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6.2.2008 | Von:
Heribert Dieter

Der IWF auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Entzauberung des amerikanischen Modells

Für den IWF stellt die Finanzkrise des Jahres 2007 in den Vereinigten Staaten ein erhebliches Problem dar. Über sehr lange Zeit wurde das amerikanische Finanzsystem Entwicklungs- und Schwellenländern als Modell gepriesen. Amerika verfügte, so die vom IWF vertretene Einschätzung, über ein überlegenes Finanzsystem. Im Jahr 2005 führte der IWF die mit allen Mitgliedsstaaten regelmäßig durchgeführten Konsultationen durch. Dabei wurde auch der Finanzsektor überprüft und als krisenfest bewertet. Der IWF betonte, die Verbriefung der Kreditrisiken habe zu einer Senkung der Risiken für den amerikanischen Finanzsektor geführt.[10]

Die Währungs- und Finanzkrise in den USA führt nun aber zur Entzauberung des amerikanischen Wirtschaftsmodells - insbesondere des Finanzsektors. Nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt wird die Organisation des amerikanischen Finanzmarktes als fragwürdig empfunden. Ein Vertreter des Verbandes deutscher Bausparkassen stellte klar, dass "eine lasche Kreditvergabepraxis und Finanzierungen ohne Eigenkapital, die außerdem vom Staat durch steuerliche Subventionen begünstigt werden, kein Vorbild sind".[11] Der Präsident der Sparkassenorganisation, Heinrich Haasis, meinte am Rande der Herbsttagung 2007 von IWF und Weltbank in Washington: "Auf Dauer werden auch die Amerikaner nicht Banken in der ganzen Welt für ihre Kurzfristorientierung und unzureichenden Standards über Forderungsausfälle und Inflationsgefahren bezahlen lassen können".[12] Es ist bemerkenswert, dass die einst als so effizient klassifizierte Wall Street von einem deutschen Sparkassendirektor eine Standpauke hinsichtlich unzureichender Standards bekommt.

Aber auch in Schwellenländern gärt es gewaltig. Der brasilianische Finanzminister Guido Mantenga äußerte bei der Herbsttagung des Jahres 2007 heftige Kritik an den USA. Es sei eine Ironie der Geschichte, dass das Land, das als Referenz für ein hoch entwickeltes Finanzsystem, eine effiziente Finanzaufsicht und erstklassiges Risikomanagement diente, heute die Stabilität der Weltwirtschaft gefährde.[13]

Die Bedeutung der amerikanischen Finanzkrise für die Glaubwürdigkeit des vom IWF lange propagierten Modells, das angelsächsisch geprägte Finanzmärkte als besonders empfehlenswert ansah, ist kaum zu überschätzen. Die Verbriefung von Krediten, das heißt die Bündelung in Wertpapieren, sollte in Verbindung mit der verstärkten Nutzung von derivativen Finanzprodukten zu einer besseren Bewertbarkeit der Kreditrisiken führen. Gleichzeitig war vorgesehen, diese dadurch aus dem Bankensystem herauszunehmen.[14] Die Risiken sollten von denjenigen Akteuren auf Finanzmärkten übernommen werden, die dazu am besten in der Lage seien. Die erhoffte Stabilisierung der Finanzmärkte ist aber nicht eingetreten. Stattdessen lasteten die Risiken auf den Schultern von Gläubigern, die gar nicht wussten, welche Risiken sie übernommen hatten.[15] Die Finanzmärkte wurden durch die Verbriefung von Krediten intransparenter und damit krisenanfälliger. Der amerikanische Ökonom Paul Krugman stellte fest, dass die Finanzinnovationen der vergangenen Jahre nicht zu einer breiteren Verteilung von Risiken, sondern vor allem zur Verbreitung von Konfusion geführt hätten. Investoren - von deutschen Landesbanken bis hin zum Investitionsfonds staatlicher Schulen in Florida - ließen sich zu risikoreichen Geldanlagen verleiten, bei denen die Anleger zwar die Renditechancen, nicht aber die Risiken verstanden.[16] Die Krise in den USA hat zudem gezeigt, dass die Kredit gebenden Banken wenig Sorgfalt walten ließen, vor allem deshalb, weil sie nicht das Ausfallrisiko trugen.[17]

Der IWF hat seit langem die Umstellung der Finanzmärkte vom klassischen Modell, in dem Banken als Kreditgeber fungierten, zu einem auf Verbriefung setzenden Modell auch für Entwicklungs- und Schwellenländer gefordert. Die nun offensichtlich werdenden Schwächen des angelsächsischen Finanzmarktmodells sind eine weitere Herausforderung für den IWF, ohne dass dieser sich bislang positioniert hätte.

Fußnoten

10.
Article IV Consultation with the United States 2005, IMF Country Report 05/257. Der IWF hat - anders als eine Reihe von Beobachtern - in der Kombination von stark ansteigenden Immobilienpreisen und der Verbriefung von Kreditrisiken kein Problem gesehen.
11.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 10. 8. 2007, S. 41.
12.
FAZ vom 22. 10. 2007, S. 21.
13.
Vgl. International Herald Tribune vom 21. 10. 2007.
14.
Bei Kreditrisiken können durch Derivative Produkte einzelne Tranchen mit unterschiedlichen Risikoklassen und entsprechend unterschiedlichen Renditen versehen werden.
15.
Vgl. Martin Wolf, Why the credit squeeze is a turning point for the world, in: Financial Times vom 12. 12. 2007, S. 13.
16.
Vgl. Paul Krugman, The making of a mess, in: International Herald Tribune vom 4. 12. 2007, S. 9.
17.
Vgl. Günter Franke/Jan Pieter Krahnen, Finanzmarktkrise: Ursachen und Lehren, in: FAZ vom 24. 11. 2007, S. 13.