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28.2.2008 | Von:
Oliver Hahn

Arabische Öffentlichkeit und Satellitenrundfunk

Krisenkommunikation und interkulturelle Störfälle

Die bereits skizzierten, zum Teil direkten kreuzkontextuellen Transfers, Anwendungen und Adaptionen des (eher westlich-demokratischen) Öffentlichkeitskonzepts stellen eine theoretische Matrix dar, die an den sozialen Realitäten westlichen und arabischen Satellitenrundfunks überprüft werden muss. Trotz aller Tendenzen in Richtung "Glokalisierung" oder/und Globalisierung bleibt die Nachrichtengeographie des Satellitenrundfunks entscheidend in der Krisenkommunikation. Daher ist es aufschlussreich, die politisch-kulturellen Fundamente unterschiedlicher Konfliktperspektiven und ihres Einflusses auf die Nachrichtenselektion und -präsentation zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang stellt der damalige Chefredakteur der libanesischen Tageszeitung "The Daily Star", Rami Khoury, die Hypothese auf: "Die elektronischen Massenmedien sind der einzige Sektor, in dem ein Kräftegleichgewicht zwischen USA und arabischer Welt besteht."[18] Diese Kräftebalance resultiere aus einer Art Wettrüsten zwischen den modernen, global vernetzten arabischen und westlichen Medienwelten, die beide ihre Satelliten-Nachrichtenfernsehsender gleichsam als Massenkommunikationswaffen regelmäßig mobilisieren. Jede Seite stellt ihre jeweils eigene Perspektive der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen politisch-kulturellen Prägung dar. Statt mit ihren deutlich voneinander abweichenden Standpunkten hinter dem Berg zu halten, nutzen beide Seiten diese zur Selbstdarstellung. So umwarb Al-Jazeera beispielsweise seine Zuschauer während des Irakkriegs 2003 mit Versprechen, über die von US-Bomben getroffenen Ziele zu berichten, und warf CNN vor, lediglich das Flugzeug zu zeigen, von dem aus die amerikanischen Streitkräfte Bomben abwarfen. "Der Konkurrenzkampf um Einschaltquoten kommerzialisiert die Opferperspektive und dämonisiert Täter-Televisionen."[19] Im Ergebnis liefern sich arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender einen "kalten Medienkrieg".[20] Einerseits sind beide Seiten in ihren eigenen (politischen) Kulturen, gesellschaftlichen Werten und Kommunikationssystemen verhaftet, die sie mit ihrer jeweiligen Zielgruppe teilen. Andererseits prägen beide diese Kulturen, Werte und Kommunikationssysteme.

Um eine von Medien aus fremdkulturellen und -sprachlichen Systemen und Kontexten verbreitete Information zu senden und zu empfangen, zu erklären und zu verstehen, bedarf es der genauen Kenntnis dieser Systeme und Kontexte. Nach frühen anthropologischen Erkenntnissen über interkulturelle Kommunikation unterscheiden sich Kulturen weltweit in der Regel durch ihre Kommunikationssysteme.[21] Daher ist jede Information im Rahmen der interpersonellen als auch der Massenkommunikation kulturell geprägt und kodiert. Keine Information ist per se eindeutig. Sie erhält erst in ihrem kulturellen Kontext Bedeutung. Folglich kann ein und dieselbe Information in unterschiedlichen kulturellen Kontexten unterschiedliche Bedeutung haben. Heutige arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender operieren nicht in hermetisch abgeriegelten Räumen, sondern in den jeweiligen politisch-kulturellen Kontexten und Kommunikationssystemen ihrer Publika. Aus diesem Grund können die Perspektiven der Konfliktberichterstattung extrem voneinander abweichen. Die von beiden Seiten geforderte journalistische Objektivität kann nur vor dem Hintergrund der jeweiligen politisch-kulturellen Kontexte bewertet werden.

Mohammed el-Nawawy und Adel Iskandar haben darauf hingewiesen, dass Nachrichtenwerte und Selektionskriterien von "Kontextobjektivität" geprägt sind.[22] Sie illustrieren ihre kontroverse Theorie anhand des Minotaurus, der griechischen Sagengestalt mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Stiers: "Kontextobjektivität reflektiert das Instinktive und das Rationale, das Relativistische und das Positivistische."[23] Sie stelle einen Versuch dar, die eklektisch diskursiven und epistemologischen Spannungen zwischen dem Relativismus des Nachrichtenempfängers und dem empirischen Positivismus des Nachrichtensenders zu artikulieren und zu erfassen.[24]

Das Aufeinandertreffen verschiedener Standpunkte oder Kontextobjektivitäten von Vertretern verschiedener Medien- oder Journalismuskulturen kann interkulturelle Störfälle verursachen. Ein Beispiel dafür war Anfang 2006 der Streit um die Entscheidung einiger europäischer Medien, trotz der in den Medien arabischer Länder artikulierten heftigen Empörung die z. T. beleidigenden Mohammed-Karikaturen abzudrucken, die zunächst von der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht worden waren. Während viele europäische Medien sich der Verurteilung vermeintlicher theokratischer Zensur anschlossen, benutzten die meisten arabischen Nachrichtensprecher in Bezug auf die Kontroverse Formulierungen wie al-nabi al-karim ("der verehrte Prophet").[25]

Verständnisschwierigkeiten ergeben sich auch aus der Verwendung nicht exakter Übersetzungsäquivalente. So haben zahlreiche arabische Medien in der Vergangenheit für palästinensische Selbstmordattentäter in Israel dasselbe Wort wie für die Opfer gewaltsamer Konflikte benutzt, das vom Verb "bezeugen" abgeleitet ist, aber auch "hingeschieden" bedeutet. Allerdings wird es oft auch mit "Märtyrer" übersetzt - ein Terminus, der im Westen häufig als Parteinahme für die Sache der Palästinenser verstanden wird. Ebenso übernehmen westliche Nachrichtensender vom Militär geprägte Euphemismen, wenn es um den arabisch-israelischen Konflikt geht. So sprechen sie von den Einsätzen der israelischen Armee gegen vermeintliche palästinensische Attentäter als "gezielte Tötungen", statt diese korrekter als "Morde" zu bezeichnen. Diese Beispiele verdeutlichen, dass interkulturelle Störfälle aus internationalen kulturellen und politischen Machtverhältnissen und ihren Folgen für die Kommunikation resultieren.[26]

Fußnoten

18.
Zit. nach Andrea Nüsse, Die Massenmedien als Kriegswaffen. Tagung in Beirut zu den Arbeitsbedingungen von Journalisten im arabischen Raum, in: Stuttgarter Zeitung vom 11.5. 2004, S. 27.
19.
Oliver Hahn, Die tiefen Gräben der globalen Medienwelt. Interkulturelle Medienkompetenz, Krisenkommunikation und der Kampf um regionale und lokale Absatzmärkte, in: Frankfurter Rundschau vom 9.12. 2003, S. 9.
20.
Rainer Hermann, Den Amerikanern ebenbürtig. Aber die arabische Kritik an Al Dschazira hat in letzter Zeit zugenommen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 7.5. 2004, S. 10.
21.
Vgl. Edward T. Hall, The Silent Language, New York 1959; ders., The Hidden Dimension, New York 1966; ders., Beyond Culture, New York 1976.
22.
Mohammed el-Nawawy/Adel Iskandar, Al-Jazeera. How the Free Arab News Network Scooped the World and Changed the Middle East, Boulder, CO 2002, S. 27, S. 54, S. 202.
23.
Mohammed el-Nawawy/Adel Iskandar, The Minotaur of "Contextual Objectivity". War coverage and the pursuit of accuracy with appeal, in: Transnational Broadcasting Studies, 9 (2002), in: www.tbsjournal. com/Archives/Fall02/Iskandar.html (28.1. 2008).
24.
Vgl. ebd.
25.
Vgl. Risto Kunelius/Elisabeth Eide/Oliver Hahn/Roland Schroeder (eds.), Reading the Mohammed Cartoons Controversy. An International Analysis of Press Discourses on Free Speech and Political Spin, Bochum-Freiburg 2007.
26.
Vgl. Heike Bartholy, Barrieren in der interkulturellen Kommunikation, in: Horst Reimann (Hrsg.), Transkulturelle Kommunikation and Weltgesellschaft. Zur Theorie and Pragmatik globaler Interaktion, Opladen 1992, S. 174 - 191.