APUZ Dossier Bild
Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Pfeil rechts

Dimensionen sozialer Gerechtigkeit

6.11.2009

Individuelle Gerechtigkeitsvorstellungen



Die empirische Gerechtigkeitsforschung zeigt, dass Gerechtigkeit nicht nur daran bemessen wird, wie Güter und Lasten tatsächlich verteilt sind. Wichtig ist auch, wie die einzelnen Verteilungsergebnisse zustande kommen und wie jeder Einzelne von den gesellschaftlichen Institutionen behandelt wird.

Deshalb sind es vier Aspekte, die entscheidend sind: Zunächst sind dies die Tauschgerechtigkeit (kommutative Gerechtigkeit), bei der der Ausgleich erbrachter Leistungen im Zentrum steht, sowie die Verteilungsgerechtigkeit (distributive Gerechtigkeit), bei der es um die Verteilung der Anteile an etwas Gemeinsamem geht. Neben diesen beiden "klassischen" Formen der Gerechtigkeit weisen die empirischen Befunde auf zwei weitere hin: die Verfahrensgerechtigkeit (prozedurale Gerechtigkeit), bei der es um die Einhaltung von Fairnessregeln im Rahmen von Entscheidungsprozessen geht und die interpersonale bzw. Interaktionsgerechtigkeit, bei der die Frage im Mittelpunkt steht, ob die beteiligten Personen sich gegenseitig fair behandeln. Die Regeln der Verfahrens- und Interaktionsgerechtigkeit - Gleichbehandlung, Mitsprachemöglichkeit oder Transparenz der Entscheidungsprozesse - sind allgemein, also auch über kulturelle Grenzen hinweg anerkannt, und ihrer Einhaltung wird hohe Priorität zugemessen. Denn unvorteilhafte Verteilungsergebnisse werden eher akzeptiert, wenn sie aus gerechten Entscheidungsverfahren resultieren.

Wenn es um die konkreten Regeln geht, wie Güter oder Lasten verteilt werden sollen, so greifen Individuen auf die bereits genannten Gerechtigkeitsprinzipien zurück (Gleichheits-, Leistungs-, Anrechts- und Bedarfsprinzip). Bei der Anwendung dieser Prinzipien ergibt sich jedoch ein spezifischer Klärungsbedarf. Beim Gleichheitsprinzip gilt es zwischen Ergebnis- und Chancengleichheit zu unterscheiden. In westlichen Gesellschaften besteht ein Konsens darüber, dass individuelle Freiheitsrechte und vor allem auch Zugangschancen zu Gütern und Positionen gleich verteilt sein sollten. Beim Bedarfsprinzip ist zu klären, was als legitimes Bedarfsniveau angesehen wird und welche Voraussetzungen jemand erfüllen muss, um eine entsprechende Unterstützung zu erhalten. Die individuelle Verantwortlichkeit spielt hier eine zentrale Rolle. Sind Personen selbst für eine Notlage verantwortlich, so gibt es die Tendenz, bedarfsabsichernde Hilfen abzulehnen. Beim Leistungsprinzip besteht das klassische Problem in der Bestimmung der individuellen Leistung. Schließlich gilt es beim Anrechtsprinzip die Kriterien festzulegen, welche Belohnungs- oder Bestrafungsniveaus mit den jeweiligen Statuspositionen oder -merkmalen verbunden sind.

Ein wichtiger Befund ist, dass diese Prinzipien in Abhängigkeit zu den institutionellen bzw. individuellen Zielen sowie der Art der sozialen Beziehungen angewandt werden. Die institutionelle Zielbezogenheit wird daran sichtbar, dass in den funktionalen Teilbereichen der Gesellschaft - Ökonomie, Politik, Gesundheitssystem, Sport - jeweils auch spezifische Gerechtigkeitsprinzipien bevorzugt werden. Nur selten sprechen sich die Menschen für die Anwendung eines Gerechtigkeitsprinzips für alle gesellschaftlichen Teilbereiche aus. Stattdessen sollen solche Regeln gelten, die mit den Zielen der Gesellschaftsbereiche kompatibel sind: In der Ökonomie das Leistungsprinzip, im Gesundheitswesen das Bedarfsprinzip und in der Familie das Gleichheits- und das Bedarfsprinzip.

Zugleich spielen die individuellen Ziele eine wichtige Rolle. Je nachdem, welche Ziele eine Person in einer Situation verfolgt, präferiert sie sehr unterschiedliche Gerechtigkeitsprinzipien. Erklärt wird dies erstens mit Verweis auf die rationalen Verteilungsinteressen, das heißt, es werden die Gerechtigkeitsprinzipien vorgezogen, von denen man aufgrund der eigenen Situation am meisten profitiert (Menschen mit hohem Einkommen sind deshalb bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen eher für die Geltung des Leistungsprinzips, und diejenigen mit geringerem Einkommen sprechen sich für das Bedarfs- oder Gleichheitsprinzip aus). Zweitens orientieren sich die Menschen an den über die jeweiligen Sozialisationsprozesse vermittelten Vorstellungen über Gerechtigkeit, wie sie in den gesellschaftlichen Institutionen verankert sind oder in sozialen Normen sichtbar werden. Dementsprechend finden sich nationale Unterschiede, wenn etwa in den USA dem Bedarfs- und Gleichheitsprinzip bei der Einkommensverteilung eine deutlich geringere Bedeutung zugesprochen wird als in Deutschland.[5]

Die Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen der Art der sozialen Beziehung und den einzelnen Gerechtigkeitsprinzipien zeigen, dass in engen, langfristigen Beziehungen eher gleichheits- und bedarfsbezogene Regeln bevorzugt werden, in kurzfristigen, wettbewerbsorientierten Beziehungen eher am Leistungsprinzip orientierte.[6] Dieser Zusammenhang kann auf der Grundlage eines Vorschlags von Alan P. Fiske genauer gefasst werden.[7] Er geht davon aus, dass die Formen sozialen Zusammenlebens an vier Modellen orientiert sind. Der erste Typus zeichnet sich durch enge und dauerhafte Beziehungen aus, bei dem der Einzelne fest in eine Gemeinschaft eingebunden ist, alle Mitglieder hinsichtlich ihrer Herkunft gleich sind und eine gemeinsame Identität teilen. Hier gilt das Bedarfsprinzip als gerechte Verteilungsregel: Jeder erhält soviel, wie er braucht.

Der zweite Typus sind hierarchische Beziehungen, in denen die Beteiligten durch Über- und Unterordnung aufeinander bezogen sind. Höhergestellte übernehmen Verantwortung für die ihnen Unterstellten, die wiederum im Austausch dafür die Autorität der Höhergestellten anerkennen. Das korrespondierende Gerechtigkeitsprinzip ist das Anrechtsprinzip. Jeder erhält das, was ihm aufgrund seiner Position im Hierarchiegefüge zusteht.

Der dritte Typus zeichnet sich durch fehlende Rangunterschiede aus. Beispiele sind nicht-hierarchische Netzwerke, peer groups und Genossenschaften. Die Beteiligten betrachten sich gegenseitig - trotz individueller Unterschiede - als gleich, und jeder hat dieselben Rechte und Pflichten. Die Beziehungen werden durch einen Austausch bestimmt, bei dem jeder dem anderen ebenso viel zurückgibt, wie er erhalten hat. Das dominierende Gerechtigkeitsprinzip ist das der Gleichheit.

Der vierte Typus ist durch kurzfristige Beziehungen unter Fremden gekennzeichnet und entspricht dem Modell der Marktbeziehungen. Es handelt sich um ökonomische Austauschbeziehungen, in denen die Beteiligten Güter oder Dienstleistungen anbieten, um daraus möglichst hohe Vorteile zu erhalten. Das gerechte Verteilungsprinzip ist hier das der Leistung.

Wenn nun die Art der sozialen Beziehungen entscheidet, welches Gerechtigkeitsprinzip zur Anwendung kommen soll, so gründen Konflikte um die inhaltliche Ausgestaltung der sozialen Gerechtigkeit letztlich in einem unterschiedlichen Verständnis darüber, welche Beziehungen die Mitglieder einer Gesellschaft untereinander haben. Versteht man die Gesellschaft im Sinne einer engen Gemeinschaft, so wird man stärker auf die Geltung des Bedarfsprinzips rekurrieren. Ist die Gesellschaft eher ein loser Zusammenhang von Individuen, deren Ziel primär darin besteht, über Markttransaktionen ihre Gewinninteressen umzusetzen, so wird das Leistungsprinzip die dominierende Regel sein.


Fußnoten

5.
Vgl. Stefan Liebig/Bernd Wegener, Primäre und sekundäre Ideologien. Ein Vergleich von Gerechtigkeitsvorstellungen in Deutschland und den USA, in: Hans-Peter Müller/Bernd Wegener (Hrsg.), Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit, Opladen 1995, S. 265-293.
6.
Vgl. Kjell Törnblom, The Social Psychology of Distributive Justice, in: Klaus R. Scherer (ed.), Justice. Interdisciplinary Perspectives, Cambridge 1992, S. 177-236; Ernst Fehr/Klaus M. Schmidt, The Economics of Fairness, in: Serge-Christophe Kolm/Jean Mercier Ythier (eds.), Handbook of the Economics of Giving, Vol. 1., Amsterdam 2006, S. 615-691.
7.
Vgl. Alan P. Fiske, The Four Elementary Forms of Sociality, in: Psychological Review, 99 (1992) 4, S. 689-723.

 
Ungleichheit - UngerechtigkeitAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 37/2005)

Ungleichheit - Ungerechtigkeit

Die in Deutschland wachsende soziale Kluft hat zu Reaktionen sowohl von Seiten der Politik als auch der Wissenschaft geführt. Im Mittelpunkt der Diskussion steht der neue Begriff der Teilhabegerechtigkeit. Weiter...