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28.2.2008 | Von:
Oliver Hahn

Arabische Öffentlichkeit und Satellitenrundfunk

Es sind strukturelle Veränderungen in der arabischen und globalen Medienlandschaft im Bereich des Satellitenrundfunks zu verzeichnen. Ist das Öffentlichkeitskonzept von Habermas transkulturell anwendbar?

Einleitung

Seit den Selbstmordanschlägen vom 11.September 2001 und den nachfolgenden Kriegen gegen Afghanistan und den Irak unter Führung der USA ist ein Strukturwandel in der Krisenkommunikation der global vernetzten Medien erkennbar. Vor allem imSatellitenrundfunk treten in den arabischen Märkten neben westlichen Marktführern wie die BBC und CNN lokale Wettbewerber, insbesondere Al-Jazeera, Al-Arabiya und Abu Dhabi TV auf. Seit der Irak-Invasion 2003 gelten die drei arabischen Satellitensender bei vielen westlichen Nachrichtenmedien als glaubwürdige externe Quellen. Dies zeigt sich am Umfang, in dem sie zitiert und ihr Bildmaterial verwendet werden, sowie anhand bestehender Kooperationsvereinbarungen mit westlichen Sendern. Diese Entwicklungen lassen darauf schließen, dass das globale Monopol der US- und europäischen Sender in der Berichterstattung über Konflikte im Nahen und Mittleren Osten aufgebrochen wird. Ein solcher Wandel kann erhebliche Auswirkungen auf die Öffentlichkeit in Fragen der internationalen Beziehungen haben.






Viele Beobachter haben versucht, Veränderungen in der globalen Nachrichtenfernsehlandschaft im Hinblick auf die Entstehung einer transnationalen bzw. transkulturellen Öffentlichkeit zu konzeptionalisieren.[1] Neue Medien in der muslimischen Welt, allen voran das Internet, werden als Motoren einer Öffentlichkeit dargestellt.[2] Eine zunehmende Zahl wissenschaftlicher Arbeiten zu Al-Jazeera beschäftigt sich ebenfalls mit Öffentlichkeitstheorien.[3] Konzeptionalisierungen dieser Art gehen davon aus, dass neben aktuellen strukturellen Veränderungen im weltweiten Medienmarkt die Kulturen des arabischen Nachrichtenjournalismus im Satellitenfernsehen ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung von Öffentlichkeit(en) in der arabischen Welt spielen. Dies setzt gleichzeitig voraus, dass Habermas' Öffentlichkeitsbegriff auf die in der arabischen Welt vorherrschende autoritäre Politik anwendbar bzw. direkt übertragbar ist.[4]

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag basiert auf einer früheren Analyse des Autors: vgl. Cultures of TV News Journalism and Prospects for a Transcultural Public Sphere, in: Naomi Sakr (ed.), Arab Media and Political Renewal. Community, Legitimacy and Public Life, London-New York 2007, S. 13 - 27. Im Folgenden wurden die fremdsprachigen Zitate ins Deutsche übersetzt.

Vgl. Ingrid Volkmer, News in the Global Sphere. A Study of CNN and its Impact on Global Communication, Luton 1999.
2.
Vgl. Jon W. Anderson/Dale F. Eickelman (eds.), New Media in the Muslim World. The Emerging Public Sphere, Bloomington, IN 1999.
3.
Vgl. Mohammed el-Nawawy/Leo A. Gher, Al-Jazeera. Bridging the East-West Gap through Public Discourse and Media Diplomacy, in: Transnational Broadcasting Studies, 10 (2003), in: www.tbsjournal. com/Archives/Spring03/nawawy.html (28.1. 2008); vgl. auch Mohamed Zayani, Arab Satellite Television and Politics in the Middle East, Abu Dhabi 2004.
4.
Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962; engl.: The Structural Transformation of the Public Sphere. An inquiry into a Category of Bourgeois Society, Cambridge, MA 1989.