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Institutionalisierte Sackgassen für Mädchen


26.10.2009
In der Berufsberatung, der dualen Berufsausbildung und im beruflichen Schulwesen werden Barrieren aufgezeigt, welche die Berufschancen von Mädchen einschränken.

Einleitung



Der Titel mag verwundern, gelten doch Mädchen gemeinhin als Gewinnerinnen der Bildungsexpansion. Heute werden eher die Jungen als Problemgruppe angesehen. Die These, nach der Jungen zu Schulversagern werden, wenn unter den Lehrkräften der Grundschule kaum Männer sind, ist jedoch keineswegs belegt. Dennoch werden landauf, landab Jungenprojekte eingerichtet. Derartige Projekte, so der Erziehungswissenschaftler und Männerforscher Jürgen Budde im "Tagesspiegel", seien nicht nur pädagogisch fragwürdig, sondern die Debatte trage auch "antifeministische Züge".[1]




Die Hype um die "Jungenkatastrophe" (so ein Buchtitel) bewirkt vor allem, von der Bildungsbenachteiligung von Mädchen abzulenken. Zwar erreichen Mädchen öfter als Jungen höhere Schulabschlüsse, aber spätestens nach der Pflichtschulzeit beschreiten die Geschlechter unterschiedliche Wege, wobei die der Mädchen häufig abschüssig sind. Initiativen, die Mädchen chancenreiche Jungenberufe erschließen wollten, hatten bislang nur dürftige Erfolge. Eine der Ursachen ist, dass die Gründe der geschlechtsspezifischen Berufswahl vorrangig in den Motiven und Orientierungen von Mädchen gesucht wurden, kaum aber in den Strukturen des Bildungswesens oder den politischen Prozessen. Auch die Maßnahmen selbst wurden selten in Frage gestellt.

In diesem Beitrag stehen die Strukturen im Mittelpunkt. Im ersten Abschnitt gehe ich auf die Rolle der öffentlichen Berufsberatung ein. Dabei greife ich auf eine eigene politikwissenschaftlich-institutionalistische Untersuchung zurück. Sie verdeutlicht, dass bestimmte Vorstellungen von der Rolle der Geschlechter in Organisationsstrukturen, Routinen und Wissensbeständen eingelassen sind. Im zweiten Abschnitt werde ich die Situation von Mädchen im dualen Berufsbildungssystem aufzeigen. Anschließend stehen die Berufsfachschulen (BFS), Fachoberschulen (FOS) und Berufsoberschulen (BOS) im Mittelpunkt. Diese Schulformen eröffnen zwar Chancen, gleichzeitig sind in ihnen jedoch Barrieren eingebaut, die ein berufliches Weiterkommen speziell von Mädchen erschweren. Zum Schluss werde ich der Frage nachgehen, wie es dazu kommt, dass im Bildungswesen Mädchen benachteiligende Strukturen errichtet werden konnten.


Fußnoten

1.
Anja Kühne, Die Jungenfalle, in: Der Tagesspiegel vom 3.6. 2009, S. 21.