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28.2.2008 | Von:
Oliver Hahn

Arabische Öffentlichkeit und Satellitenrundfunk

"Medienglokalisierung" und Öffentlichkeitskonzept

Nachrichtenfernsehsender, die weltweit sowohl in der westlichen als auch in der arabischen Welt agieren, versuchen jenseits der Grenzen ihrer eigenen Kultur- und Sprachgebiete neue Märkte und Zielgruppen zu erschließen. Dazu benutzen sie eine Strategie der "Glokalisierung": Um ihre dominante Marktstellung zu wahren, verbreiten sie Inhalte in anderen Sprachen als der ihres Heimatstandorts. Die BBC, CNN und Al-Jazeera verfolgen diese Strategie. So unterhält die BBC seit 1999 eine arabischsprachige Website, die 2003 neu gestaltet wurde. CNN folgte diesem Beispiel 2002. Al-Jazeera stellte zusätzlich zur bestehenden arabischen Website des Senders 2003 englische Seiten ins Netz. Der Sender machte allen voran seine Absicht deutlich, CNN und anderen Anstalten unmittelbar Konkurrenz zu machen, indem er 2006 einen englischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehsender - Al Jazeera English - startete. Im Jahr 2005 beschloss die BBC, einen arabischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehkanal ins Leben zu rufen. Dabei handelte es sich nicht um den ersten Vorstoß der BBC in den arabischsprachigen Nachrichtenfernsehmarkt. Bereits von 1994 bis 1996 hatte die britische Rundfunkanstalt einen arabischsprachigen Nachrichtenfernsehkanal produziert, der von der saudi-arabischen Mawarid Group finanziert wurde. Nach Unstimmigkeiten zwischen dem britischen Sender und dem arabischen Geldgeber hinsichtlich der redaktionellen Freiheit wurde der alte Sender BBC Arabic TV eingestellt. Verschiedenen Medienkritikern zufolge besteht die Gefahr, dass der neue arabischsprachige Fernsehsender der BBC als Kopie von Al-Hurra, dem vom US-Außenministerium finanzierten arabischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehkanal betrachtet wird.[5]

Daneben begann die Deutsche Welle (DW) 2002 ihre Fernsehprogramme mit arabischen Untertiteln zu versehen. Seit 2005 wird auf Arabisch gesendet. Gleichzeitig war Arabisch eine von sechs Pilotsprachen, in denen die Webseiten der DW ab Beginn 2005 gestaltet wurden. Zu erwähnen ist weiterhin, dass der französische Satelliten-Nachrichtenfernsehsender France24 seit 2007 auch auf Arabisch sendet. Russia Today (RTTV) lancierte ebenfalls 2007 einen arabischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehsender, Rusiya al-Yaum. Die Zuschauerperzeption und Bekanntheit der meisten dieser arabischsprachigen TV-Programme, vor allem europäischer Auslandsfernsehsender, ist unter jungen arabischen Akademikern und Multiplikatoren jedoch (noch) als äußerst gering einzustufen.[6]

Medienprojekte wie die obigen gehen davon aus, dass ein bestimmtes Maß an transnationaler bzw. transkultureller Öffentlichkeit möglich ist. Allerdings werfen Versuche, den Begriff der Öffentlichkeit kulturübergreifend anzuwenden, Fragen auf.[7] Wie Jürgen Habermas in seiner normativen, metatheoretischen Studie zum Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit (eher westlich-demokratischer Ausprägung) darstellt, entsteht Öffentlichkeit durch dialogischen, kritisch-rationalen Diskurs.[8] Obgleich der mit Habermas' Ansatz assoziierte, häufig strapazierte Begriff eher charakteristisch für dieGeschichte und politische Entwicklung dreier europäischer Staaten - Großbritannien, Frankreich und Deutschland - ist, wird er heute in zunehmendem Maße abgewandelt in Diskussionen über den transnationalen Raum verwendet. Hans J. Kleinsteuber thematisiert anhand der Rezeptionsgeschichte von Habermas' Schrift die transkulturelle Wissenschaftskommunikation.[9] Habermas' Studie erschien 1962 erstmals auf Deutsch und wurde 1989 ins Englische übersetzt. Dennoch steht die vermeintlich transkulturelle Kommunikation vor einem zentralen Hindernis, denn es gibt in anderen europäischen Sprachen, deren Wortschatz sich auf Ableitungen vom lateinischen publicus beschränkt, übersetzungstechnisch kein Äquivalent für den deutschen Terminus "Öffentlichkeit", abgeleitet aus dem germanischen Wort offen. So wird "Öffentlichkeit" im Englischen als public sphere (bzw. im Französischen als sphère/espace public) übersetzt. Nach Peter U. Hohendahl ist dies ein "ausgesprochener Kunstbegriff".[10] Die Übersetzung public sphere führt dazu, dass dem Öffentlichkeitsbegriff eine räumliche Dimension zugefügt wird, die das Original nicht kennt.[11] Kleinsteuber schlägt daher vor, den Neologismus openicity als treffenderes Übersetzungsäquivalent für "Öffentlichkeit" zu prägen.[12]

Eine weitere Schwierigkeit, die der kulturübergreifenden Verwendung des Terminus innewohnt, ergibt sich aus der Rezeptionsgeschichte von Habermas' Werk im deutschen und außerdeutschen Kontext. In den ersten Jahren nach ihrer Veröffentlichung wurde die Originalschrift nur unter deutschsprachigen Philosophie- sowie Geistes- und Sozialwissenschaftlern ausführlich diskutiert - jedoch ohne nennenswertes internationales Feedback. In jüngster Zeit sind derartige Diskussionen in diesen Disziplinen fast gänzlich abgeebbt. Nach der Übersetzung ins Englische erlebte der so genannte Habermasian Approach (Habermas'sche Ansatz) allerdings in internationalen Wissenschaftskreisen eine Renaissance, die bis heute fortdauert. Im Ergebnis "hat die Rezeption längst ein Eigenleben begonnen".[13] So verknüpfen britische Kommunikationswissenschaftler Diskussionen über eine florierende Öffentlichkeit mit Argumenten für eine (finanzielle) Stärkung des öffentlichen Rundfunks.[14] Gleichzeitig diskutieren anglophone Wissenschaftler die Fähigkeit der Medien, Öffentlichkeit zu vermitteln.[15] Jenseits der Grenzen Deutschlands werden die Möglichkeiten der Entstehung einer bzw. mehrerer europäischer Öffentlichkeiten intensiv debattiert.[16] In ähnlicher Weise gilt dies, wie dargestellt, auch für neue Medien in der arabischen Welt.[17]

Fußnoten

5.
Vgl. Christiane Buck, BBC gegen al-Dschasira. Der britische Sender soll für 50 Millionen Euro jährlich einen arabischsprachigen Fernsehkanal starten, in: Die Welt vom 22.10. 2005.
6.
Vgl. Oliver Hahn/Ibrahim Saleh, Sense-Making between Media Occident and Orient. Audience Perception of Arabic TV Services of International Satellite Broadcasters Deutsche Welle, France24, and Russia Today in Egypt. A Pilot Study by The Arab-European Media Observatory, (i.E.) 2008.
7.
Vgl. Colin Sparks, Is there a global public sphere?, in: Daya K. Thussu (ed.), Electronic Empires. Global Media and Local Resistance, London 1998, S. 108 - 124.
8.
Vgl. J. Habermas (Anm. 4).
9.
Vgl. Hans J. Kleinsteuber, Strukturwandel der europäischen Öffentlichkeit? Der Öffentlichkeitsbegriff von Jürgen Habermas und die European Public Sphere, in: Lutz M. Hagen (Hrsg.), Europäische Union und mediale Öffentlichkeit. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde zur Rolle der Medien im europäischen Einigungsprozess, Köln 2004, S. 29 - 46.
10.
Peter U. Hohendahl (Hrsg.), Öffentlichkeit. Geschichte eines kritischen Begriffs, Stuttgart 2000, S. 1.
11.
Vgl. Tatsuro Hanada, Toward a politics of the public sphere, in: ders. (ed.), The public sphere and communication policy in Japan and the UK, in: Review of Media, Information and Society, 4 (1999), S. 115 - 134.
12.
H. Kleinsteuber (Anm. 9), S. 34.
13.
Ebd., S. 33.
14.
Vgl. Nicholas Garnham, The media and the public sphere, in: ders. (ed.), Capitalism and Communication. Global Culture and the Economics of Information, London 1990 (Orig. 1986), S. 104 - 114; ders., The media and the public sphere, in: Craig Calhoun (ed.), Habermas and the Public Sphere, Cambridge, MA 1992, S. 359 - 376.
15.
Vgl. Craig Calhoun, Introduction. Habermas and the public sphere, in: ders. (ebd.), S. 1 - 48; Peter Golding, The mass media and the public sphere. The crisis of information in the "information society", in: Stephen Edgall/Sandra Walklate/Gareth Williams (eds.), Debating the Future of the Public Sphere. Transforming the Public and Private Domains in Free Market Societies, Aldershot 1995, S. 25 - 40.
16.
Vgl. Risto Kunelius/Colin Sparks (eds.), The European Public Sphere. Dreams and Realities, Javnost/The Public, 8 (2001) 1.
17.
Vgl. J. W. Anderson/D. F. Eickelman (Anm. 2).