APUZ Dossier Bild

6.11.2009 | Von:
Max Fuchs

Sozialer Zusammenhalt und kulturelle Bildung

Kulturelle Bildung ist eng mit sozialem Zusammenhalt verbunden. Allerdings sind Kunst und Kultur auch wirkungsvolle Mittel der Unterscheidung und Trennung von Menschen.

Einleitung

Die Geschichte der Moderne ist zugleich eine Geschichte der Kulturkritik der Moderne.[1] Denn es gab ein Übermaß an Versprechungen, die eine neue politische Ordnung der Gesellschaft einlösen sollte: "Fortschritt" und "Vernunft" waren die Leitkategorien. Und natürlich sollte die erneuerte eine friedliche und gerechte Gesellschaft sein. Kern dieser Versprechungen war das selbstbewusste autonome Individuum, das nunmehr selbst alle Entscheidungen über das eigene Leben treffen sollte, gleichgültig ob es sich um politische, religiöse, berufliche oder Aspekte der Liebesbeziehungen handelte.[2] Auch die Theorie des Kapitalismus, so wie sie der Moralphilosoph (!) Adam Smith in Schottland entwickelte, war eine gesellschaftliche Utopie, die auf ein friedliches Zusammenleben in Wohlstand zielte. Doch es herrschte ebenfalls von Anfang an große Skepsis, ob es einer Gesellschaft von Individuen wirklich möglich ist, ein solches Zusammenleben zu gestalten. Leitformeln einer solchen Skepsis waren etwa Entzweiung, Unbehagen oder Unbehaustheit. Diese Zweifel sind bis heute geblieben. Wenn es etwa in den 1980er und 1990er Jahren einen philosophischen Grundlagenstreit darüber gegeben hat, ob eher das Individuum oder eher die Gemeinschaft das Ursprünglichere bei der Konstitution von Gesellschaft sei - dies ist die berühmte Debatte zwischen Kommunitarismus und philosophischem Liberalismus[3] -, dann betraf dies genau dieses Problem: Wie ist Zusammenhalt (Kohärenz) in einer modernen Gesellschaft möglich, wie viel ist notwendig, wie kann er hergestellt werden, wenn er nicht im Selbstlauf entsteht?






Integration ist daher selbst dann ein Thema moderner Gesellschaften, wenn es nicht bloß um die Frage nach der Eingliederung von Menschen mit Migrationshintergrund geht. Als vor etwa zehn Jahren Wilhelm Heitmeyer zwei Bücher unter den programmatischen Titeln "Was hält die Gesellschaft zusammen?" bzw. "Was treibt die Gesellschaft auseinander?" herausgegeben hat,[4] war es sicherlich kein Zufall, dass das Buch über Desintegrationsprozesse um die Hälfte dicker war als das Buch über Zusammenhalt. Und bei genauerem Hinsehen befassten sich die Autoren auch dort eher mit Fragen der Desintegration, der Spaltung und Konkurrenz. Bei den verbleibenden 180 Seiten wurden dann gemeinsame Werte, Solidarität oder Kommunikation als mögliche Medien der Integration betrachtet. Interessant ist, dass es sich hierbei vorwiegend um kulturelle Prozesse handelt, also um Sinndiskurse und Wertefragen, auch: um individuelle Kompetenzen, die für die Herstellung von Zusammenhalt nötig sind.

Damit wären wir bei beidem angelangt: bei der Frage nach der nötigen Kompetenzstruktur des Einzelnen, also bei einer genuin pädagogischen Frage, und bei der Rolle der Kultur in diesem Prozess. Und damit sind zugleich die beiden entscheidenden Horizonte abgesteckt, wenn man kulturelle Bildung in ihrer Bedeutung für sozialen Zusammenhang betrachtet.

Doch was versteht man überhaupt unter kultureller Bildung, die so etwas leisten könnte? Gibt es entsprechende Erfahrungen und Belege - oder gehört auch dies zu den unerfüllten Versprechungen der Moderne oder den "Versprechungen des Ästhetischen"?[5] Bevor ich diesen Fragen nachgehe, sei ein Aspekt hervorgehoben, der oben bereits angedeutet wurde. Gerade in Deutschland hat man sich in der Geschichte sehr schwer damit getan, die Frage nach sozialer und politischer Gestaltung unter dem Begriff der Gesellschaft abzuhandeln. "Gesellschaft" zielte auf einen eher rationalen Zusammenschluss, auf (auch ökonomische) Interessen sowie auf eine Moderne, in der etwa Religion und traditionelle Bindungen nur noch eine geringe Rolle spielen. Im 19. Jahrhundert brachte man diesen Gesellschaftsdiskurs mit England und Frankreich in Verbindung. Dagegen brachte man in Deutschland die Idee einer emotionsgebundenen Gemeinschaft ins Spiel und distanzierte sich zugleich von republikanisch-demokratischen Vorstellungen. Es war die Zeit, in der "Kultur" eine schicksalhafte Deutung erhielt, die man der bloß oberflächlichen "Zivilisation" der genannten Länder entgegenhielt. Helmut Plessner hat in seiner Analyse der geistigen Grundlagen des Faschismus auch hierin eine wesentliche Ursache für die "Verspätung" Deutschlands und den Faschismus gesehen.[6] Ein sprachlich glänzendes und politisch erschreckendes Dokument solchen Denkens sind Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" aus dem Jahr 1918.[7] Und hier ist es gerade die deutsche "Kultur", die zwar als Bindemittel innerhalb der Nationen, aber gleichzeitig als Trennungsgrund zwischen den Ländern gesehen wird. So viel lässt sich daher bereits jetzt feststellen: Vorbehaltlich weiterer Klärungen des Begriffs der kulturellen Bildung hat er offenbar mit Phänomenen zu tun, bei denen es zumindest strittig ist, ob sie zur Integration oder zur Spaltung beitragen.

Fußnoten

1.
Vgl. Georg Bollenbeck, Eine Geschichte der Kulturkritik. Von Rousseau bis Günther Anders, München 2007.
2.
Vgl. Max Fuchs, Persönlichkeit und Subjektivität, Opladen 2001.
3.
Vgl. Micha Brumlik/Hauke Brunkhorst (Hrsg.), Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1993.
4.
Frankfurt/M. 1997.
5.
Yvonne Ehrenspeck, Versprechungen des Ästhetischen, Opladen 1998.
6.
Vgl. Helmut Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, Stuttgart 1962. Siehe auch Wolf Lepenies, Kultur und Politik: deutsche Geschichten, München 2006.
7.
Gesammelte Werke in 13 Bänden, Bd. 4, S. 9-589.

Ungleichheit - Ungerechtigkeit
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 37/2005)

Ungleichheit - Ungerechtigkeit

Die in Deutschland wachsende soziale Kluft hat zu Reaktionen sowohl von Seiten der Politik als auch der Wissenschaft geführt. Im Mittelpunkt der Diskussion steht der neue Begriff der Teilhabegerechtigkeit.

Mehr lesen