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8.10.2009 | Von:
Joachim Güntner

Der Buchmarkt im Strudel des Digitalen

Das Sortiment geht leer aus

In den USA ist Amazons Lesegerät Kindle ein Massenerfolg, dem Sony Reader hingegen fehlt im breiten Publikum jener Zuspruch, dessen er sich in den Lektoraten erfreut. In Sonys Heimatland Japan fiel das Gerät glatt durch. Zurückgeführt wird das gern auf kulturelle Eigentümlichkeiten: Die Japaner, die täglich in Scharen und oft stundenlang mit Vorortzügen und U-Bahnen zwischen Wohnung und Arbeitsplatz hin und her pendelten, hätten im Gedränge der überfüllten Waggons gar nicht den Platz, den reichlich taschenbuchgroßen Sony Reader zu handhaben. Sie würden Smartphones als Datenträger bevorzugen. Deren kleine Displays hätten, heißt es, auch schon ein neues literarisches Genre entstehen lassen: die Graphic Novel, eine Art Comic speziell fürs E-Book-Format. Wir müssen uns also, sofern dieser Darstellung der Verhältnisse tatsächlich Gewicht zukommt und sie nicht nur einen Nebenaspekt fixiert, den sich durch die Bilderfolgen der Graphic Novels klickenden japanischen Pendler als dominante Figur für den digitalen Konsum von Büchern vorstellen. Für E-Reader mit 6-Zoll-Bildschirmen hat er keine Verwendung, so jedenfalls erklärten zwei Sony-Vertreter auf der Leipziger Buchmesse den Reinfall. Der japanische Markt, trösteten sie sich, sei "ein total anderer" als der europäische.

Warum liebt das Lektorat den Sony Reader? Weil dieses Gerät, anders als der Kindle, für verschiedene Formate offen ist. Der Lektor kann den vom Autor erhaltenen Text mühelos auf den Reader überspielen. Sony ist (auch wenn das Unternehmen dazu Anlauf nimmt) kein Buchhändler, es ist der Firma gleichgültig, ob der auf dem Gerät laufende Roman ein hauseigenes Format besitzt oder als PDF- oder sonstige Datei vorliegt. Anders Amazon: Der Online-Händler liefert sowohl die Hardware wie den Inhalt, er hat beides aufeinander abgestimmt. Er möchte die Kunden dazu anhalten, dass sie auf dem Kindle nur die bei Amazon gekauften E-Books lesen. Darin, Lesestoff und Lesegerät aus einer Hand zu erhalten, hat das Publikum bisher eher einen Vorteil denn Nachteil gesehen. Schließlich ist es bequem: Amazon wirbt in den USA damit, stets alle Titel der Bestsellerliste der "New York Times" als E-Book parat zu haben (wann der Kindle nach Deutschland kommt, steht noch nicht fest). Zudem verfügt der Kindle über eine Funkverbindung zu Amazons E-Bookstore. Das ist ein grandioser Vorzug gegenüber dem größten Konkurrenten. Um den Sony Reader mit Lesestoff zu laden, braucht man eine Schnittstelle, einen Computer mit Internetverbindung zu einer Plattform, die digitalisierte Bücher anbietet. Der Kindle hingegen ist wireless mit Amazons Datenbank verknüpft; der Kunde kann sich zu jeder Zeit und von jedem Ort aus bedienen. Man sitzt mit einem Freund in einem Café, und der erzählt so begeistert von einer Neuerscheinung, dass man das Buch auch gleich lesen möchte? Kein Problem. Als "Killer-Applikation", mörderisch für alle drahtgebundene Konkurrenz, bezeichnet daher Rüdiger Salat, Chef der Buchverlage des Holtzbrinck-Konzerns, den Online-Sofortzugriff.

Das heißt aber noch keineswegs, dass der Kindle im Wettstreit der Geräte das Rennen machen wird. Die Kunden, namentlich die jungen, wollten kein zusätzliches Endgerät, sondern etwas Multifunktionales, etwas, womit man zugleich telefonieren, E-Mails bearbeiten, Filme gucken und Bücher lesen kann. In den Vertriebsabteilungen des Piper-Verlags oder bei Hoffmann und Campe schwört man deshalb auf Apples iPhone. Aber ist dessen Display nicht zu klein für Romanlektüren? Für Leute jenseits der Vierzig vielleicht schon. Sie werden dankbar auf E-Reader mit mehr Präsentationsfläche zurückgreifen, zumal nur dort die Möglichkeit besteht, den Schriftgrad augenfreundlich zu vergrößern. Welche Firma mit welchem Lesegerät Marktführer wird, kann letztlich gleichgültig bleiben. Es ist eine Frage des Bedürfnisses und des ihm korrespondierenden technischen Raffinements. Vielen technischen Mängeln, die momentan noch gegen elektronische Lesegeräte sprechen, wird man abhelfen. Was der E-Reader der Zukunft alles kann und besitzt (Foliendisplays zum Ausrollen vielleicht, um auch große illustrierte Werke darzustellen), darf man getrost den Entwicklungsabteilungen der Elektronikfirmen überlassen. Bedeutsam aber ist, dass die E-Reader nun auch die Belletristik der digitalen Lektüre zuführen, und dass der klassische Buchhandel düpiert und machtlos neben dieser Entwicklung steht.

Niemand, der ein solches Gerät besitzt, wird noch in einen Laden gehen, wenn er sich das gewünschte Buch bequem vom Sessel aus herunterladen kann. Es war ebenso traurig wie rührend zu verfolgen, wie angestrengt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und andere Lobbyisten beim Verkaufsstart des Sony Reader den Eindruck zu erwecken suchten, auch der stationäre Handel könne vom E-Book-Geschäft profitieren. Sony spielte zunächst mit und band den Buchhandel in den Verkauf der Lesegeräte ein, damit das Sortiment zumindest beim Absatz der Technik beteiligt ist (der gute Wille hielt nicht lange vor, mittlerweile bestückt Sony auch Multimedia-Märkte). Branchenblätter phantasierten, in den Buchläden Terminals aufzustellen, wo der Kunde seinen digitalen Lesestoff zapft. In diesem Kontext wäre die Volltextdatenbank Libreka zu nennen, ein Gemeinschaftsprojekt der deutschsprachigen Buchbranche. Libreka verkauft nicht selbst, sondern ist mit seinen weit über hunderttausend Titeln vor allem eine vorzügliche Literatur-Suchmaschine, gleichsam die deutschsprachige Antwort auf Google Book Search. Der spontane Download von Texten (im Format PDF) ist möglich, der Kauf als solcher aber läuft über Buchhandlungen, um sie am Umsatz zu beteiligen. Die Verlage sind aufgefordert, Bücher einzustellen, aber Libreka klagt, es würden die Bestseller fehlen.

Fragt man Verleger unter vier Augen, welche Chancen sie langfristig dem herkömmlichen Buchhandel im E-Book-Geschäft einräumen, lautet die fernab aller Propaganda gegebene Antwort regelmäßig: gar keine. Der stationäre Handel macht sich also besser keine Illusionen, er wird leer ausgehen. Seine durch den Online-Versandhandel ohnehin schon geminderte Bedeutung wird dramatisch schrumpfen, sollte das E-Book das gedruckte Buch verdrängen. Aber danach sieht es zurzeit nicht aus. Die Menge des frisch Gedruckten steigt Jahr um Jahr und überschritt 2008 erstmals die Grenze von einer Million Titel (Neuerscheinungen plus Neudrucke bereits publizierter Druckwerke).[9] Es wäre daher ausgesprochen kühn, wollte man heute, nur weil um das E-Book ein solcher Budenzauber veranstaltet wird, den Tod des Buches voraussagen. In seiner Gestalt als Codex, mit der Verbindung aus Buchstaben und Papier, mit Seiten, die so geheftet und gebunden sind, dass man darin blättern kann, ist das Buch aus unserer Kulturgeschichte nicht wegzudenken. Es stehe für eine ideale Einheit von Form und Funktion, meinte einmal Rowohlts Verleger Alexander Fest, und er benutzte einen schönen Vergleich: "wie der Löffel".

Fußnoten

9.
Vgl. Buch und Buchhandel (Anm. 6), S. 127.