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Dimensionen sozialer Gerechtigkeit

6.11.2009

Gerechtigkeitskonzeptionen in den öffentlichen Debatten



Auskunft über das aktuelle Verständnis sozialer Gerechtigkeit in einer Gesellschaft geben auch die öffentlichen Auseinandersetzungen. Lutz Leisering kommt auf der Grundlage einer Analyse der Debatten um den Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaats zu dem Schluss, dass man vier "Paradigmen sozialer Gerechtigkeit" unterscheiden kann.[8] Die beiden ersten Paradigmen orientieren sich am Bedarfs- bzw. am Leistungsprinzip. Im ersten Fall kommt dem Staat die Aufgabe einer umfassenden Bedarfsabsicherung und Einkommensumverteilung zu. Im zweiten Fall steht hingegen die Realisierung der Leistungsgerechtigkeit im Vordergrund, was geringe Eingriffe in die Marktverteilung und eine nur minimale Absicherung gegenüber unverschuldeten Notlagen bedeutet. Das dritte Paradigma stellt eine Abwandlung der Leistungsgerechtigkeit dar - Leisering bezeichnet es als "produktivistische Gerechtigkeit". Damit ist die Vorstellung verbunden, dass die für die Gesellschaft erbrachten Leistungen Kriterien der Zuweisung von Gütern oder Lasten sind. Wer viele Kinder hat und damit zum Fortbestand der Gesellschaft beiträgt, sollte deshalb belohnt und von Lasten befreit werden.

Das vierte Paradigma "Teilhabegerechtigkeit" zielt darauf ab, Benachteiligungen aufgrund zugeschriebener Merkmale des Geschlechts, der Ethnizität, des Alters und der Generationenzugehörigkeit auszugleichen und eine gesellschaftliche Teilhabe im Sinne der rechtlichen Gleichstellung, sozialen Anerkennung und Beteiligung am sozialen, kulturellen und ökonomischen Leben zu garantieren. Nicht die Ergebnisse, sondern die Befähigung zum Handeln stehen hier im Vordergrund. Nach Einschätzung Leiserings gewinnt dieses Paradigma in den aktuellen Debatten zunehmend an Bedeutung. Deshalb sei zu erwarten, dass zukünftig soziale Gerechtigkeit primär im Sinne der Zugangschancen verstanden werde. Es kommt also zur Ablösung des klassischen, an den Ergebnissen der Verteilung ausgerichteten Verständnisses (Gleich- vs. Ungleichverteilung) durch ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit, das die Verbesserung der Chancenstrukturen zum Gegenstand hat. Dies steht im Einklang mit einem Vorschlag des Ökonomen Amartya Sen, wonach es bei der sozialen Gerechtigkeit darum geht, den Einzelnen dazu zu befähigen, seine individuellen Lebensziele zu verwirklichen.[9]


Fußnoten

8.
Lutz Leisering, Paradigmen sozialer Gerechtigkeit, in: Stefan Liebig/Holger Lengfeld/Steffen Mau (Hrsg.), Verteilungsprobleme und Gerechtigkeit in modernen Gesellschaften, Frankfurt/M. 2004, S. 29-68.
9.
Vgl. Amartya Sen, Inequality Reexamined, Cambridge 1992.

 
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