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16.10.2009 | Von:
Oliver Schmidtke

Einwanderungsland Kanada - ein Vorbild für Deutschland?

Vorbild für Deutschland?

Kanada ist seit seinem Bestehen von Einwanderung geprägt worden und unterscheidet sich dadurch in vielfacher Hinsicht von europäischen Gesellschaften. Gleichzeitig aber hat dieses Land einen grundlegenden Wandel seiner Immigrations- und Integrationspolitik vorgenommen, der nicht zuletzt von demographischen und arbeitsmarktspezifischen Erfordernissen angetrieben wurde. Im Kern sieht sich Deutschland heute mit ähnlichen strukturellen Herausforderungen konfrontiert. Die Umstellung der Anwerbe- und Integrationspraxis in den späten 1960er Jahren zeigt, wie Kanada es verstanden hat, die gezielte und staatlich gesteuerte Einwanderungspolitik zu einem zentralen Bestandteil seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik zu machen. Trotz der oben beschriebenen Herausforderungen ist Kanada ein Land, das es über die vergangenen vierzig Jahre verstanden hat, die professionellen Erfahrungen seiner Einwanderer zu nutzen und diesen weitgehende Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt einzuräumen. Auch ist die sozialstrukturelle Benachteiligung der Migrantenkinder - anders als in Europa - ein weitgehend unbekanntes Phänomen. In dieser Hinsicht kommt Kanada Vorbildcharakter für Deutschland zu: Die Erfahrungen unterstreichen, dass eine an den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Bedürfnissen orientierte Immigrationspolitik möglich ist, die mit fairen, auf die Qualifikationen von Migranten abzielende Bewerbungsverfahren operiert und die eine weitgehende Akzeptanz in der Politik und Bevölkerung genießt.

Gleichzeitig zeigt der kanadische Fall aber auch, dass der Erfolg der Immigrations- und Integrationspolitik keineswegs selbstläufig, quasi als ein allein marktgeprägter Prozess funktioniert. Das kanadische Modell baut auf einem Management von Migrationsströmen auf, das auf verschiedenen administrativen Ebenen operiert und (auch institutionell) tief in der Zivilgesellschaft verankert ist. Auch in Bezug auf oftmals wenig spektakuläre und in ihren Wirkungen begrenzte Initiativen, wie die Programme für die Arbeitsmarktintegration für Migranten, lohnt der Blick über den Atlantik.

Dabei fällt auch auf, vor welch großen Herausforderungen das kanadische Immigrations- und Integrationsmodell steht. Die Schwierigkeiten, die auch hochqualifizierte Einwanderer bei dem Eintritt in den Arbeitsmarkt erfahren, drohen zu einem gesellschaftlichen und politischen Problem zu werden. Der kanadische Fall verdeutlicht somit schließlich auch, dass die Arbeitsmarktintegration von Migranten durch weitaus komplexere Prozesse gesteuert wird als lediglich durch eine auf wirtschaftliche Imperative abzielende Anwerbepolitik.[12]

Fußnoten

12.
Vgl. Arnd-Michael Nohl/Karin Schittenhelm/Oliver Schmidtke/Anja Weiß (Hrsg.), Kulturelles Kapital in der Migration. Hochqualifizierte Einwanderer und Einwanderinnen auf dem Arbeitsmarkt, Wiesbaden 2009.