30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

18.1.2008 | Von:
Jessica Gienow-Hecht

Europäischer Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert

Krieg und Zwischenkrieg

In den Jahrzehnten nach der amerikanischen Revolution von 1776 zeigten viele Europäer große Sympathien für das neue Land und dessen politische Form. Gerade weil die Französische Revolution von 1789 keine langfristige Systemveränderung gebracht hatte, blieben die USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts der einzige Staat, der sich an den Prinzipien der Aufklärung orientierte. Dementsprechend wurde er schnell zum Zielobjekt all jener, die sich von den Idealen einer modernen demokratischen Gesellschaft entweder angezogen oder abgestoßen fühlten.

Positive Beschreibungen der amerikanischen Gesellschaft blieben ein Thema bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Karl May, Friedrich Gerstäcker und andere entwickelten das Bild eines romantischen Westens, wo menschliche Werte hoch gehalten, jedoch ständig von europäischer Korruption gefährdet wurden. Gerade die scheinbare Geschichtslosigkeit des Landes faszinierte viele Beobachter. Johann Wolfgang von Goethe rief 1827 aus: "Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, der alte, / Hast keine verfallenen Schlösser / Und keine Basalte. / Dich stört nicht im Innern / Zu lebendiger Zeit / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit."

Ebenso jedoch entwickelten sich in den europäischen Gesellschaften nach 1776 latent antiamerikanische Züge, die sich im 19. Jahrhundert zu einer Kritik an amerikanischer Kultur und Moderne verfestigten und bis 1914 intakt blieben. Holländische Händler beobachteten das Ende der Unabhängigkeitsrevolution mit großem Argwohn: Sie befürchteten, dass der Kurs der neuen Nation ihren Geschäftsinteressen schaden könnte. Dies ist einer der Gründe, warum eines der ältesten Stereotype darin besteht, dass die USA ein materialistisches Land sind, in welchem Geld alles beherrscht. In der Romantik kam die Kritik an der "abstrakten Freiheit" und den "abstrakten Prinzipien" hinzu.

Dieser Kontrast zwischen europäischer Weisheit und amerikanischer Geschichtslosigkeit, zwischen europäischem Niedergang und amerikanischer Kraft wird bis heute immer wieder im öffentlichen Diskurs betont. Der Mythos des Tellerwäschers, der in den USA zum Millionär wurde, die zwanghafte Ausklammerung alles "Amerikanischen" von Werten und Worten und die Unfähigkeit, Amerika als eigenes Land statt als schrille Abweichung von der europäischen Norm zu sehen, wurzeln im 19. Jahrhundert, als Europa sich von einer feudalen zu einer bürgerlichen Gesellschaft veränderte.

1901 veröffentlichte der britische Autor W. T. Stead The Americanization of the World or The Trend of the Twentieth Century. Nach Stead war am wachsenden Einfluss Amerikas auf die Kultur, Politik, Finanzen und industrielle Produktion anderer Länder nichts mehr zu ändern; doch wie sollte man damit umgehen? Die meisten Menschen verabscheuten die USA, obwohl sie sich individuell längst mit amerikanischen Dingen in ihrer individuellen Umgebung umgeben hatten.[4] Stead hatte kein antiamerikanisches Traktat schreiben wollen; dennoch wurde das Werk zum Sprachrohr all jener Ängste, die wir heute noch kennen: die Angst, dass US-amerikanische Kultur den Rest der Welt erobern, die Wirtschaft anderer Länder ersticken und europäische Identität(en) abtöten würde.

Bis zum Ersten Weltkrieg wurden diese Ängste von konservativen Eliten formuliert, die sich gegen die Moderne und deren Versinnbildlichung in amerikanischen Publikationen, Ideen und Kulturprodukten äußerten. Im 20. Jahrhundert begannen Generationen von Intellektuellen und Beobachtern, darunter Kritiker wie Ernst Jünger, Martin Heidegger, Herbert Marcuse und Emmanuel Todd, die USA als Ort einer gigantischen menschlichen Katastrophe darzustellen. Was war passiert? Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich die Debatte - und damit philo- und antiamerikanische Perspektiven - mit Hilfe von Büchern, Pamphleten, Comics, Musik, Werbung, Film und Mode über die USA. Die Fließbandfabrik des Automobilhersteller Henry Ford in Detroit und die Vision einer Transformation von einer landwirtschaftlich orientierten zu einer industriellen Massengesellschaft hatten profunden Einfluss auf die europäischen Gesellschaften nach 1918. Diese Vision inspirierte Aldous Huxleys satirischen Roman "Schöne Neue Welt," José Ortega y Gassets einflussreiches Werk über Sozialtheorie, "Rebellion der Massen", ebenso wie Robert Arnauds und André Dandieus "Der amerikanische Krebs".

Unter allen europäischen Ländern stand das Deutsche Reich amerikanischen Einflüssen wohl am offensten gegenüber. Während der Weimarer Republik kam es zu philoamerikanischen Wellen, als sich diese sowohl kulturell als auch industriell an die USA annäherte. Viele Beobachter und Intellektuelle unterstützten eine Affinität mit den USA. Und wie viele Europäer bewunderten auch viele Deutsche amerikanische Athleten, so zum Beispiel bei den Olympischen Spielen von 1936, als der African-American Jesse Owens zum Lieblingsathleten der Zuschauer avancierte.

Gleichzeitig jedoch zeigte die Gesellschaft der Weimarer Jahre einen ausgeprägten Antiamerikanismus, ausgelöst durch den Versailler Friedensvertrag, Wilsons 14 Punkte und die Tatsache, dass die Passivität der USA den Friedensvertrag und die alliierten Reparationsforderungen möglich gemacht hatte. Intellektuelle und Schriftsteller wie Erwin Kisch und Bertolt Brecht benutzten das Beispiel der USA, um entweder das Übel des Kapitalismus oder das Gespenst einer seelenlosen, kindischen und oberflächlichen Gesellschaft zu porträtieren.[5] Einer der berühmtesten antiamerikanischen Autoren dieser Zeit war Adolf Halfeld, der die "geplante Kultur" und die "sterbende Landschaft" unter dem Joch der US-Industrie beschrieb.[6]

Widersprüchliche Tendenzen zwischen Bewunderung und Zurückweisung finden sich auch in der Unterhaltungskultur dieser Jahre wieder, insbesondere in der Filmindustrie, deren Mitglieder oft Hollywood und die USA ablehnten. Filme mit regionalem Hintergrund, etwa "Der verlorene Sohn" (1934) mit Luis Trenker, zeigten die USA als Land der Depression und der Verführung, ein Land in den Klauen wirtschaftlicher Zyklen. Der Film handelt von einem verarmten Deutschen in New York und kontrastiert die amerikanische Moderne mit alpinem Heimatglück in den Dolomiten. Doch für jeden Trenker-Film entstand ein anderer Streifen, der ein weitaus positiveres Bild der amerikanischen Freiheit und Gesellschaft malte. Fritz Langs Klassiker "Metropolis" (1927) verwies auf philoamerikanische Tendenzen in Deutschland: Lang demonstrierte die Sehnsucht nach einer Synthese zwischen Moderne und Tradition, Arbeitskraft und Kapital, Mann und Frau in der Umgebung der Neuen Welt.

Im "Dritten Reich" setzten sich die Paradoxe fort. Adolf Hitler betrachtete die USA als schwaches und militärisch inkompetentes Land, das von minderwertigen "Rassen" und dem allmächtigen Dollar dominiert werde. Gleichzeitig interessierten sich die Nationalsozialisten für die technologische Entwicklungen in den USA ebenso wie für Massenproduktion, Konsumgüter sowie Modernisierungs- und Rationalisierungsmassnahmen in der amerikanischen Wirtschaft. Und obwohl die Reichsleitung amerikanische Filme, Jazz und Swingmusik verbot, standen diese bis Kriegsende bei deutschen Konsumenten und Soldaten hoch im Kurs.

Auch die europäischen Demokraten hegten ein ambivalentes Bild der USA. Trotz aller Antipathien auf Seiten der französischen Eliten und Intellektuellen unternahm die Regierung zwischen 1900 und 1940 große Anstrengungen, um die Gunst der Amerikaner zu gewinnen. Privat mochte man sich an den Behauptungen nationaler Größe in den USA stören, doch es war französischen Entscheidungsträgern klar, dass Frankreich mehr Kontrolle über seine Identität als über seine Produktionsressourcen hatte, Ressourcen, die das Land brauchte, wenn es eine moderne Großmacht sein wollte. In vielen Kreisen galt es daher als chic, eine antiamerikanische Haltung mit einem tiefen Gefühl für die US-französische Freundschaft zu verbinden. Trotz aller politischen Frustration blieb der französische Antiamerikanismus der Zwischenkriegszeit ein kulturelles Phänomen, das aus jener Gruppe französischer Intellektueller hervorging, die die USA am besten kannten, darunter André Tardieu und Georges Duhamel. Manche kritisierten die Massengesellschaft, während andere sich über die internationale Macht der USA erregten. Ihnen gemeinsam blieb eine retrospektive Haltung, mittels derer sie den Niedergang Frankreichs und die Modernisierung der Gesellschaft beklagten.[7]

Weder die Katholiken der Vorkriegszeit noch die jungen Führer des Vichy-Regimes während der Zeit der deutschen Besatzung kamen an diesem Widerspruch vorbei: Sie waren davon überzeugt, dass man, wenn man der Amerikanisierung des Landes aus dem Wege gehen und Frankreich seine kulturelle Essenz wiedergeben wollte, mit Kollaborateuren zusammenarbeiten müsse, selbst wenn dies die Diskriminierung der Juden und die Unterminierung der französischen Widerstandsbewegung bedeutete. Daher wünschten sich die französischen Entscheidungsträger im Zweiten Weltkrieg ein großzügiges, aber weit entferntes Amerika, und statt eines bewaffneten Widerstandes gegen die Deutschen hofften sie auf eine Art Wiederbelebung des französischen Geistes von innen.

Die Zwischenkriegszeit zeigt insgesamt ein heterogenes Bild der europäischen USA-Perzeption. Über die allgemeine Bewunderung für die amerikanische Industrie und Roosevelts Wirtschaftsprogramm hinaus herrschte große Faszination für das "amerikanische System" sozialer Organisation. Gleichzeitig jedoch blieb kultureller Antiamerikanismus ein Merkmal faschistischer und konservativer Kreise, die in den USA eine Bedrohung europäischer Traditionen, nationaler und regionaler Identitäten sowie Europas innerer Erneuerung in den 1930er Jahren sahen.

Fußnoten

4.
Vgl. W. T. Stead, The Americanization of the World of the Trend of the Twentieth Century, New York-London 1901/1902.
5.
Vgl. Alfred Kerr, Yankeeland. Eine Reise von Alfred Kerr, Berlin 1925.
6.
Vgl. Adolf Halfeld, Amerika und der Amerikanismus. Kritische Betrachtungen eines Deutschen und Europäers, Jena 1927, S. 191.
7.
Vgl. David Strauss, Menace in the West. The Rise of French Anti-Americanism in Modern Times, Westport, Conn. 1978, S. 65 - 77.