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Geschichte der europäischen Identität


14.12.2007
Von innen betrachtet erscheint europäische Identität fraglich. Die EU bietet einen Handlungsrahmen, innerhalb dessen sich die Frage nach Identität praxeologisch und nicht mehr imaginär stellt.

Einleitung



Von innen betrachtet besitzt Europa keine Identität. Es gibt nicht nur ein Europa, sondern mehrere: das der Europäischen Union (EU), des Europäischen Wirtschaftsraums, der Westeuropäischen Union (WEU), der (Rest-)EFTA, des Europarats; das der OSZE und der NATO, zwei Organisationen, an denen nicht nur europäische Staaten beteiligt sind. Die Identitätsfrage lässt sich sinnvollerweise nur in Bezug auf Europa in Gestalt der EU stellen. Zwar reichen ihre derzeit 27 Mitgliedstaaten nicht an die derzeit 46 des Europarats heran, aber nirgendwo kann ein höherer Grad an Integration, institutioneller und konstitutioneller Verdichtung, ja Verflechtung festgestellt werden als in der EU. Für die meisten europäischen Staaten, die noch nicht EU-Mitglied sind, spielt deshalb die Perspektive eines Beitritts eine entscheidende Rolle, die über die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der kommenden Jahre mitentscheidet.






Der Attraktivität der EU steht eine endlose Folge von inneren Krisen gegenüber, die immer wieder am Ziel der europäischen Einheit verzweifeln lassen. Der Vertrag von Lissabon beendet nun zwar, wenn ihn alle Länder ratifizieren, die Krise um den Verfassungsvertrag, die das "Nein" der Franzosen und Niederländer 2005 ausgelöst hatte, aber er trägt den Keim neuer Krisen in sich, da einzelnen Ländern Ausnahmen zugestanden wurden, die juristisch gesehen Grauzonen gleichen. Man könnte das Thema ironisch abkürzen, indem man feststellt, dass "Krise" offenkundig Europas Identität ausmacht.

Von außen betrachtet stellen sich die Verhältnisse völlig anders dar. Im Zusammenhang der Debatte um den Irakkrieg veröffentlichte Robert Kagan ein Buch, das auf Grund des hohen Bekanntheitsgrades seines Autors Furore machte.[1] Der Titel der zeitgleich erscheinenden deutschen Ausgabe "Macht und Ohnmacht" verwischt die Identifizierung Europas mit "Paradies" und der USA mit "Macht" bzw. "Schutzmacht Europas". Die Metapher des Paradieses leitet sich aus der Realisierung von Frieden und Wohlstand sowie aus dem Verzicht auf die bis zum Zweiten Weltkrieg für Europa typische, rücksichtslose Machtpolitik ab. Dieses Paradies konnte nach 1945 nur unter dem militärischen Schutz der USA entstehen, die gewissermaßen die Tore zum Paradies bewachten und noch immer bewachen. In der Vorstellungswelt vieler afrikanischer Migranten, die ihr Leben in seeuntüchtigen Booten aufs Spiel setzen, nimmt der Vergleich Europas mit dem Paradies, mit paradiesgleichen Lebensbedingungen, ebenfalls einen wichtigen Platz ein.

Dessen ungeachtet ist in Europa die Neigung, EU-Europa als Paradies zu betrachten und damit auch eine eindeutige Identität zu besitzen, wenig verbreitet. Der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission Jacques Delors (1985 bis 1995) fasste diesen "Mangelzustand" in das Bild von der "Seele", die Europa gegeben werden müsse. Sieht man von früheren Einzelschritten und Akten wie dem Dokument über Europäische Identität, das auf dem Kopenhagener EG-Gipfel im Dezember 1973 veröffentlicht wurde, ab, so betreibt die EU[2] seit den 1980er Jahren eine Identitätspolitik, die sich ganz der Insignien eines auf Einheit beruhenden Staates bedient. Man könnte sagen, die Identitätspolitik der EU richtet sich an der durchschnittlichen Identitätspolitik eines Nationalstaates aus: Flagge, Hymne, Europatag, Devise, EU-Staatsbürgerschaft drücken symbolisch die Einheit aus. Die allenthalben vorherrschende Vielfalt, die als Mitursache der häufigen Krisen erscheint, wird immer wieder auf die Möglichkeit und Machbarkeit von Einheit hin "gescannt". In der Tat setzt der gängige Begriff von Identität ein hohes Maß an Einheit mit sich selbst, an In-sich-eins-sein, voraus, ganz gleich, ob es sich um die Identität eines Individuums oder um die eines Kollektivs handelt.

Historisch gesehen gab es Zeiten, in denen "Europäische Identität" als Selbstverständlichkeit galt. Seit dem 15. Jahrhundert haben sich zwei aufeinander folgende Identitätskonzepte entwickelt: Europa als Christliche Republik (in der Frühen Neuzeit) und Europa als Kultur (seit der Aufklärung). In beiden Fällen spielt die Konstruktion und Definition des Fremden und Anderen eine entscheidende Rolle. Rufen wir uns in aller Kürze die historischen Situationen in Erinnerung.[3]


Fußnoten

1.
Vgl. Robert Kagan, Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung, Berlin 2003; Original: Of Paradise and Power. America and Europe in the New World Order, New York 2003.
2.
Das Kürzel wird im Folgenden auch dort benutzt, wo die Vorgängerinnen EG und EWG gemeint sind.
3.
Vgl. zum Folgenden Wolfgang Schmale, Eckpunkte einer Geschichte Europäischer Identität, in: Julian Nida-Rümelin/Werner Weidenfeld (Hrsg.), Europäische Identität: Voraussetzungen und Strategien, Baden-Baden 2007.