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24.8.2009 | Von:
Elena Stepanova

Bilder vom Krieg in der deutschen und russischen Literatur

Ideologie und Verantwortung

In der Deutung der Rolle der kommunistischen bzw. nationalsozialistischen Weltanschauung zeichnen sich zwei "Lager" ab: Autoren, die Ideologie als externen Korpus außerhalb der kämpfenden Truppe betrachten (die Armee als "ideologiefrei" darstellen), und solche, die von einem großen Einfluss ideologischer Faktoren auf alle Bereiche des Kriegsgeschehens ausgehen. In den untersuchten Romanen lasten die Protagonisten die Schuld am Missbrauch der Soldaten "den Anderen" an, den sog. Ideologievermittlern - "Kommissaren" oder "Nazis". Diese tragen die Verantwortung für die Verluste bzw. für das gesamte Regime. Man distanziert sich von ihnen und betrachtet sich selbst als Opfer dieser "Mistbande". Sie seien "die Bösen", denen auf der anderen Seite "die Guten", "die einfachen Soldaten" gegenüberstehen. Implizit wird die NS-Ideologie sogar reproduziert, wenn, wie etwa bei Astafjew, ein metaphysisch überhöhter Antibolschewismus und der rote Kommissar als Verkörperung des absolut Bösen zum literarischen Leitnarrativ avancieren. Auch im Roman von Hahn wird diese Trennlinie zum inhaltlichen Mittelpunkt. Kononow und Dückers folgen dieser Trennung nicht: Sie zeigen das tiefe Eindringen der Ideologie in das Bewusstsein der einfachen Menschen, die sich mit der staatlichen Propaganda identifiziert haben. In ihren Romanen sind Ideologieträger keine isolierte Gruppe, sondern die breite Masse der Bevölkerung, die das Regime mitgetragen hat. Die Frage nach Verantwortung bekommt vor diesem Hintergrund eine andere Bedeutung.

Die nationalsozialistischen Verbrechen bleiben in den hier vorgestellten Romanen weitgehend unerwähnt. Die Mordaktionen der Einsatzgruppen, der Hungertod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die Opfer der Blockade von Leningrad oder das Leid der Zwangsarbeiter kommen sowohl in den Werken der deutschen als auch der russischen Autoren nicht vor. Die historische Tatsache, dass das nationalsozialistische Deutschland einen machtpolitisch und rassenideologisch motivierten Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führte, findet keine literarische Resonanz.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Den russischen Literaten geht es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion um die Abrechnung mit dem eigenen Regime und die Verbrechen der eigenen Führung, als deren Opfer man sich stilisiert; den deutschen Autorinnen geht es um Familienangehörige. Obwohl der Osten, Russland, Hauptschauplatz des Krieges war, bleibt er in der Darstellung der deutschen Schriftstellerinnen ein Nebenschauplatz der Verbrechen. Dadurch verliert der Krieg gegen die Sowjetunion seinen besonderen Charakter.

Es fällt auf, dass auch russische Autoren die nationalsozialistische Rassenideologie nicht erwähnen. Das könnte daran liegen, dass eine Auseinandersetzung mit den ideologischen Komponenten des Nationalsozialismus in der Sowjetunion und im postsowjetischen Russland nicht stattfand. Die fehlende Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Ideologie bei den Literaten hat seine Ursprünge in der sowjetischen Erklärung des Nationalsozialismus als "radikaler Ausdruck des Kapitalismus", wobei der Rassenwahn und der Antibolschewismus der Nazis den "Kapitalisten" zugeschrieben wurde, was den "einfachen Mann" jeglicher Verantwortung entzog. Als "Feind" werden nicht die Deutschen, sondern die "Eigenen" betrachtet - Kommissare, NKWD, Militärführung, nationale Minderheiten. Man findet bei keinem der Protagonisten das Gefühl des Hasses gegenüber den Deutschen, was teilweise erst durch die Ausblendung der NS-Ideologie möglich wird. Es wird eine soldatische Solidaritätsgemeinschaft unter dem Motto "Wir waren alle Opfer des Krieges" konstruiert. Dadurch ist die Annäherung an den ehemaligen Feind und die Aussöhnung möglich; eine echte "Aufarbeitung" kann jedoch auf diesem verkürzten Weg nicht stattfinden.


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