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14.12.2007 | Von:
Attila Pók

Der Kommunismus in ostmitteleuropäischen Nationalgeschichten

Polen: Christus der Völker

Ungarn hat als Folge der beiden Weltkriege etwa zwei Drittel seines Staatsgebietes verloren, und mehr als ein Drittel aller Ungarn sind zu nationalen Minderheiten in anderen Ländern geworden. Trotz unbeschreiblicher Leiden konnte Polen dagegen beide Weltkriege als Sieger beenden. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in dem vom Bürgerkrieg ausgelaugten Land eine große Kluft zwischen der kommunistischen Befreiungspropaganda und den alltäglichen Erfahrungen der Massen. So konnte das aus dem Zeitalter der Romantik (als Polen geteilt und in die Gebiete dreier Reiche eingegliedert war) stammende nationale Selbstbildnis als gekreuzigter Christus der Völker im populären kollektiven Gedächtnis nahezu unberührt überleben.

Es gab eine wichtige Schnittstelle der aufgezwungenen offiziellen und der populären Geschichtsauffassungen. Mit den treffenden Worten Claudia Krafts: "Die kommunistischen Theoretiker der polnischen Westverschiebung verknüpften in ihrer Argumentation (geo-)politische mit sozioökonomischen Vorstellungen: Die territoriale Neuordnung nach dem Krieg entspreche der piastischen Konzeption der polnischen Geschichte, die den Vorzug habe, das Land vom Minderheitenproblem, das die Zweite Republik belastet habe, zu befreien. Zudem bringe es endlich eine sichere strategische Lage gegen den deutschen Aggressor und eröffne die Perspektive eines friedlichen Zusammenlebens mit den östlichen Nachbarvölkern. Wurde in diesem Interpretationsmodell die weit nach Osten ausgreifende jagiellonische Konzeption von der Ausbeuterkaste' polnischer Großgrundbesitzer getragen, so sah man im piastischen Polen den Vorläufer eines den Interessen der breiten Bevölkerung dienenden Volkspolens'."[10]

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des kommunistischen Machtsystems in Polen und insbesondere mit dem EU-Beitritt am 1. Mai 2004 ist diese Auffassung anachronistisch geworden. Trotz der langen intellektuellen und politischen Tradition des Antikommunismus im Lande, trotz des deutlichen Triumphes der Opposition gegen die Staatspartei im Jahr 1989 ist es bisher nicht zu einem klaren Geschichtsdiskurs über die Rolle des Kommunismus in der nationalen Geschichte Polens gekommen. Die parteipolitischen Kämpfe sind von Stellungnahmen zu dieser Frage sehr stark beeinflusst. Die Sozialdemokraten (viele von ihnen stammen aus der ehemaligen Staatspartei PZPR) betonen, dass die Eingliederung Polens in den sowjetischen Block die einzige realistische Alternative für den Wiederaufbau des Staates nach dem Zweiten Weltkrieg war. Die Kommunisten werden so zu Vertretern des nationalen Interesses stilisiert; ohne ihre Kollaboration mit den Sowjets hätten die Polen den deutschen Imperialismus nicht aufhalten können. Dabei wird die Aufteilung Polens zwischen Hitler und Stalin im Jahr 1939 kaum beachtet.

Nicht ohne Erfolg wird die These vertreten, dass die Jahrzehnte kommunistischer Macht die Gesellschaft äußerst tief beeinflusst haben und in diesem Sinne gewissermaßen alle Polen "Postkommunisten" seien. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums wird davon ausgegangen, dass dem kommunistischen Staat eine die traditionellen nationalen Werte, die Idee des gleichzeitigen Kampfes gegen östliche und westliche Feinde der Polen vertretende Gesellschaft und damit die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung gegenüberstand. Aus dieser Perspektive gelten die ehemaligen Parteibürokraten und andere Träger kommunistischer Macht als Verräter der nationalen Interessen Polens und sollten strafrechtlich und moralisch verurteilt werden.[11]

Fußnoten

10.
Claudia Kraft, Geschichte im langen Transformationsprozess in Polen, in: H. Altrichter (Anm. 1), S. 132.
11.
Vgl. ebd., S. 143 - 145.