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6.11.2009 | Von:
Wolfgang Glatzer

Gefühlte (Un)Gerechtigkeit

Die gefühlte Wirklichkeit stellt eine eigenständige Dimension der Realität dar. Von gefühlter Ungerechtigkeit spricht man, wenn die Menschen ihre persönlichen Lebensverhältnisse als ungerecht betrachten.

Einleitung

Gefühlte Ungerechtigkeit[1] ist historisch gesehen kein neues gesellschaftliches Problem, es zieht aber zunehmend Aufmerksamkeit auf sich. Immer wieder rückt in den Blickpunkt der öffentlichen Beachtung, dass zwischen den von der breiten Bevölkerung gefühlten Lebensverhältnissen und dem, was Medien, Wissenschaftler, Manager und Politiker als Realität definieren, teilweise große Unterschiede bestehen. Ein markantes Beispiel ist die Gegenüberstellung der Einstellungen von Parlamentariern mit denen der Bürgerinnen und Bürger. Während die Parlamentarier die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland überwiegend als gerecht ansehen, werden diese von der Bevölkerung überwiegend als ungerecht betrachtet.
[2]




Ist durch solche fundamental verschiedene Sichtweisen auf die gesellschaftliche Realität die normative Homogenität der Gesellschaft gefährdet? Die Hypothese der meisten Sozialwissenschaftler ist, dass eine Gesellschaft ihre Integrationskraft nur aufrechterhalten kann, wenn ein großer Anteil der Menschen glaubt, dass es gerecht zugeht.

Die gefühlte Wirklichkeit der Bevölkerung bildet eine eigenständige Dimension der Realität. Man findet sie als "gefühlte Inflation", "gefühlte Temperatur", "gefühlten sozialen Status", "gefühlte Ungerechtigkeit" und in weiteren Dimensionen. Es ist ziemlich belanglos, ob ihr die "offizielle" Realität in irgendeiner Form entspricht. Vielmehr hat sie ihre eigenen Strukturen, ihre eigene Dynamik und ihre eigenen sozialen Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung.[3]

Fußnoten

1.
Ich widme diesen Beitrag meinem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zum Abschied. Er ist aus dem Arbeitszusammenhang unserer Arbeitsgruppe "Einstellungen zum Sozialstaat" hervorgegangen. Für die Mitarbeit an dem Artikel danke ich Michaela Schulze und Sara Weckemann.

Von der gefühlten (Un-)Gerechtigkeit wird in gleicher Weise gesprochen wie von der wahrgenommenen, der empfundenen, der erlebten sowie der erfahrenen (Un-)Gerechtigkeit. Schon Max Weber benutzte den Begriff "gefühlte Solidarität". Der Terminus "gefühlte Ungerechtigkeit" (andere sprechen auch vom "Gefühl von Ungerechtigkeit") ist wohl der am häufigsten genutzte, z.B. auch von Michael Hüther/Thomas Straubhaar, Die gefühlte Ungerechtigkeit, Berlin 2009. Die Betonung der "gefühlten" Wirklichkeit heißt keineswegs, dass Verstandesleistungen bei der Beurteilung gesellschaftlicher Sachverhalte keine Rolle spielen, vielmehr soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Leistungen des Gefühls einen wesentlichen Anteil bei Gerechtigkeitsurteilen einnehmen (ähnlich wie im Konzept der emotional intelligence).
2.
Vgl. Robert B. Vehrkamp/Andreas Kleinsteuber, Soziale Gerechtigkeit - Ergebnisse einer repräsentativen Parlamentarier-Umfrage, in: Stefan Empter/Robert B. Vehrkamp (Hrsg.), Soziale Gerechtigkeit. Eine Bestandsaufnahme, Gütersloh 2007, S. 283ff. Die Untersuchung ist repräsentativ für Abgeordnete des Bundestags, der Länderparlamente, sowie der deutschen Europaabgeordneten.
3.
Das berühmte Thomas-Theorem besagt: "If men define situations as real, they are real in their consequences."

Ungleichheit - Ungerechtigkeit
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