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19.6.2008 | Von:
Hannes Riemann

Geschichtsbilder in Kambodscha

Verstehen der Geschichte

Die während der Konferenz artikulierten Fragen, Bedürfnisse und Anregungen offenbarten sich als Spiegelbild der innergesellschaftlichen Diskussion in Kambodscha um die Massenverbrechen der Khmer Rouge und um die Funktion und die Arbeitsweise der ECCC. Deutlich wurde zudem, dass die innergesellschaftliche Diskussion im Hinblick auf die Bewältigung der Gegenwartsprobleme ein mühsamer, kräftezehrender Prozess ist, der allerdings als notwendig angesehen und von der breiten Masse getragen wird. Konferenzen wie diese zeigen Möglichkeiten auf, wie diese Prozesse der Aufarbeitung angestoßen und begleitet werden können.

Verstehen der Geschichte im kambodschanischen Kontext bedeutet, Vorurteile und Denkschablonen zu überwinden und den Blick auf die Verantwortung für die Ereignisse zu richten, wie es Van Nath während der Konferenz formulierte. Ein fruchtbares Geschichtsbild verortet das Khmer-Rouge-Regime im regionalen und interregionalen Kontext und streicht seine Außergewöhnlichkeit heraus. Es ermöglicht den Blick darauf, dass Kambodschaner und andere Opfergruppen vor allem aufgrund der eigenen, kambodschanischen Ideologieadaption und ihrer praktischen Umsetzung millionenfach umgekommen sind, auch wenn sich ein sekundärer ausländischer Einfluss konstatieren lässt. Insbesondere für die Nachfolgegenerationen zeigt ein solches Geschichtsbild die Einflüsse der nicht verarbeiteten Vergangenheit auf die Gegenwartsprobleme auf und eröffnet Möglichkeiten des Umgangs damit.

Die ECCC vermitteln dieses Bild in ihren Informationskampagnen. Die Grenzen der Geschichtsvermittlung offenbaren sich allerdings mit dem Blick auf den Strafverfolgungsfokus der ECCC, der eben nur auf die Senior Leaders abzielt. Im Hinblick auf die Probleme der Gegenwartsbewältigung - Vertreibung, Diebstahl, Armut, Landraub und die restriktive Regierungspolitik - wirkt das Fehlen anderer institutionalisierter Formen der Vergangenheitsaufarbeitung dem innergesellschaftlichen Heilungs- und Aussöhnungsprozess entgegen. Dieser Umstand könnte durch die Einrichtung einer auf die kambodschanischen Bedürfnisse zugeschnittenen Wahrheits- und Versöhnungskommission abgefedert werden, die sich auf den individuellen Ausgleich zwischen Tätern (der unteren Ränge) und Opfern konzentriert.

Eine fruchtbare Geschichtsvermittlung sollte nicht als identitätsstiftende, nationalbetonte und auf die aktuellen politischen Bedürfnisse Kambodschas gerichtete Geschichtsinterpretation begriffen werden. Der Wert der Vermittlung von Geschichte ergibt sich im darin enthaltenen Angebot für die Menschen, verschiedene Interpretationen zuzulassen, kritisch zu betrachten und zu abstrahieren. Als erster Schritt zur Aufarbeitung kann das Verstehen der geschichtlichen Prozesse und ihre Bedeutung für das Individuum im Hinblick auf die Gegenwartsbewältigung in der Postkonfliktgesellschaft angesehen werden. Das erste in Kambodscha publizierte Geschichtslehrbuch über das Regime der Khmer Rouge erschien im Jahr 2007 und soll fortan als Lehrmaterial für Lehrer, Studenten und Schüler eingesetzt werden.[7]

Fußnoten

7.
Vgl. Documentation Center of Cambodia (DCCam), A history of Democratic Kampuchea (1975 - 1979), Phnom Penh 2007.