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Der Kommunismus in ostmitteleuropäischen Nationalgeschichten


14.12.2007
Kommunistischen Ideologen und Machthabern ist es nicht gelungen, die kommunistischen Ideen mit den nationalen Ideologien der ostmitteleuropäischen Gesellschaften zu verschmelzen.

Einleitung



Kommunistische Politik und kommunistische Ideologie beanspruchen "Internationalismus".[1] Nach kommunistischer Auffassung und der politischen Rhetorik sind die Klassensolidarität und die internationale Solidarität der Proletarier viel bedeutsamer als ihre jeweiligen nationalen Zugehörigkeiten.

Jahrzehntelang erschien auf den Titelseiten der Tageszeitungen kommunistischer Parteien die Losung: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" In der "brüderlichen Gemeinschaft" der Länder des sowjetischen Blocks in Ostmitteleuropa waren ernsthafte Versuche engerer "internationalistischer" Zusammenarbeit unerwünscht. Symbolische "Freundschaftstreffen", Reisen mit "Freundschaftszügen", spektakuläre Ereignisse wie beispielsweise die "Weltjugendtreffen" oder internationale Treffen "fortschrittlicher" Intellektueller hatten mit wahrem Internationalismus wenig zu tun.


In der politischen Praxis, besonders bei Agitation und Propaganda (Agitprop), wurde dagegen die nationale Karte oft und mit Nachdruck ausgespielt.
Fabrikarbeiter und Soldaten demonstrieren in Petrograd am 25. Oktober 1917. Auf ihrem Transparent steht: "Tod den Feinden des Volkes - Gerühmt sei die Sowjetmacht, die einen Weg zu Frieden und Volk gebahnt hat".Fabrikarbeiter und Soldaten demonstrieren in Petrograd am 25. Oktober 1917. Auf ihrem Transparent steht: "Tod den Feinden des Volkes - Gerühmt sei die Sowjetmacht, die einen Weg zu Frieden und Volk gebahnt hat".

Imperialisten und Kapitalisten aller Art wurden als Feinde der Nationen dargestellt. Das führte zu einer sehr selektiven Geschichtsauffassung: Die Deutschen beispielsweise galten in vielen offiziellen und semioffiziellen kommunistischen Narrativen als die traditionellen und seit dem frühen Mittelalter gefährlichsten Feinde der ostmitteleuropäischen Nationen - abgesehen natürlich von den Bürgerinnen und Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik, dem ersten demokratischen und friedliebenden Staat auf deutschem Boden. In derselben Propaganda war der russische Imperialismus ein Kennzeichen des Zarenreiches, während die Sowjetunion als Garant der Freiheit der sozialistischen Länder und Nationen erschien. Die Sowjetunion war der wichtigste Unterstützer (mit Wort und Tat) der Freiheitskämpfe aller unterdrückten Völker auf allen Kontinenten. Die kommunistische Propaganda in nationalen Farben erschien glaubwürdiger als der abstrakte Internationalismus der weltweit ausgebeuteten Arbeiter. "Derselbe sozialistische Inhalt in vielen nationalen Formen", lautete eine oft gehörte Parole.


Fußnoten

1.
Die Argumentation dieses Aufsatzes profitierte erheblich vom großen Quellenmaterial des Buches von Helmut Altrichter (Hrsg.), Gegen Erinnerung. Geschichte als politisches Argument, München 2006, und von den Forschungsergebnissen im Rahmen eines Projektes der European Science Foundation: Representations of the Past: The Writing of National Histories in Europe, geleitet von Stefan Berger/Manchester, UK; vgl. auch den Text von Berger in diesem Heft.