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8.10.2009 | Von:
Michael Krüger

Von der Zukunft des Buches - Essay

Werden in zwanzig Jahren noch lange Texte gelesen? Gewiss. Aber um diesen Typus von Texten als gedrucktes Buch lebendig zu erhalten, bedarf es des gesellschaftlichen Wollens.

Einleitung

Vor rund fünfzig Jahren habe ich in Berlin das Buchdrucken gelernt. Den Geruch, der in der Halle lag, habe ich bis heute nicht vergessen, ein schwerer Geruch nach Druckerfarbe und heißem Metall, ein wenig süßlich, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Schon nach wenigen Wochen hatte sich dieser Geruch durch die Kleider gefressen und auf die Haut gelegt wie ein Film, der sich nicht abwaschen ließ. Man war einer von denen, man konnte es riechen.






Der Geruch ist verflogen, die Maschine - eine Heidelberger - steht im Museum, das Blei ist eingeschmolzen, nur die Erinnerung ist geblieben. Sie haftet deshalb so stark, weil man als Drucker an eine ehrwürdige Tradition angeschlossen war, die Jahrhunderte lang maßgeblich an der Aufklärung der Menschheit beteiligt war. Ohne die Druckmaschine mit den beweglichen Lettern, ohne die massenhafte Verbreitung von Druckwerken hätte es keine Aufklärung gegeben. Und es waren die großen Aufklärer, von Fichte bis Kant und Nicolai, die den Inhalt dieser ehrwürdigen Bücher unter Schutz gestellt wissen wollten. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Begriff des "geistigen Eigentums" als bürgerliche Errungenschaft über den Verlagsvertrag seinen Weg ins Bürgerliche Gesetzbuch nehmen konnte. Ganz egal, wer über das Privileg des Druckens verfügte, wenn am Ende ein Buch herauskam, waren die Rechte der Autorenschaft festgeschrieben. Als Drucker war man sich immer dieser kurzen Geschichte bewusst. Auch wenn man in der Regel im Auftrag eines Verlages arbeitete, so druckte man doch immer den geschützten Text eines Autors, dessen hand- oder maschinenschriftlich verfasste Arbeit man einer Verwandlung in ein Buch unterzog. Nie vergessen werde ich den Moment, wenn man, stellvertretend für den Autor, das erste Exemplar eines Buches in der Hand hielt, es öffnete (bis es knackte), die Gleichmäßigkeit des Drucks prüfte, die buchbinderische Verarbeitung, die Passung. Nun gab es ein neues Buch auf der Welt, das die Undurchsichtigkeit unserer Verhältnisse um einen winzigen Grad aufhellen würde...

Druckerpressen, das gehört zu den bitteren Wahrheiten unseres Berufs, sind geduldig. Sie können leider nicht streiken, wenn sie den furchtbarsten Mist drucken müssen. Selbst ihre List, in schlechte Bücher massenhaft Druckfehler einzuschleusen, wird nur mit einem Achselzucken beantwortet. Hauptsache, die Maschine amortisiert sich, und bei der heutigen Innovationsgeschwindigkeit muss sie ihre Entstehungskosten in kürzester Zeit wieder eingespielt haben.

Seit der Erfindung des Buches wird darüber geklagt, dass zu viele erfunden werden. Schon lange vor dem Angst einflößenden Aufschäumen der Bücherwelle im 19. Jahrhundert und sogar schon vor Gutenberg ist das Zuviel der Bücher Anlass für die Befürchtung gewesen, dass sie den Menschen nicht erheben, sondern erschlagen. Petrarca warnte bereits vor der "Pest" (pestis mala), "Bücher nicht nach ihrem wahren Wert, sondern als Handelsobjekte einzuschätzen" (quasi mercium aestimantes): "Schluckt man mehr, als man verdauen kann, dann geht es dem Geist wie dem Magen: Überfülle schadet mehr als Hunger, und wie der Genuss von Speisen, so ist der von Büchern je nach Beschaffenheit des Genießenden einzuschränken." An dieses weise Gebot hat sich keiner der unmittelbar Beteiligten gehalten, weder die Autoren noch die Verleger und schon gar nicht die passionierten Leser (eine Minderheit!). Sie können gar nicht genug schreiben, produzieren und lesen, auch wenn der allergrößte Teil dieser kollektiven Anstrengung im wahrsten Sinne des Wortes verzischt wie der heiße Tropfen auf der Herdplatte. Fast alles ist buchstäblich für die Katz. Das weiß jeder, der am Literaturbetrieb beteiligt ist. Dennoch ist es in unserer (volkswirtschaftlich nicht unbedeutenden) Branche verpönt, Wasser in den Wein zu gießen und am Wert dieses massenhaften Ausstoßes der Bücher zu zweifeln. In einer Gesellschaft, die kaum noch Werte hat und deshalb so verzweifelt laut nach ihnen ruft, soll nicht auch noch das alte Buch in Frage gestellt werden.

Deshalb freuen wir uns erst einmal auf die fünfzigtausend Neuerscheinungen, die für die Buchmesse angekündigt werden. Wir freuen uns auf Wie man reich wird und das Große Salat-Buch mit den knackigen Rezepten, wir freuen uns auf die Nachfolgebände der beliebten Biss-Reihe, die Bisse schon vor und dann nach dem Frühstück verspricht, auch die Abwasserverordnung wird neu aufgelegt und so manches schöne Buch zur Krise, und welches Herz geht nicht auf, wenn Fahrradfahren leicht gemacht im Angebot liegt oder die Wahrheit über die Rentenlüge? Von den viertausendzweihundert Romanen, die alle ein großes Lesevergnügen versprechen, weil sie den Leser bis zur letzten Seite in Atem halten, und von den allgemeinen Sachbüchern, die ihre Sachen in einem ganz neuen Licht zeigen, und den politischen Büchern, die sensationelle Enthüllungen bieten, und den Memoirenwerken von Fußballern, Schauspielern, Fernsehmoderatorinnen und Schlagersängern, die es krachen lassen, weil sie provozieren wollen, von diesen Büchern, von denen es gar nicht genug geben kann, weil wir von ihnen gar nicht genug kriegen können, soll hier nicht die Rede sein. Auch nicht von Wie trete ich sicher auf und Wie trete ich ab, ohne mein Gesicht zu verlieren aus der erfolgreichen Tret-Reihe. Und schon gar nicht von den nützlichen Nachschlagewerken Ein Kaffee mit Kant, Ein Schoppen mit Schopenhauer und Ein Brunch mit Buddha bei Beckenbauer, weil diese Dinge ebenso zum festen Bestand unserer Bildung gehören wie das meistverkaufte Buch über Gott seit der Bibel und die ebenso oft verlangte dramatische, düstere, packende und natürlich topaktuelle Studie über den Teufel.

Alle diese Bücher - mit festem oder mit wackligem Einband, in Pappe, Leinen oder unverhüllt - gehen in die Statistik ein (die natürlich selbst als Buch erhältlich sein wird), damit Politiker, Präsidenten, Vorsitzende und Ehrenhalber am Ende ausrufen können: "Wir sind ein Lesevolk." Und selbst wenn es am Ende drei Prozent weniger sind als im Vorjahr, kann sich die Bilanz immer noch sehen lassen. Und weil die "Kulturtechnik Lesen" auch um drei Prozent geschrumpft ist, gibt es eben mehr illustrierte Bücher, Coffee-Table-Books oder Non-Books, die sich gar nicht lesen lassen wollen. Dass die Hälfte der Bundesbürger nie ein Buch kauft, muss uns nicht beunruhigen. Dafür haben wir das Geschenkbuch. Gerade die Buntheit der Bücherschränke bei buch-resistenten Mitbürgern gibt Aufschluss darüber, wie unsere Statistik zustande kommt. Der repräsentative Weinatlas steht neben Wie ich meinen Vorgarten pflege, Keine Angst vor der Schwiegermutter und Impotenz ist heilbar, dazu noch die gesammelten Werke von Guido Westerwelle, Gertrud Höhler und Olaf Henkel in abwaschbaren, ansprechenden Schmuckausgaben. Wie schön sie aussehen im Ikea-Regal! Wie gut sie sich machen als dekorativer Wandschmuck! Und alles noch in staubresistente Folie verpackt!

Mit anderen Worten: Das "gute Buch", die Parodie auf das gute Buch, hat bei dieser Angebotspalette, diesem breiten Spektrum, noch eine reelle Überlebenschance. Den schwarzen Anzug können wir für die immer wieder angekündigte und immer wieder abgesagte Beerdigung getrost im Schrank lassen.

Und doch müsste man eine Augenklappe anlegen und sich die Ohren mit Wachs verstopfen, um nicht die Zeichen zu sehen und die Kassandrarufe zu hören, die vom Untergang der Buchkultur künden.

Was Zeitungen betrifft, so spricht man von ihnen - trotz der übervollen Kioske - nur noch in der Vergangenheitsform. (Und wenn einer, wie der Amerikaner Philip Meyer, ihr endgültiges Ableben für 2043 voraussagt, hält man ihn für einen unverbesserlichen Optimisten.) Die Sinnkrise - so der Tenor eines Sonderhefts des "Süddeutsche Zeitung Magazin" - ist total: "Erst verschwindet die Qualität, dann die Zeitung" (Georg Diez); heute "verwandelt sich Öffentlichkeit nicht nur, sie löst sich auf" (Andreas Zielcke); "Druckerpressen zu besitzen ist heute ein Nachteil... die Zukunft liegt zweifellos jenseits der Druckerpresse... Jedes Zeitungshaus sollte sich einen Termin setzen, zu dem es seine Druckerpressen abstellt" (Jeff Jarvis); es ist "nur eine Frage der Zeit, bis das Papier marginalisiert ist" (Hajo Schumacher); "was die Qualität einer Zeitung ausmacht, wird erst dann wertgeschätzt werden, wenn sie nicht mehr vorhanden ist" (Hans Werner Kilz); und so weiter.

Mit einem Wort: "Wir leben auf der Schwelle eines Kulturbruchs" (Georg Diez), und die "Buchlesegeräte Kindle und E-Book markieren den Anfang vom Ende des Massenmediums Papier" (Hajo Schumacher).

Handelt es sich hier um einen besonders hartnäckigen Fall von Hysterie, ausgelöst von der Wirtschaftskrise, um die übliche Schwarzmalerei oder um eine nachvollziehbare Analyse der Situation? Wenn letzteres zutrifft, dann geht - wie der Buch-Autor Jürgen Neffe in der "Zeit" lakonisch feststellt - die Ära des gedruckten Buches zu Ende.

Jürgen Neffe hat die konziseste, unsentimentalste, kälteste Grabrede für das gedruckte Buch geschrieben. Diesen an Darwin geschulten Analytiker ficht weder Trauer an noch Nostalgie. Für ihn ist eine alte Entwicklungsstufe menschlicher Selbstvergewisserung abgeschlossen, der eine neue, andere folgt. Noch ist zu klären, wie der Autor entlohnt wird, wenn sich sein Geist ins Netz ergießt, aber das sind technische Einzelheiten. Er empfiehlt den Verlagen, sich zu größeren Einheiten zusammenzuschließen, um die elektronischen Rechte selbst zu verwalten, damit nicht viel größere Monopolisten (Google etc.) die Autoren enteignen und damit den Verlagen das Existenzminimum entziehen. Aber die Frage, "ob wir' das wollen, ist so müßig wie die, ob wir Privatfernsehen wollten oder Handy oder Internet".

Wir werden wollen müssen.

Wir wissen (noch) nicht, wie eine literarische Kultur im Zeitalter der elektronischen Verfügbarkeit aussehen könnte, aber wir können ahnen, dass sie sich von unserer prinzipiell unterscheidet. Ob es gelingt, die juristischen und organisatorischen Fragen zu lösen, die eine "freie", demokratische Verbreitung von geistigem Eigentum gewährleisten, ist mehr als offen. Viel wichtiger aber ist die Frage, welches Menschenbild im Verlauf der rasanten Entwicklung der Technik aus dem Netz aufsteigt. Ob wir uns in ihm noch erkennen werden, bleibt abzuwarten. Es bleibt unheimlich und macht nicht froh, dass der Mensch auf vielen Gebieten einer Entwicklung hinterherläuft, die immer schneller ist als er und ihm die Bedingungen diktiert, unter denen er leben soll. Die philosophisch-literarische Lebenskunst, die sich mit dem Buch verbindet, wird der Vergangenheit angehören, aber ob die vernetzte Zukunft uns ein besseres Leben bescheren wird, ist mehr als fraglich.

Wenn man heute einen Professor der Philologie nach dem Stand der Lesefähigkeit seiner Studenten befragt, verdreht er die Augen. Studenten wollen sich, wie der Rest der Bevölkerung, unterhalten. Alles muss "leicht" sein, "leicht" gehen, es darf keine Arbeit machen. Für diese Einstellung ist das Netz der ideale Ort.

"Nichts hält das Schwinden der sinnlichen Anziehungskraft auf, das Bücher hinzunehmen haben. Ein lang ersehntes Werk endlich selbst in Händen halten, dies Königsgefühl des Gelehrten, des Neugierigen ganz allgemein, wie könnte es überleben, wenn ich mir den Fund als solchen, wenn auch ohne seinen schönen Körper, über Datennetze jederzeit beschaffen kann? Die Funktionslust, dass das klappt, ist an die Stelle des Begehrens getreten. Heute lebt, was einst auf festen Füßen stand, weiter ohne Boden in den Lüften, in den Luftspiegelungen. Der Große Schwund, der immer durch den Körper aller geht, löst auch den Leib des Buches von seinem Geist. Der Große Schwund ergreift zuerst die Anziehungskraft, die von der Gestalt der Dinge ausgeht. Ich brauche indessen den sinnlichen Gegenstand Buch in meinen Händen, sobald ich darin Texte lange lesen und entziffern will. Zu solchen gehört auf authentische Weise das Buch. Für rasches Lesen und einmaliges Zurkenntnisnehmen stehen passendere Medien zur Verfügung." (Botho Strauß, Die Fehler des Kopisten).

Kann man sich vorstellen, dass in zwanzig Jahren noch jemand Texte lange lesen und entziffern will? Gewiss. Aber ob wir es schaffen, diesen Typus von Texten als Buch lebendig zu erhalten, dazu bedarf es des gesellschaftlichen Wollens. Ich bin gespannt, ob diese politische, juristische und pädagogische Willensbildung die nötige Kraft entwickelt, um das Buch vor dem Verschwinden im Netz zu bewahren.