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21.4.2008 | Von:
Hartmut Seifert

Alternsgerechte Arbeitszeiten

Arbeitszeit und Arbeitsfähigkeit

Die Arbeitszeit ist eine wichtige Stellgröße für die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten. Sie entscheidet mit über den Verbleib im Erwerbsleben bzw. über den Zeitpunkt, wann der Eintritt in den Ruhestand erfolgt oder erfolgen muss. Geht man vom augenblicklichen Stand der Arbeitsfähigkeit aus, so stehen die Zeichen für einen längeren Verbleib im Erwerbsleben nicht gut. Eine empirische Untersuchung zeigt,[1] dass mehr als die Hälfte aller Befragten sich selbst als im Alter kaum mehr arbeitsfähig einschätzt.[2] Wichtige Determinanten für die Arbeitsfähigkeit sind Gesundheit und Arbeitszufriedenheit. Sie beeinflussen das Renteneintrittsalter.[3] Auf diese beiden Determinanten üben die drei Dimensionen der Arbeitszeit - die Dauer, die Lage und die Verteilung - einen nicht unerheblichen Einfluss aus. Diese Zeitdimensionen überlagern sich in ihren Wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit, sie können sich gegenseitig verstärken und umgekehrt auch abschwächen.

Aus der arbeitswissenschaftlichen Forschung ist der Zusammenhang zwischen Arbeitszeitdauer und Belastung empirisch gut belegt. Die Effizienz der Arbeitsleistung nimmt jenseits etwa der achten Stunde deutlich ab, das Unfallrisiko steigt.[4] Natürlich sind die zeitlichen Belastungen nicht isoliert zu sehen, sondern stehen stets in einem engen Kontext mit anderen Belastungsfaktoren. Die Intensität der Arbeit, hoher Termindruck oder erratischer Arbeitsanfall sind dabei von zentraler Bedeutung. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Erholpausen einlegen zu können. Mit zunehmender Arbeitszeitdauer verringern sich nicht nur die Phasen der Erholung und Regeneration sowie die Zeiten für außerbetriebliche Aktivitäten, sondern auch die für (berufliche) Weiterbildung. Wer einen langen und anstrengenden Arbeitstag hinter sich hat, ist nur noch eingeschränkt in der Lage, Zeit und Energie aufzubringen, um eigeninitiativ in berufliche Weiterbildung zu investieren, das Qualifikationsprofil anzupassen und zu verbessern.

Auch die Lage der Arbeitszeit kann zu Belastungen führen. Nachtarbeit und Wechselschichtarbeit gefährden die Gesundheit.[5] Schlafstörungen, Magen- und Verdauungsbeschwerden oder Herzschmerzen treten häufiger auf als bei Beschäftigten mit Normalarbeitszeit, die durchschnittliche Krankheitsdauer ist länger.[6] Diese atypischen Arbeitszeiten führen außerdem zu Leistungsabfall, zu Fehlhandlungen und zu vermehrten Unfällen. Die Gesundheitsrisiken wachsen mit der Dauer, mit der atypische Arbeitszeiten täglich/wöchentlich sowie im Erwerbsleben insgesamt ausgeübt werden.

Schließlich hängt der Grad der gesundheitlichen Beeinträchtigungen auch von der Verteilung der Arbeitszeit ab.[7] Variable Formen von Dauer und Lage der Arbeitszeit können gesundheitliche Störungen kardial gesteuerterFunktionen (Schlaf, Verdauungssystem) verursachen. Diese Risiken bestehen bei variablen Arbeitszeiten unabhängig von Schichtarbeit. Moderierend wirkt der Grad der Autonomie, die Arbeitszeit nach außerbetrieblichen Anforderungen gestalten zu können. Überraschend ist allerdings das Ergebnis, dass es auch bei selbstbestimmter Variabilität der Arbeitszeit zu Beeinträchtigungen kommt.[8]

Die drei Dimensionen der Arbeitszeit, Dauer, Lage und Verteilung beeinflussen jeweils für sich den Grad gesundheitlicher Belastungen. Je nachdem, in welcher Kombination sie auftreten, verstärken sie die Belastungen kumulativ, und umgekehrt schwächen sie sie ab. Schicht- und Nachtarbeit kombiniert mit langen täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeiten potenzieren die Belastungen, erhöhen die gesundheitlichen Risiken und beeinträchtigen die Arbeitsfähigkeit kumulativ. Und umgekehrt können kurze Arbeitszeiten die Belastungen mildern, die durch ungünstig gelegene Arbeitszeiten entstehen. Geldzuschläge für Nacht- und Schichtarbeit oder auch für überlange Arbeitszeiten kompensieren dagegen die Belastungen nicht. Sie üben vielmehr einen finanziellen Anreiz aus, solche Arbeitszeiten zu wählen.[9]

Eine Gesamtbilanz der Belastungen lässt sich erst ziehen, wenn sämtliche Arbeitszeitdimensionen erstens in ihrer Kombination erfasst und bewertet und zweitens in der Lebenslaufperspektive betrachtet werden. Für die Arbeitsfähigkeit entscheidend ist, mit welchen Arbeitszeiten und welchen Belastungsgraden über welche Zeitspannen im gesamten Erwerbsleben gearbeitet wird. Beide Anforderungen scheitern an der augenblicklichen Datenlage. Sie erlaubt nicht, Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit zu einem dreidimensionalen Arbeitszeitprofil zu kombinieren. Nicht möglich ist bislang ferner, die Arbeitszeiten im Hinblick auf ihre Belastungen in der erwerbsbiografischen Perspektive zu bewerten, da der empirisch gesicherte Erkenntnisstand einen derartig langen Beobachtungszeitraum nicht abdeckt. Analysen zur Belastung und Beanspruchung von Arbeitszeiten beziehen sich auf kürzere Zeiteinheiten (Tag, Woche, Monat). Plausibel erscheint jedoch die Annahme, dass sich Belastungen, die für kurze Zeiträume beobachtet werden, mit zunehmender Dauer des Bezugszeitraumes verstärken. Vermutlich dürfte der Zusammenhang nicht nur ein linearer sein, sondern eher eine exponentielle Kurve beschreiben.

Fußnoten

1.
Vgl. Beatrice Scheubel/Joachim Winter, Rente mit 67: Wie lange die Deutschen arbeiten können, in: ifo Schnelldienst, 61 (2008), S. 26 - 32.
2.
Die Selbsteinschätzung der individuellen Arbeitsfähigkeit gilt als durchaus informativ und kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie medizinische Einschätzungen. Vgl. B. Scheubel u.a., ebd.
3.
Vgl. Jonas Radl, Individuelle Determinanten des Renteneintrittsalters, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wirtschaft und Statistik, 5 (2007), S. 511 - 520.
4.
Vgl. Daniela Janssen/Friedhelm Nachreiner, Flexible Arbeitszeiten, Dortmund-Berlin-Dresden 2004.
5.
Vgl. im Überblick: Giovanni Costa, Shiftwork and health: the heritage of the twentieth century, in: Sonia Hornberger/Peter Knauth/Giovanni Costa/Simon Folkard (eds.), Shiftwork in the 21st Century, Frankfurt/M. 2000, S. 155 - 160.
6.
Vgl. Tatjana Fuchs/Ralph Conrads, Flexible Arbeitsformen. Arbeitsbedingungen, -belastungen und Beschwerden - eine Analyse empirischer Daten, Dortmund-Berlin-Dresden 2003.
7.
Vgl. D. Janssen u.a. (Anm. 4); European Agency for Safety and Health at Work, Expert forecast on emerging psychosocial risks related to occupational safety and health, Luxembourg 2007, S. 42ff.
8.
Vgl. ebd.
9.
Wie Befragungen zeigen, ist zwar etwa die Hälfte der Beschäftigten mit Schicht-, Nacht- oder Wochenendarbeit daran interessiert, zu diesen Zeiten entweder weniger oder gar nicht zu arbeiten. Aber umgekehrt möchte auch etwa die Hälfte der Beschäftigten trotz aller Belastungen und Beeinträchtigungen an diesen Arbeitszeiten festhalten. Vgl. Frank Bauer/Hermann Groß/Klaudia Lehmann/Eva Munz, Arbeitszeit 2003. Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsorganisation und Tätigkeitsprofile, Berichte des ISO 70, Köln 2004