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11.9.2009 | Von:
Dirk Halm
Dietrich Thränhardt

Der transnationale Raum Deutschland -Türkei

Perspektiven

Der transnationale Raum Deutschland-Türkei ist so facettenreich wie widersprüchlich. Die Frage nach seiner zukünftigen Ausgestaltung und den Auswirkungen auf die deutsch-türkische Lebenswirklichkeit ist entsprechend schwer zu beantworten. Im Kern geht es darum, inwieweit Bedingungen des Nationalstaates das Leben auch zukünftig prägen werden. So wurde auf den expandierenden deutsch-türkischen Wirtschaftsraum hingewiesen, der auch die Push- und Pull-Faktoren von Migration verändert. Umfragen zeigen, dass rund ein Drittel der Türkeistämmigen in Deutschland "Rückkehrabsichten" hegt und ihre Zahl in den vergangenen Jahren sogar leicht gestiegen ist.[18] Dies bedeutet aber nicht, dass diese Pläne tatsächlich umgesetzt werden. Es verbleiben beträchtliche rechtliche Hürden mit Blick auf Niederlassungs- und Aufenthaltsbestimmungen und die Anerkennung von Schul- und Berufsabschlüssen. Die "ethnische Ökonomie" in Deutschland ist indessen nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern wirft auch Fragen nach der Nachhaltigkeit von Unternehmensgründungen auf. In vielen Fällen dürften Gründungen weniger durch die Chancen im transnationalen deutsch-türkischen Raum als vielmehr durch den Mangel von Erwerbsalternativen in Deutschland zu erklären sein.[19]

Die Bewertung transnationaler Erwerbsbiographien ist ebenfalls ambivalent: Die deutsche Gesellschaft verliert einerseits wichtige Potentiale, wenn junge, qualifizierte Menschen Deutschland verlassen, weil sie sich hier vergleichsweise chancen- und perspektivlos sehen. Zugleich kann dieses Mobilitätspotenzial aber transnationale Kontakte und Wirtschaftsbeziehungen schaffen und vorantreiben.[20]

Die Identitäten türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten in Deutschland sind vermehrt als Patchwork aus Deutschland- und Türkeiorientierung zu begreifen, nur selten aber als wirklich transnationale Identitäten. Anlog dazu ist auch die Entwicklung der deutsch-türkischen zivilgesellschaftlichen Organisationen uneindeutig: Der Erleichterung grenzüberschreitender Kontakte und einem fortdauernden Familiennachzug steht die Akkulturation der zweiten und dritten Migrantengeneration entgegen, mit unklaren Folgen für die zivilgesellschaftlichen deutsch-türkischen Netzwerke.

Identitäre Fremd- und Selbstzuschreibungen und funktionale Bezüge sind oft diskrepant; dabei spielen die Rückkehrillusion und die verspätete Wende in der deutschen Einbürgerungspolitik eine große Rolle.[21] Sicher ist aber: Mit fortschreitender Globalisierung und Migration als einem der wichtigsten Elemente dieser Entwicklung, infolgedessen Aufenthalte nicht immer stetig sind, Pendelmigration auftritt und mediale Netzwerke immer weiter geknüpft werden, greifen Vorstellungen zu kurz, die Herkunftslandorientierung als integrationshemmend beschreiben. Nicht nur Offenheit gegenüber westlichen Ländern, sondern auch Offenheit gegenüber der Türkei kann wirtschaftlich und kulturell bereichernd sein. Die Deutschtürken sind dabei zunehmend eine dynamische Verbindungsgruppe.

Fußnoten

18.
Vgl. Martina Sauer, Perspektiven des Zusammenlebens: Die Integration türkischstämmiger Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse der achten Mehrthemenbefragung, Essen 2007, S. 96.
19.
Vgl. Institut für Mittelstandsforschung (Anm. 17), S. 7.
20.
Siehe zu dieser Diskussion auch Dietrich Thränhardt, Entwicklung durch Migration. Ein neuer Forschungs- und Politikansatz, in: ders. (Hrsg.), Entwicklung und Migration. Jahrbuch Migration - Yearbook Migration 2006/2007, Münster 2008, S. 102 - 128.
21.
Vgl. ders., Einbürgerung. Rahmenbedingungen, Motive und Perspektiven des Erwerbs der deutschen Staatsangehörigkeit, Bonn 2008.