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6.2.2008 | Von:
Heribert Dieter

Der IWF auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Die Abkehr Ostasiens vom IWF

In Ostasien wird der Trend zur Emanzipation vom IWF besonders deutlich. Die Volkswirtschaften der Region haben in den vergangenen zehn Jahren gigantische Währungsreserven akkumuliert. China einschließlich Hongkong verfügte Ende des Jahres 2006 über Devisenreserven von rund 1 100 Mrd. US-Dollar, die im Jahr 2007 auf über 1 300 Mrd. angewachsen sind. Südkorea hat seine Reserven seit 1998 auf über 240 Mrd. US-Dollar mehr als verzehnfacht. Und die Inselrepublik Singapur verfügt zurzeit mit knapp 140 Mrd. US- Dollar über höhere Währungsreserven als China im Jahr 1997.

Dank dieser Währungsreserven, die sich in der Region heute bereits auf mehr als 3 000 Mrd. US-Dollar summieren, werden die meisten Volkswirtschaften Ostasiens künftig in der Lage sein, spekulative Attacken auf die eigene Währung oder einen dramatischen Abfluss von ausländischem Kapital mit großer Aussicht auf Erfolg abzuwehren. Den IWF benötigen sie dazu nicht mehr. Zum Vergleich: In der Asienkrise wurden den ostasiatischen Ländern Thailand, Indonesien und Südkorea vom IWF, der Weltbank und bilateralen Gebern Kredite von insgesamt 110 Mrd. US-Dollar zur Verfügung gestellt.

Ganz offenkundig ist die in Asien zu beobachtende Anhäufung von Währungsreserven eine Reaktion auf das vom IWF angewandte Krisenmanagement. Staaten akkumulieren trotz der damit verbundenen hohen Kosten Reserven, um im Falle einer Finanzkrise liquide bleiben zu können.[2] In vielen Ländern ist der Fonds kein gern gesehener Berater mehr. Selbst mehr als zehn Jahre nach Ausbruch der Krise in Asien sind die damaligen Wunden nicht völlig verheilt. Ein Problem ist dabei, dass aus den Erfahrungen der Asienkrisen vom IWF keine Lehren gezogen wurden.

Vordringlich bleibt ein effizienteres Krisenmanagement, und gerade zu diesem Punkt liefert der IWF keine Antworten. In der Folge der Asienkrise hatte er zunächst einige neue Kreditinstrumente geschaffen, etwa die Contingent Credit Lines (CCL), die jedoch inzwischen mangels Nachfrage schon wieder abgeschafft worden sind. Die Gründe für das mangelnde Interesse an den CCL liegen auf der Hand: IWF-Mitgliedsländer hätten sich einem Prüfprogramm unterziehen müssen, um in einer eventuell eintretenden Finanzkrise auf Kredite aus dem CCL-Programm zurückgreifen zu können. Damit waren zwei Probleme verbunden: Erstens hätte schon die Anmeldung eines Landes zum CCL-Programm den Argwohn der Akteure auf den internationalen Finanzmärkten hervorrufen können. Die präventive Maßnahme CCL hätte also ungewollt zu einer Krise führen können. Zweitens hätte die Vorab-Registrierung den Zugang zu Krediten nicht garantiert. Im Endeffekt hätten sich Regierungen also nicht darauf verlassen können, dass der IWF in einer Krise rasch und großzügig Mittel bereitstellt. Entwicklungs- und Schwellenländer haben ein solch ungenügendes Angebot verständlicherweise nicht in Anspruch genommen.

Entwicklungs- und Schwellenländer sind in den 1980er und 1990er Jahren immer wieder mit Finanzkrisen konfrontiert gewesen, und vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen erwarten diese Länder, dass der Fonds ein transparentes und bindendes Angebot zur Bereitstellung finanzieller Mittel in einer Kreditkrise macht, aber hierzu gibt es keine neuen Angebote. Im IWF wird zwar über ein neues Instrument, die Reserve Augmentation Line (RAL), diskutiert. Diese Kreditlinie soll schnell bereitgestellt werden und nur an minimale Konditionalität gebunden sein.[3] Eine Implementierung dieses neuen Instruments ist aber noch nicht absehbar. Nicht zuletzt deshalb hält der Aufbau der immensen Währungsreserven an.

Die Staaten Ostasiens beschränken sich aber nicht auf die unilaterale Akkumulation von Devisenreserven. Zugleich arbeiten sie im Rahmen der so genannten Chiang-Mai-Initiative seit dem Jahr 2000 an der Entwicklung eines regionalen Liquiditätsfonds. Zunächst sahen die Vereinbarungen im Rahmen der Chiang-Mai-Initiative bilaterale Swaps, d.h. den Tausch von Landeswährung gegen andere Devisen, vor. Im Jahr 2007 erreichte das Gesamtvolumen dieser Vereinbarungen ein Niveau von 83 Mrd. US-Dollar. Zwar ist dies relativ wenig in Relation zu den Devisenreserven der beteiligten Länder. Bei der Bewertung des Kooperationsprozesses in der Region ist jedoch zu bedenken, dass es im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Allgemeinen und der finanzpolitischen im Besonderen bis vor wenigen Jahren überhaupt keine nennenswerte Kooperation gab. Damit hat Ostasien begonnen, ein neues internationales Regime zur Stabilisierung der Währungs- und Finanzbeziehungen zu schaffen. Zwar sind die Länder der Region noch nicht bereit, leistungsfähige regionale Institutionen aufzubauen, aber der Wunsch nach Emanzipation von der schwach legitimierten Macht des IWFs ist deutlich erkennbar.

Fußnoten

2.
Vgl. ebd., S. 158.
3.
Vgl. ebd., S. 161.