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Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie


11.12.2009
Bei der Stabilisierung der Finanzmärkte haben die Regierungen das Richtige getan, bei der Regulierung der Finanzmärkte haben sie allerdings versagt. Die nächste Krise ist programmiert.

Einleitung



Verfolgte man die Berichterstattung im Sommer 2009, so hätte man den Eindruck gewinnen können, als ob die durch die Finanzkrise hervorgerufenen globalen ökonomischen Erschütterungen nun an ihr Ende gelangt seien. Positive Unternehmens- und Wirtschaftsdaten dominierten die Nachrichten. Auch die Politik kehrte zunehmend zum Tagesgeschäft zurück. Die Rufe nach einer effektiven Regulierung der Finanzmärkte wurden leiser. Und auch die Selbstkritik der Ökonomen - im Herbst 2008 durchaus wahrnehmbar - ebbte schnell ab.

Doch im Herbst 2009 wurde die Freude über das Ende des massiven Konjunktureinbruchs durch neue Wermutstropfen getrübt. Der Welthandel soll 2009 um zwölf Prozent einbrechen.[1] In den USA erreichten die problematischen Prime-Kredite mit 9,2 Prozent aller Kredite in Zahlungsverzug oder Zwangsvollstreckung einen neuen Höchststand. Dort und in Großbritannien haben die Haushaltsdefizite mehr als zehn Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht - Zahlen, die normalerweise nur in größeren Kriegen erreicht werden.

Erst im Rückblick werden wir wissen, ob das Jahr 2009 das Ende der Finanzkrise und der sich anschließenden globalen Rezession bedeutet hat oder nicht.[2] Ökonomische Vorhersagen sind immer mit sehr hoher Unsicherheit behaftet, obwohl sie in der täglichen Berichterstattung der Medien einen prominenten Platz einnehmen und umfassend diskutiert und kommentiert werden. Der Normalfall ist, dass die ökonomische Entwicklung nicht quantitativ prognostiziert werden kann. Es gibt zudem viele Belege dafür, dass die Prognosen von Ökonomen und Finanzanalysten der Realität der Wirtschaft hinterherlaufen.[3] Zudem handelt es sich bei Krisen um gesellschaftliche Phänomene, die entscheidend durch die Erwartungen und Handlungen der Akteure geprägt werden. So könnten Prognosen zu ihrer eigenen Ungültigkeit führen.[4] Es ist daher nur konsequent, wenn Klaus Zimmermann auf die Gefährlichkeit von Prognosen hinweist und 2009 für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ganz darauf verzichtete.[5]


Fußnoten

1.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2009/2010: Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen, online: www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/gutacht/ga-c ontent.php?gaid=55, S. 27 (13.11. 2009).
2.
Zum Zeitpunkt der Niederschrift konnte von einer "Weltwirtschaftskrise" im klassischen Sinne des Wortes - nämlich einer globalen Depression mit Massenarbeitslosigkeit - nicht gesprochen werden.
3.
Vgl. James Montier, Behavioural Investing: A Practitioners Guide to Applying Behavioural Finance, London 2007, dt.: Die Psychologie der Börse. Der Praxisleitfaden Behavioural Finance, München 2009.
4.
"Das Bewusstsein bestimmt das Sein", wusste schon Hegel zu konstatieren: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Die vollständigen Werke, Frankfurt/M. 1970.
5.
Vgl. Klaus F. Zimmermann, Warum Prognosen die Krise verschärft haben, in: www.handelsblatt.com/pol itik/gastbeitraege/warum-prognosen-die-krise-versch aerft-haben;2208930 (20.3. 2009); Konjunktur: DIW traut sich keine langfristige Prognose zu, in: www.welt.de/wirtschaft/article3555024/DIW-traut-si ch-keine-langfristige -Prognose-zu.html (14.4. 2009).

 
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