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18.1.2008 | Von:
Jessica Gienow-Hecht

Europäischer Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert

Kulturkritik und Moderne

Die 1990er Jahre mögen die politische Komponente des Antiamerikanismus kurzfristig entfernt haben; damit bestätigt sich das Argument, dass das Herzstück dieses Phänomens vor allen Dingen von Kulturkritik gebildet wird. Dies änderte sich nach dem 11. September 2001, den von den USA geleiteten Militäraktionen in Afghanistan und im Irak und einer Lawine von kontroversen politischen Entscheidungen, etwa die Nichtunterzeichnung des Kyoto-Protokolls, der Beibehaltung der Todesstrafe und der Nichtachtung des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag. Nun trat die politische Anklage wieder an die Seite des kulturellen Antiamerikanismus; manche Beobachter behaupten gar, die politische habe die kulturelle Kritik überlagert.

Doch diese Interpretation übersieht Ursprünge und Kontinuität der europäischen Kritik an Amerika, die Wechselbeziehung zwischen Philo- und Antiamerikanismus und die fundamentale historische Dimension dieses Phänomens. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Debatte über Amerika in Europa dadurch überschattet, dass sich beide Kontinente de facto wirtschaftlich und gesellschaftlich immer ähnlicher werden. Mit dem Beginn der Moderne mutierte "Amerikanisierung" für die meisten Europäer von einer utopischen Vision zu einer sehr wahrscheinlichen Zukunftsperspektive. Gerade die kulturelle Annäherung hatte zur Folge, dass Europa die USA zunehmend als unmittelbare Vorstellung des Kommenden verstand. Allein diese Entwicklung führte dazu, dass sich in Europa nach dem amerikanischen Bürgerkrieg eine passionierte Debatte über Amerika entwickelte, deren Grundtenor zwar vorher schon existiert hatte, aber nicht mit so viel Leidenschaft geführt worden war. Nach dem Ersten Weltkrieg und noch mehr nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die kulturelle, wirtschaftliche und politische Vormachtstellung der USA zu einem wichtigen Bestandteil dessen, was Kritiker als "amerikanische Bedrohung" interpretierten.

Enttäuschte Illusionen - die die Europäer selbst auf die "Neue Welt" projiziert hatten und die die USA wohl nie hätte erfüllen können - ebenso wie das unausweichliche Herannahen der Amerikanisierung Europas vermischten sich mit einer zunehmend polarisierten Debatte, die vor allem die lokalen Konflikte um Wertesysteme, Ideale und Erwartungen freilegte. Letztlich spielte die historische Realität eine weniger wichtige Rolle als amerikanische Ideale, welche die Amerikaner jedoch ganz anders realisierten, als viele Europäer dies erwarteten oder wünschten.

In seiner Essenz ist der europäische Antiamerikanismus ein kulturelles Phänomen geblieben, welches oft vom politischen Klima profitiert und ebenso oft von linken und rechten Parteien für die Mobilisierung von Wählern manipuliert worden ist. Über diese Manipulation hinaus hat die tatsächliche Regierungspolitik wenig zum Ursprung und Diskurs des europäischen Antiamerikanismus beigetragen.