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8.5.2008 | Von:
Watzal, Ludwig

Editorial

Die zunehmend deutlicher zutage tretenden Schattenseiten der Globalisierung verleihen der Frage nach internationaler Solidarität eine neue Virulenz.

"Internationale Solidarität" wird immer wieder in Festtagsreden beschworen, gleichwohl hat der Begriff an Strahlkraft und Wirkmächtigkeit verloren. Gemeinhin bezeichnet Solidarität ein Zusammengehörigkeitsgefühl von Individuen und Gruppen. Das Konzept der Solidarität erlebte eine Blütezeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sowohl innergesellschaftlich als auch auf internationaler Ebene. In der Arbeiterbewegung steht es für den Zusammenhalt der Arbeiter untereinander und gegenüber den Unternehmern. Internationale Solidarität ist damit eng verbunden. Sie kommt insbesondere in den Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zum Tragen.

Die zunehmend deutlicher zutage tretenden Schattenseiten der Globalisierung verleihen der Frage nach internationaler Solidarität eine neue Virulenz. Durch die Etablierung weltstaatlicher Strukturen schwindet die Fähigkeit der Nationalstaaten, Ungleichheiten auszuschließen, zu bekämpfen oder gar zu verhindern. Hinzu kommt, dass es in einer Anzahl von Ländern überhaupt keine organisierte Staatlichkeit mehr gibt. In diesen Fällen ist zunehmend die Solidarität der internationalen Staatengemeinschaft gefragt.

Supranationale Solidarität fällt nicht vom Himmel. Aus welchen Quellen könnte sich ein solches Solidaritätsgefühl speisen? Selbst in der Europäischen Union kann man nur punktuell von europäischer Solidarität sprechen, weil der Union die nationalstaatlichen, umfassenden Binnenstrukturen hinsichtlich der Gemeinsamkeit und einer normativ-politischen Verfassung fehlen. Vielleicht ist die Verabschiedung des "Vertrages von Lissabon" ein erster Schritt zu einer europäischen Solidarität, die auch auf die globale Ebene ausstrahlen könnte.