, ein verbindlicher revolutionärer Verhaltenskodex und die physische Vernichtung von (vermeintlichen) Gegnern der Revolution. Die damit verbundene übersteigerte Angst vor äußeren und inneren Feinden der Revolution richtete sich gegen die Stadtbevölkerung, die Repräsentanten der vormaligen "feudalen" Regime und die Buddhisten, insbesondere aber gegen die ethnischen und religiösen Minderheiten der kambodschanischen Bevölkerung, etwa Menschen vietnamesischer und chinesischer Abstammung, die Cham-Muslime und die Christen. Im Gegensatz zu vielen Mitgliedern seiner Familie überlebte Shianouk die Zeit des Regimes unter Hausarrest. Der einzige geduldete Auslandskontakt bestand in dieser Zeit zur VR China.

Das ein Jahr nach dem Sieg der Khmer Rouge gegründete Demokratische Kampuchea ist Ausdruck eines Macht- und Richtungskampfes innerhalb der KPK seit 1960, der sein Pendant im chinesisch-sowjetischen Konflikt fand. Aus diesem Kampf ging 1975 die Fraktion um Pol Pot, Ieng Sary und Khieu Samphan als vorläufiger Sieger hervor. Kennzeichnend für deren Weltbild war ein extrem artikulierter Nationalismus, die Abkehr vom Protektor Vietnam und eine damit verbundene rassistisch motivierte Politik gegenüber dem ehemaligen Bündnispartner. Die seit 1975 von den Khmer Rouge initiierten Konflikte entlang der gemeinsamen Grenze kulminierten 1977 im offenen Krieg gegen die wiedervereinigte Sozialistische Republik Vietnam (SRV). Darauf antwortete das Nachbarland zum Jahreswechsel 1978/79 mit einer Militärintervention, die dem Regime der Khmer Rouge ein schnelles Ende setzte. Dieser Krieg war der erste offene Krieg zwischen zwei sich kommunistisch legitimierenden Staaten.

In der Folge konstituierte sich 1979 die Volksrepublik Kampuchea (VRK) unter vietnamesischer Protektion und fand ihren Weg in die sowjetisch geführte sozialistische Staatenwelt. Die Repräsentanten der Regierung Heng Samrin setzten sich unter anderem aus ehemaligen und pro-vietnamesischen Kadern der Khmer Rouge zusammen, die 1977/78 im Zusammenhang mit den parteiinternen Richtungskämpfen nach Vietnam geflohen waren. Unter dem Dach der Koalitionsregierung des Demokratischen Kampuchea (ab 1982) führten die Khmer Rouge einen Krieg gegen die VRK, zusammen mit den ehemaligen Kontrahenten des Bürgerkrieges: den Royalisten um Shianouk und den Republikanern um Son Sann. Im Zeichen des Kalten Krieges und vor dem Hintergrund des chinesisch-sowjetischen Antagonismus' erfuhr die Koalition im Kampf gegen die Regierung der VRK und deren vietnamesische Protektion internationale Unterstützung durch Thailand, China und die USA. Nach der Verurteilung der vietnamesischen Militärintervention als völkerrechtswidriger Akt durch die UN im Jahr 1979 blieb der VRK bis zu ihrem Ende 1989 die diplomatische Anerkennung durch die UN verwehrt. Die Repräsentanten der Khmer Rouge dagegen waren bis zum Abschluss der Friedensverhandlungen (Paris Agreements) 1991 legitimiert, die kambodschanischen Interessen vor den UN zu vertreten.

Nach dem Abzug der vietnamesischen Besatzungstruppen 1989 kämpfte die Khmer Rouge einen Guerillakrieg gegen die nach der UN-Mission UNTAC (1991 - 1993) gebildete Königliche Regierung Kambodschas, bestehend aus den ehemaligen Repräsentanten der VRK um Hun Sen und den Royalisten. Aus den sich mit dieser Koalition verbindenden regierungsinternen Machtkämpfen ging Hun Sen 1997 als Sieger hervor. Generalamnestien, Wiedereingliederungsprogramme für übergelaufene Mitglieder der Khmer Rouge als Mittel der "Nationalen Versöhnung", Fraktionskämpfe in der Führungsspitze und vor allem das Ende der ausländischen Unterstützung besiegelten das politische "Aus" der Khmer Rouge im Todesjahr Pol Pots 1998. Seit der Verhaftung des letzten militärischen Führers und Senior Leaders Ta Mok im Jahr 1999 gelten die Khmer Rouge als zerschlagen. Ta Mok starb 2006 in Untersuchungshaft.

Fußnoten

3.
Zit. nach Patrik Raszelenberg, Die Roten Khmer und der Dritte Indochina-Krieg, Hamburg 1995, S. 110.