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8.10.2009 | Von:
Joachim Güntner

Der Buchmarkt im Strudel des Digitalen

Ballast abwerfen

Die härteste Nuss, welche die Digitalisierung der Verlagswelt zu knacken gibt, ist die Piraterie. Der unerlaubte Nachdruck hat die Jünger Gutenbergs von Anfang an geplagt. Bereits die Frühdrucker der Inkunabelzeit fluchten über die üble Konkurrenz, manchen Ruin hat das bleisatzbewehrte Raubrittertum verschuldet. Zur Verbreitung der Aufklärung hat der Nachdruck beträchtlich beigetragen. Knigge verteidigte ihn deswegen, Wieland, der ihn "ärger als Hochverrath" schimpfte, erkannte zumindest an, dass der Nachdruck dem Schriftsteller nicht wenig schmeichle und seinen Ruhm verbreite. Auch die Studenten, die um 1968 gegen den Willen von Horkheimer und Adorno deren "Dialektik der Aufklärung" auf dem grauen Markt verbreiteten, agierten in dem Bewusstsein, vielleicht etwas Illegales, aber doch auch Gutes zu tun.

Kaum anders steht es mit dem Selbstverständnis derer, die heute im Internet ohne Einwilligung der Rechteinhaber digitale Kopien von Büchern zum Download anbieten. Fundamental geändert hat sich das Werkzeug der Kopierer. Mit ein paar Mausklicks lassen sich Bücher global streuen. "Wird ein kopierbarer Gegenstand mit dem Internet in Berührung gebracht, dann wird er kopiert, und diese Kopien lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen", schreibt der Medientheoretiker Kevin Kelly. "Im Unterschied zu den massengefertigten Reproduktionen des Maschinenzeitalters sind diese Kopien nicht nur billig, sondern kostenlos."[10]

Das Desaster der Musikindustrie, die durch Tauschbörsen wie Napster an den Rand des Ruins getrieben wurde, lastet als Menetekel auch auf der Buchbranche. Für die Verlage, welche die Spitzentitel ihres Programms oft schon im Netz zirkulieren sehen, wenn die Buchhändler kaum angefangen haben, die frisch ausgelieferte Ware zu sortieren, sind Raubkopierer eine existenzielle Bedrohung. Kevin Kelly rät: Wenn Kopien massenhaft kostenlos verfügbar sind, muss man verkaufen, was knapp und nicht kopierfähig ist. Für Kelly sind das Waren, die Qualitäten wie Vertrauen, Unmittelbarkeit, Authentizität inkorporieren, die personalisierbar oder mit besonderen Dienstleistungen verbunden sind. Seine Überlegungen zu möglichen Geschäftsmodellen für die digitale Welt mögen praktikable Vorschläge enthalten. Sie zeichnen sich aber für die Besitzer von Urheberrechten dadurch negativ aus, dass Kelly die Vorstellung, man könne den Schutz von Copyrights im Internet durchsetzen, aufgegeben hat.

Was die Zirkulation von Privatkopien in Tauschbörsen angeht oder die von hiesigen Staatsanwälten nicht zu belangenden Raubkopierer, die ihre illegalen Scans gern über russische Websites vertreiben, mag das stimmen. Hat man es jedoch mit einem Unternehmen wie Google zu tun, einer im Handelsregister eingetragenen Firma, die man mit Rechtsansprüchen konfrontieren kann, sieht die Sache nicht so schwarz aus. Unter dem Anspruch, das "Weltwissen" allgemein zugänglich zu machen, arbeitet der kalifornische Suchmaschinen-Betreiber seit 2004 mit großen Bibliotheken zusammen, um deren Bestände zu digitalisieren und ins Netz zu stellen. Millionen von Büchern, die zwar im Handel vergriffen sind, aber dem Copyright unterliegen, sind bereits erfasst. Zunächst klagten in den USA die Inhaber von Verlags- und Urheberrechten dagegen, dass ihre Bücher ungefragt kopiert und im Internet aufgeblättert wurden. Dann verglichen sich die Parteien. Dieser als Google Book Settlement bekannt gewordene Vergleich ist - ungeachtet dessen, wie es um den letzten richterlichen Segen steht - interessant, weil er zeigt, welche Verschiebungen das Urheberrecht erleiden könnte. Gemäß dem Settlement können Rechteinhaber zwar verlangen, dass Google die Kopien ihrer Bücher wieder aus dem Netz entfernt, nicht aber, dass Google sie, wie es das Urheberrecht bisher für selbstverständlich nahm, vor dem Scannen der Texte um Erlaubnis fragt. Das Urheberrecht wäre also zu einem nachträglichen Einspruchsrecht herabgestuft. Tröstlich dürfte sein, dass es dabei nicht um lieferbare Titel geht. Deren Schutz tastet auch das Settlement nicht an.

Das Ende der Brockhaus-Enzyklopädie als Druckwerk war zugleich der Triumph einer Wissensrepräsentation im Internet. Googles großes Digitalisierungsprojekt dehnt den Bücherkosmos, genauer: den Zugriff darauf, auf ungeahnte Weise aus. E-Reader wiederum minimieren den Raum, den unsere Büchersammlung künftig beansprucht. Man muss solche Erscheinungen im Zusammenhang sehen. Wohin man auch blickt, unverkennbar ist, dass die Geschichte der textlichen Überlieferung unserer Kultur eine Zäsur erfährt. Alles scheint plötzlich präsent, Information mühelos greifbar. Mit der virtuellen Allgegenwart historischer und zeitgenössischer Texte wird ihr Besitz entwertet. Bücher haben an Distinktionswert verloren, gut gefüllte Regale sind nichts mehr, womit man angeben kann. Entsprechend ist das Mobiliar für die früher so bedeutsame Wohnzimmer-Bücherwand aus den Katalogen der Einrichtungshäuser verschwunden (Ikea einmal ausgenommen, doch bei den Möbeln dieses Anbieters ging es ja noch nie um Prestigefragen).

Die soziologische Kategorie des Distinktionsverlustes erfasst das Phänomen allerdings nur unvollständig. Wenn sich Menschen heute schneller von ihren Büchern trennen, sie wegwerfen, zum Weiterlesen an Dritte verschenken oder leichten Herzens verramschen, dann zeigt sich darin ein Bestreben, Ballast abzuwerfen. Googles Weltbibliothek (oder Weltbuchladen, denn als Händler möchte Google Geld verdienen) entspricht gerade darin, dass dieses Bücher-Reich potenziell unendlich, gleichwohl spontan verfügbar und trotz Verfügbarkeit virtuell und damit für Benutzer kein Ballast ist, jener Tendenz unserer Zeit. Desgleichen der E-Reader oder besser noch das multifunktionale Smartphone: Wir forcieren einerseits die Virtualisierung der Wissensbestände mittels Internet, anderseits die Miniaturisierung der physischen Datenträger. Beides verringert Ballast. Ballast abzuwerfen kann eine Gegenreaktion sein, eine Kompensation des "Zuviel", welches als Versprechen und Drohung zugleich in der durch Digitalisierung erzeugten Datenfülle steckt. Wer Ballast abwirft, wehrt sich aber nicht nur, er unterwirft sich auch den Imperativen der Mobilität und Flexibilität. Lesegeräte, die sich in der Hosentasche transportieren lassen und die es erlauben, zu jeder Zeit und von wechselnden Orten aus per Funk auf Datenbanken zuzugreifen, sind die passenden Begleiter des "flexiblen Menschen". Eine Soziologie des E-Book-Readers zu schreiben, sollte nicht allzu schwerfallen. Richard Sennett, übernehmen Sie...

Fußnoten

10.
Kevin Kellys Aufsatz "Better Than Free", einen im Internet viel zitierten Text über Geschäftsmodelle in der digitalen Welt, hat Thomas Rohde für seinen Weblog ins Deutsche übertragen: http://bewegliche-lettern.de/2009/08/kevin-kelly-besser-als-kostenlos-better-than-free/ (15.9. 2009).