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18.1.2008 | Von:
Jessica Gienow-Hecht

Europäischer Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert

Kalter Krieg

Die Debatte über Amerika veränderte sich im Kalten Krieg drastisch, als sie sich politisierte. Schon immer hatte es politische Kritik an den USA gegeben, vor allem nach Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages. Doch erst in den 1950er Jahren, als sich in den USA eine breite antikommunistische Bewegung erhob, begannen europäische Beobachter mit der Formulierung einer Kritik, die politische Ideologie akzentuierte. Philo- und Antiamerikanismus wurden alltäglich.

Trotz aller politischen Kooperation im westlichen Bündnis verbreitete sich Antiamerikanismus in Europa während des Kalten Krieges; überall verbanden sich kulturelle und politische Anliegen mit regionalen Befindlichkeiten. In Frankreich beispielsweise wurde Antiamerikanismus zur entscheidenden Haltung beim Bruch zwischen den Kommunisten und Sozialisten nach 1947. Amerikanischer Expansionismus, die NATO und der Einfluss amerikanischer Künstler erschienen den französischen Eliten als bedrohlich - nicht aber dem breiten Publikum. Junge Franzosen zeigten Begeisterung für den "American Way of Life", mit Konsumkultur, höherem Lebensstandard und wirtschaftlichem Aufschwung. Für viele Franzosen wurden die USA zu einer Art "Gegenmythos", ein Werkzeug im Kampf gegen die kulturlose Masse; ihre Haltung hatte wenig mit der Realität internationaler Beziehungen zu tun.

Während Sprache, Kunst und Konsum die französischen Kritiker amerikanischer Kultur beschäftigte, sorgten sich britische Antiamerikanisten um andere Dinge. Viele Briten fühlten nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ihr Land seinen Status als Empire an die USA verloren habe. 1957 gab der amerikanische Humorist Art Buchwald in der Londoner "Times" eine Anzeige auf, in der er "Menschen, die Amerikaner nicht mögen" aufforderte, ihm die Gründe für ihre Antipathie zu schreiben. Buchwald erhielt mehr als hundert Antworten, die er wie folgt zusammenfasste: "Wenn die Amerikaner aufhören würden, ihr Geld auszugeben, laut an öffentlichen Orten zu reden, den Briten zu sagen, wer den Krieg gewonnen hat, (...) aufhören würden, Öl aus dem Mittleren Osten zu importieren, aufhören würden Kaugummi zu kauen, (...) ihre Luftwaffenstützpunkte aus England abziehen würden, das Desegregationsproblem im Süden lösen würden, (...) die amerikanische Frau da hin setzten, wo sie hingehört und keinen Rock'n'roll exportierten und korrektes Englisch sprächen, dann würden sich die Spannungen zwischen den beiden Ländern lösen und die Briten und die Amerikaner würden sich wieder leiden mögen."[8]

In den 1960er Jahren intensivierte sich die ideologische Kritik an den USA, angefacht durch die Frustration und Desillusionierung mit den USA in vielen Ländern. Die Behauptung, die USA seien der Leuchtturm einer demokratischen Gesellschaft, erschien vielen Menschen in Übersee als zunehmend unglaubwürdig angesichts der Rassentrennung in den USA und des Krieges in Vietnam. "Meine ganze liberale Bildung nahm im Amerika Haus ihren Anfang, wo ich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung studierte," erinnerte sich ein junger Liberaler in Westdeutschland, "was nun geschieht, ist eine offene Vergewaltigung solcher Ideale."[9]

Der westdeutsche Antiamerikanismus der 1960er und 1970er Jahre konzentrierte sich auf eine Interpretation westlicher Werte und Institutionen. Er hatte seinen Ursprung in der Stationierung amerikanischer Truppen in Westdeutschland und verbreitete sich vor allen Dingen unter Intellektuellen, Studenten, Linken, Friedensgruppen und Umweltschützern. Die Aversion gegen das amerikanische Militär ging Hand in Hand mit einer Ablehnung des Konsumdenkens und eines Angriffs auf die "McDonaldisierung" Deutschlands, eine Haltung, die sich bereits im antimodernistischen Denken deutscher Konservativer im 19. Jahrhundert finden lässt.

Obwohl sich Antiamerikanismus breiten Zulaufes unter Anhängern der Neuen Linken erfreute, blieb dieser auch nach 1945 in seiner Essenz wertkonservativ und politisch konservativ. Sowohl linke als auch rechte Kritik kamen aus dem gleichen Milieu: Sie ergaben sich aus einer elitären und kritischen Haltung gegenüber der modernen Massengesellschaft, der Moderne, der neuen Weltmacht, einer Befürwortung abendländischer Ideologie und der Idee einer eurozentristischen kulturellen und politischen Überlegenheit.

Fußnoten

8.
Marcus Cunliffe, The Anatomy of Anti-Americanism, in: Rob Kroes/Maarten van Rossem (eds.), Anti-Americanism in Europe, Amsterdam 1986, S. 23f.
9.
Zit. nach: William J. Weissmann, Kultur- und Informationsaktivitäten der USA in der Bundesrepublik während der Amtszeiten Carter und Reagan, Pfaffenweiler 1990, S. 66.