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Der Buchmarkt im Strudel des Digitalen


8.10.2009
Ein gedrucktes Buch hat sinnliche Qualitäten: Was aber zählen diese gegen das smarte Design elektronischer Lesegeräte? Lebensstilfragen der Konsumenten sind berührt – und Überlebensfragen der Buchbranche.

Einleitung



Beginnen wir mit einer kleinen Phantasie. Es ist Dienstag, der 10. Oktober 2034, und die Welt wartet gespannt auf den Upload des neuen Romans von Daniel Kehlmann. Befürchtungen, der Server der Website seines Literaturagenten, der das Buch ins Netz einspeist, könnte wie beim letzten Mal unter dem Ansturm der Neugierigen zusammenbrechen, hielten sich im Vorfeld hartnäckig. Der mittlerweile 59-jährige Schriftsteller hat nichts von seiner Zugkraft für das Publikum verloren, und dass er sein neues Werk, eine historische Groteske mit dem Titel "Siegfried Alexanders Zuckungen", am Vorabend der traditionellen Frankfurter E-Book-Messe publiziert, zeigt, dass Kehlmann weiß, was er der Branche schuldig ist.

Spötter behaupten, der Titel des neuen Romans sei eine Reminiszenz an die beiden Verleger, unter deren Fittichen der damals noch junge Mann seinen Aufstieg zum Bestsellerautor nahm. Aber wenn es sich tatsächlich um einen sentimentalen Tribut des Autors an seine Anfänge handelt, dann ist er nicht ohne bitteren Beigeschmack. Siegfried Unseld, hätte er den Weggang seines Jungstars von Suhrkamp zum Rowohlt-Verlag im Jahre 2004 noch erlebt, hätte dies wohl nie verwunden; und von Alexander Fest ist bekannt, dass er seit nun schon anderthalb Jahrzehnten mit Kehlmanns Entscheidung hadert, seine Bücher via Internet im Selbstverlag herauszubringen. Genauer: Kehlmann hat sich die begehrte First Edition seiner Texte reserviert. Erstausgabe indessen meint heutzutage E-Book; denn Digital ist Trumpf.

Für Fest und dessen Rowohlt-Verlag bleibt immerhin die Zweitverwertung im antiquierten Offsetdruck. Auch damit lässt sich gelegentlich noch ein hübsches Sümmchen verdienen, sofern man die gewandelten Spielregeln für den Absatz von Druckwerken beachtet: Einen Teil der Bücher als einheitliche Auflage herauszubringen, wie es einst die Regel war, ist nach wie vor möglich. Individuelle Bedürfnisbefriedigung aber sieht anders aus. Daher muss ein weiterer Teil als lose Bogen auf edlem Papier lieferbar sein, damit sich Fetischisten von der Buchbinder-Manufaktur ausgefallene Einbände fertigen lassen können. (Das ist im Grunde ein sehr altes Phänomen.) Nicht zu vergessen sind schließlich die sogenannten personalisierten Ausgaben, bei denen der Kunde Typografie, Illustration und Umschlagfoto individuell bestimmt. Hier, beim Individual-Buch, scheidet der Offsetdruck, der erst ab einer höheren Auflage rentabel ist, als Verfahren aus. Für Kleinstauflagen ist Print-on-Demand (PoD), eine Buchherstellung mit Digitaldruckern, die ähnlich wie Fotokopiergeräte arbeiten und nach Bedarf und auf Abruf produzieren können, das Mittel der Wahl. Den Auftrag dazu kann der Kunde in eigene Regie nehmen. Alles, was er dazu braucht, ist eine Textdatei mit dem neuen Roman. Für den druckreifen Satz sorgt die Digitaldruckerei. Und was hätten Verlage beim Individual-Buch noch zu tun? Gute Frage.

Nun zur Realität. Daniel Kehlmann hat heute, im Oktober 2009, gar keine Lust, unter die Selbstverleger zu gehen, und die dieser Tage beginnende Herbstmesse in Frankfurt heißt noch Buch-, nicht E-Book-Messe.[1] Ihr Ehrengast ist China. Das Reich der Mitte gilt so sehr als aufsteigende Großmacht, dass Auguren das 21. Jahrhundert bereits jetzt als "das chinesische Jahrhundert" bezeichnet haben. Müssen wir also auf die Chinesen sehen, um Trends zu erkennen, welche die Zukunft bestimmen? Sollte dies der Fall sein, dann gibt für den Buchmarkt folgende Nachricht[2] zu denken: 2008 ist in China die Zahl derer, die für Buchlektüren elektronische Lesegeräte (E-Reader) nutzen, auf 79 Millionen gestiegen; das ist gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 34 Prozent. Aus dem Straßenbild Shanghais sollen junge Leute, die auf Smartphones oder anderen tragbaren Abspielgeräten Texte lesen, nicht mehr wegzudenken sein. Weit über achthunderttausend Titel sind im elektronischen Format, als E-Books also, verfügbar. Jene 79 Millionen Konsumenten entsprechen 5,8 Prozent der chinesischen Bevölkerung. Das sind Dimensionen, von denen Deutschland[3] noch weit entfernt ist.

Nun wissen wir freilich, dass es irrig wäre, würde man sich die Zukunft als lineare Fortschreibung von Entwicklungen der Gegenwart ausmalen. Märkte wachsen in Sprüngen. Auf Phasen der Euphorie folgen Beruhigung und Sättigung, verbunden mit Stagnation oder einem Auf und Ab. Wäre es anders, und man hätte die Zukunft des chinesischen E-Book-Marktes aus der Wachstumsrate für 2007 zu extrapolieren, dann müssten wir für das 21. Jahrhundert eine Marginalisierung von Druckwerken annehmen. Das wäre insofern nicht ohne Ironie, als China, wo schon lange vor Johannes Gutenberg mit beweglichen, allerdings nicht metallenen Lettern gedruckt wurde, erneut eine Vorreiterrolle einnähme: Damals, im 11. Jahrhundert, waren die Chinesen Wegbereiter für den in Korea zur Reife gebrachten Buchdruck.[4] Heute hingegen erschienen sie als Totengräber des Druckens auf Papier.

Selbst dann jedoch, wenn man so weit gar nicht gehen will, bleibt der rasante Anstieg auf 79 Millionen chinesischer E-Book-Leser ein eindringliches Faktum. Ihn als etwas speziell Chinesisches kleinreden zu wollen, hilft wenig. Ein erster Verdacht, die chinesischen Schriftzeichen seien besonders gut für die Wiedergabe auf E-Readern geeignet, und dies erkläre den Boom, hat sich nicht bestätigt. Eine kleine private Umfrage, die der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer, Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, auf unsere Bitte hin unter chinesischen Bekannten machte, ergab: Die Chinesen schätzen E-Reader aus technischer Neugierde, aus Lust am Spielerischen, als modisches Accessoire und natürlich als Datenbank, die viele tausend Seiten Text vorhalten kann. Sie begrüßen es, dass sich der Text über Suchfunktionen erschließen und mittels copy and paste bequem für eigene Zwecke plündern lässt. Dankbar sind sie für die Wörterbücher, mit denen E-Reader standardmäßig ausgerüstet sind, denn die vielen tausend Zeichen ihrer Schrift stellen auch geübte Leser vor Probleme. Dass man es in China mit dem Copyright nicht so genau nimmt und die Lesegeräte ein Medium für digitale Raubkopien abgeben, mag hinzukommen. In summa aber lässt sich sagen: Mit Kulturrelativismus können sich europäische oder deutsche Buchverleger den E-Book-Boom nicht vom Hals halten. Die chinesischen Motive fürs elektronische Buch sind bis auf Nuancen die gleichen wie anderswo. Und so sind auch die Verlockungen und Gefahren die nämlichen.

Das chinesische Exempel ist instruktiv. Wie altes Buch und junge Technologie in Konstellation treten, wird deutlich. Da konkurrieren Angebote für ein gewandeltes Kaufverhalten, für unterschiedliche Rezeptionsweisen, für Produktions- und Distributionsformen. Ein von einer durchkomponierten Buchdoppelseite geführtes Auge gleitet lesend anders voran als der Blick auf ein Display. Ein vielbändiges Nachschlagewerk im Regal bietet Wissen anders dar als eine elektronische Datei oder eine Funkverbindung vom E-Reader zu Wikipedia. Apropos Nachschlagewerk: Welchem Angebot lexikalischer Information die Gegenwart zuneigt, ist nach dem ökonomischen Desaster, das die 21. und wahrscheinlich für alle Zeit letzte gedruckte Auflage der "Brockhaus Enzyklopädie" erfuhr, entschieden. Andere Fragen sind noch offen. Das geltende Urheberrecht steht quer zum leichthändigen Herunterladen eines Bestsellers aus einer Online-Tauschbörse, die das Buch trotz Copyright gratis anbietet: Wohin geht die Rechtsentwicklung, stärkt sie die Urheber oder die Piraten? Ein gedrucktes Buch hat sinnliche Qualitäten: Was aber zählen diese gegen das smarte Design eines zur Lektüre tauglichen Mobiltelefons? Lebensstilfragen der Konsumenten sind berührt - und Überlebensfragen der Buchbranche. Was wird aus der Druckindustrie im Zeitalter elektronischen Publizierens? Wie können Buchläden am Verkauf von E-Books partizipieren?


Fußnoten

1.
"E-Book" meint die in digitalem Format vorliegende Publikation; als "E-Book-Reader" bzw. "E-Reader" wird das Lesegerät bezeichnet.
2.
Tiffany Wong, Mitbegründerin der Firma Aldiko, die Applikationen für E-Reader entwickelt, meldete am 12. August 2009 im Weblog von Teleread: "There were 79 million readers of digital books in 2008, a 34 % growth compared to 2007. An interesting trend is how e-books appeal in particular to young people. Readers below 24 accounted for almost 50 % of the group. Unlike reading printed books, reading e-books is seen by the younger generation as a modern and fashionable activity. In cities like Shanghai, wherever you go, you can see people reading with devices such as PSPs, mobile phones, portable media players (PMP), etc. In contrast, the proportion of older-ages is relatively small as this population of people are used to reading physical books." www.teleread.org/2009/08/12/ coming-tiffany-wongs-report-on-e-books-in-china-79m-readers-of-digital-books (15.9. 2009).
3.
Die Unternehmensberatung Kirchner + Robrecht hat aktuelle empirische Daten spekulativ hochgerechnet und im März 2009 eine Prognose vorgelegt, wonach hierzulande im Idealfall bis 2013 rund drei Millionen elektronische Lesegeräte abgesetzt werden könnten. Für die Zeitspanne von Mitte 2009 bis Mitte 2010 erwarten die Verfasser der Studie, dass rund 80000 Deutsche einen E-Reader erwerben werden. Erst neue Generationen von Lesegeräten sollen einen Absatzschub bringen. Auch zum Verkauf digitaler Bücher äußert sich die Prognose. Die Schätzungen für 2010 schwanken zwischen einem Optimum von 1,5 Millionen E-Books und einem Minimum von 380 000 Titeln.
4.
Vgl. dazu und zum Folgenden Marion Janzin/Joachim Güntner, Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte, Hannover 2007.

 
Leseland DDRAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 11/2009)

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