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11.9.2009 | Von:
Dirk Halm
Dietrich Thränhardt

Der transnationale Raum Deutschland -Türkei

Migration und türkische Organisationen in Deutschland

In Deutschland leben heute etwa 2,6 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Ausgangspunkt ihrer Migration nach Deutschland war das deutsch-türkische Abkommen über die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Jahr 1961. Mit dem Anwerbungsstopp 1973 und der anschließenden rechtlichen Regelung des Familiennachzugs folgten den meist männlichen Arbeitern ihre Frauen und Kinder. Heute leben in etwa so viele türkeistämmige Frauen wie Männer in Deutschland, mehr als jede/r dritte besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit.[6] Die Einwanderungsbevölkerung hat sich stark ausdifferenziert und inzwischen gibt es nicht nur viele türkische Arbeiter, sondern auch eine Vielzahl von Unternehmern, Profifußballer, eine umfangreiche kulinarische Szene, türkeistämmige Abgeordnete und mit Cem Özdemir (Bündnis90/DieGrünen) auch einen deutschen Parteivorsitzenden. Türken sind die sichtbarste Einwanderungsgruppe in Deutschland.

In der pluralen deutschen Gesellschaft bildeten die Einwanderer rasch zivilgesellschaftliche Organisationen, wobei die Rahmenbedingungen ambivalent waren: Einerseits ermöglichte die grundsätzliche Assoziationsfreiheit in Deutschland die unkomplizierte Etablierung von Organisationen, andererseits wurde deren Arbeit weder aktiv gefördert noch wies man ihnen eine Rolle im politischen Willensbildungsprozess zu. So ist eine komplementäre Organisationslandschaft der türkeistämmigen Bevölkerung entstanden, die deutsche Angebote ergänzt und speziell in die Lebensbereiche hineinwirkt, die sich der Assimilierung widersetzt haben. So werden zuvorderst die Komplexe Religion und Kulturpflege durch eigenethnische türkische Organisationen in Deutschland abgedeckt.[7] Potentiell handelt es sich hierbei um transnationale Phänomene mit häufigen intensiven Kontakten in die Türkei,[8] wobei eine differenzierte Betrachtung angebracht ist. So erfolgt die deutschlandorientierte Integrationsarbeit der Organisationen erwartungsgemäß unabhängig von transnationalen Netzwerken,[9] während politische Aktivitäten angesichts fehlender Beteiligungsmöglichkeiten hierzulande oft eine grenzüberschreitende Orientierung aufweisen.[10] Bei Gruppen, die ihre Ziele einfacher in der Diaspora verfolgen können, ergibt sich eine Ausstrahlung aus Europa in die Türkei (zu denken wäre etwa an Kurden und Aleviten oder den fundamentalistischen Islam). Analog erklärt sich die fehlende gesellschaftspolitische Integration des Islams in Deutschland auch teilweise durch die Orientierung auf die Türkei.

Allerdings ist nicht ausgemacht, ob die eingangs angesprochene fortschreitende Transnationalisierung auch eine Stärkung der aus Arbeitsmigration nach 1961 hervorgegangenen Selbstorganisationen und ihrer grenzüberschreitenden Kontakte bedeutet. Mit dem Heranwachsen der zweiten und dritten Generation von Migrantinnen und Migranten und fortschreitenden Integrationsprozessen verlieren klassische herkunftslandorientierte Organisationen möglicherweise nicht nur zugunsten deutscher Vergemeinschaftungsalternativen an Attraktivität, sondern auch zugunsten von Migrantenorganisationen, die unterschiedliche Herkünfte umspannen.[11] In der türkischen Community in Deutschland sind damit zwei gleichzeitige, dennoch gegenläufige Trends bedeutsam. Einer fortschreitenden Transnationalisierung vieler Lebensbereiche und dem Heranrücken der Türkei an Deutschland durch Verkehr, Medien und Informationstechnologien steht ein zu erwartender Bedeutungsverlust der Herkunftslandorientierung gegenüber, die noch auf die Gastarbeitermigration zurückgeht. Das heißt, dass der deutsch-türkische transnationale Raum in Zukunft nicht unbedingt expandieren wird. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass er sich wandeln und neue Akteure und Netzwerke hervorbringen wird. Der oben erwähnte Wandel der Bedingungen für die Zivilgesellschaft in der Türkei kann einer solchen Entwicklung einen wichtigen Schub geben, etwa indem sich in der Türkei Organisationen bilden, die Beziehungen zu Gruppen herstellen, die sich in Folge von Unterdrückung in der Türkei primär in der Diaspora etabliert haben (hier wäre beispielsweise an die alevitischen Organisationen zu denken). Zudem könnten zuvor staatlich dominierte grenzüberschreitende Kontakte von nichtstaatlichen Akteuren weitergeführt werden. So handelt es sich beim momentan wichtigsten in Deutschland tätigen Moscheeverband DITIB nicht um eine zivile, sondern um eine staatliche transnationale Organisation. Ihr dominanter Partner auf türkischer Seite ist das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten, das an das Amt des Ministerpräsidenten angegliedert ist. Mit der Anerkennung auch nicht staatlich kontrollierter Religion in der Türkei könnte sich diese Situation mittelfristig ändern.

Fußnoten

6.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit - Einbürgerung 2007, Wiesbaden 2008.
7.
Vgl. Dirk Halm/Martina Sauer, Bürgerschaftliches Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland, Wiesbaden 2007, S. 69.
8.
Siehe zu den transnationalen Kontakten wichtiger türkischer Organisationen in Deutschland Anna Amelina/Thomas Faist, Turkish Migrant Associations in Germany: Between Integration Pressure and Transnational Linkages, in: Revue Européenne des Migrations Internationales, (2008) 2, S. 67 - 90.
9.
Vgl. ebd., S. 89.
10.
Vgl. Ruud Koopmans/Paul Statham, How national citizenship shapes transnationalism: A comparative analysis of migrant claims-making in Germany, Great Britain and the Netherlands, Oxford 2001.
11.
Vgl. Claudia Diehl, Die Partizipationsmuster türkischer Migranten in Deutschland. Ergebnisse einer Gemeindestudie, in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik, (2001) 1, S. 29 - 35.