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24.8.2009 | Von:
Elena Stepanova

Bilder vom Krieg in der deutschen und russischen Literatur

Welche Bilder vom Krieg gegen die Sowjetunion werden von deutschen und russischen Schriftstellern produziert? Wie erklären sie das Töten und Sterben der Soldaten?

Einleitung

Den meisten Besuchern aus Deutschland ist St. Petersburg vor allem als prachtvolle Zarenresidenz, pulsierende Metropole und Sitz einer der größten Kunstsammlungen der Welt, der Eremitage, bekannt. Im Hintergrund bleibt das andere, dunkle Kapitel der Stadtgeschichte, das sehr anschaulich den Charakter des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion illustriert: die Blockade Leningrads. Im September 1941 hatte die Wehrmacht die Millionenstadt bis auf einen Zugang zum Ladogasee umzingelt. Man entschied in Berlin, die Metropole nicht zu besetzen, sondern ihre Bewohner verhungern zu lassen und anschließend die Stadt dem Erdboden gleich zu machen. Die dreijährige Belagerung forderte etwa eine Million ziviler Opfer. Dieser Teil der Kriegsgeschichte ist vielen Deutschen bis heute so gut wie unbekannt.






Die "ambivalente Unvergessenheit" des Russlandfeldzuges (Christina Morina) - Verdrängung begangener Verbrechen einerseits und allgegenwärtige Erinnerung an das erlittene eigene Leid andererseits - machte den Krieg gegen die Sowjetunion im Deutschland der Nachkriegszeit zu einem der meist beschriebenen und meist verdrängten historischen Ereignisse. Getragen und maßgeblich geprägt wurde diese Erinnerung in den 1950er und 1960er Jahren nicht zuletzt von Kriegsbelletristik. Die Mehrheit der westdeutschen Schriftsteller stellten die Kriegsleiden der deutschen Landser in den Mittelpunkt, ohne über die Gründe dieser Leiden und den gesamtgeschichtlichen Kontext nachzudenken. Die sowjetischen Kriegsopfer blieben meistens unerwähnt, die Beschreibung Russlands und der russischen Bevölkerung in alten Stereotypen verfangen.[1] Jost Hermand stellte fest: "Obwohl die meisten dieser Romane handlungsmäßig an der Ostfront spielen, werden in ihnen die Gräuel dieses Vernichtungskrieges gegen slawische Untermenschen, wie sie die Wehrmachtsausstellung vor wenigen Jahren endlich aufgedeckt hat, weitgehend ausgeblendet."[2]

Die Romane dienten eher dem Ziel, die deutschen Armeeangehörigen - von denen die meisten am Russlandfeldzug teilnahmen - von der Schuld an Kriegsverbrechen zu entlasten und dem massenhaften Sterben der deutschen Soldaten im Osten einen Sinn zu geben. Den Roman des Österreichers Fritz Wöss, "Hunde, wollt ihr ewig leben?", veröffentlicht 1958 und später in der Bundesrepublik erfolgreich verfilmt, könnte man als Zusammenfassung der westdeutschen Nachkriegswahrnehmung des Krieges an der Ostfront betrachten. Er zeigt deutsche Soldaten, die von den Eliten nach Stalingrad geschickt wurden, um getötet oder gefangengenommen zu werden. Die Handlung des Romans setzt 1942 ein, und es wird nicht gefragt, warum oder wie die deutsche Armee überhaupt nach Stalingrad kam.

In der DDR wurde die Ostfront vor allem als "Hauptfront des militärischen Klassenkampfes"[3] und die sowjetische Gefangenschaft als erste Etappe der Erziehung im antifaschistischen Sinne verstanden. Das Thema der Umerziehung im sowjetischen Gefangenenlager war in der DDR-Literatur stark verbreitet, exemplarisch genannt sei der Roman von Herbert Otto "Die Lüge" (1956), in dem der Autor seine Wandlung während der Kriegsgefangenschaft im Ural beschrieb. Doch obwohl solche Schilderungen mit der NS-Ideologie abrechneten und eine antifaschistische Botschaft transportierten, entsprachen sie nur in seltenen Fällen den tatsächlichen Kriegserinnerungen der meisten Menschen.

Auffällig ist, dass in den literarischen Werken, die zu den Musterbeispielen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland zählen, der Zweite Weltkrieg kaum vorkommt, so in den Werken von Günter Grass, Siegfried Lenz oder Christa Wolf. Der Krieg bleibt im Hintergrund, ist Kulisse, vor der sich andere Dramen abspielen. In "Wages of Guilt" nannte Ian Buruma den Roman "Die Blechtrommel" von Grass "die berühmteste fiktionale Chronik des Zweiten Weltkrieges".[4] Es ist seltsam, dass in einer "Kriegschronik" der Krieg selbst nicht vorkommt. In den Romanen über den Nationalsozialismus wird der Krieg zur Nebensache, so, wie in den meisten deutschen Kriegsromanen der Nationalsozialismus ausgeklammert wird.

In der Sowjetunion bildete Kriegsliteratur einen wichtigen Gegenpol zur offiziellen Interpretation des Großen Vaterländischen Krieges. Die unmittelbare Kriegserfahrung, die so wenig Heroisches enthielt, fanden sowjetische Bürger jenseits der Küchentischgespräche fast ausschließlich in der Literatur, die eine Nische für den Austausch über das Erlebte darstellte. Mit ihren Werken haben Autoren wie Viktor Nekrassow, Juri Bondarew oder Wassili Bykow dazu beigetragen, die offizielle Sicht auf den Krieg zu untergraben, indem sie dem sowjetischen Leser ungeschminkte Schilderungen von Feigheit, inkompetenter Führung und Leid der Zivilbevölkerung präsentierten. Auch das Thema des Völkermords an den Juden, in der offiziellen sowjetischen Historiographie nicht existent, tauchte in der Literatur auf - in den Werken von Anatoli Kusnezow, Wassili Grossman oder Jewgeni Jewtuschenko. Die Schrecken der Leningrader Blockade haben zum ersten Mal zwei Schriftsteller angesprochen: Daniil Granin und Alex Adamowitsch in ihrem "Buch der Blockade".

Nach einer fast dreißigjährigen Pause spielt der "Russlandkrieg" wieder eine wichtige Rolle in der deutschen Literatur: Von Günter Grass über Wibke Bruhns bis Uwe Timm und Ulla Hahn thematisieren die Literaten den Krieg im Osten, vor allem gegen die Sowjetunion, meist aus einer sehr persönlichen Perspektive. Auf diesem Weg kam nach dem Rückzug der Wehrmachtsausstellung das Thema "Russlandkrieg" zurück in die deutsche Öffentlichkeit. Auch in Russland waren die 1990er Jahre von Diskussionen über den Großen Vaterländischen Krieg gekennzeichnet. Diese Diskussionen wurden nicht zuletzt literarisch ausgetragen. Dabei diente der Krieg den Schriftstellern im weitesten Sinne als Projektionsfläche für die Reflexion über die Beziehungen zwischen der Staatsmacht und dem Individuum sowie über die Rolle der "Macht" im und nach dem Krieg.

Exemplarisch für die literarischen Deutungen des Krieges gegen die Sowjetunion in Russland und in Deutschland sollen im Folgenden zwei deutsche und zwei russische Prosawerke aus der Zeit zwischen 1994 und 2004 präsentiert werden: "Verdammt und Umgebracht" (1994) von Viktor Astafjew, "Die nackte Pionierin" (2002) von Michail Kononow, "Himmelskörper" (2003) von Tanja Dückers und "Unscharfe Bilder" (2003) von Ulla Hahn. Diese Werke werden hier hinsichtlich der Bedeutung, welche die Autorinnen und Autoren der Rolle der Ideologie im Krieg gegen die Sowjetunion beimessen, interpretiert und verglichen.

Die Texte sind für die literarischen Landschaften beider Länder repräsentativ, insbesondere was die generationelle und geschlechterspezifische Zusammensetzung betrifft. Ulla Hahn (Jg. 1946) gehört zur so genannten "Kriegskindergeneration", während Tanja Dückers (Jg. 1968) aus der Perspektive der "Enkelkindergeneration" schreibt. Das ist nicht untypisch für die deutsche zeitgenössische Prosa über den Krieg, ebenso wie die Tatsache, dass beide Autorinnen in ihren Werken die Sicht der Töchter bzw. Enkeltöchter auf die Familiengeschichte darstellen, zu der auch der Krieg gegen die Sowjetunion gehört. Anders in Russland: Dort gibt es kaum Frauen, die sich das Kriegsthema aneignen. Auch sonst gestaltet sich die Suche nach zeitgenössischen russischen Schriftstellern, die über den Krieg schreiben, nicht einfach. Das Kriegsthema verschwindet allmählich aus der russischen Literatur, was mit dem Tod der meisten Schriftsteller der Frontgeneration zusammenhängt. Es gibt kaum neue, geschweige denn junge Autoren, die es wagen, ohne eigene Kriegserfahrungen das Thema aufzugreifen. Viktor Astafjew (1924 - 2001) gehört zur Generation der Kriegsteilnehmer, Michail Kononow (Jg. 1948) zur ersten Nachkriegsgeneration.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, zu welchen Interpretationsmustern zeitgenössische Schriftsteller greifen, um ihren Leserinnen und Lesern die weltanschauliche Seite des Krieges zu verdeutlichen. Welche Rolle spielt die nationalsozialistische Rassenideologie bzw. die stalinistische Indoktrinierung?[5] Welche Bilder von politisch umstrittenen historischen Begebenheiten werden von den Literaten produziert und an die Leserschaft weitergegeben?

Rassenideologie

Man geht davon aus, dass Ideologie ein wichtiger Faktor hinsichtlich der Motivation im Krieg an der Ostfront gewesen ist. Auf beiden Seiten hat Propaganda dazu gedient, die Soldaten von der "gerechten Sache" zu überzeugen, für die sie ihr Leben lassen sollten, und die Identifikation mit dem Kollektiv zu ermöglichen, für das sie sich opfern sollten.[6] Als wichtige Motivationsgründe auf der deutschen Seite werden vor allem Überlegenheitsgefühle gegenüber den slawischen "Untermenschen" und Juden genannt.[7] Auch zeigt sich die Affinität der Wehrmachtsangehörigen zum Nationalsozialismus "in ihrer ausgeprägten Glaubensbereitschaft gegenüber dem Führer, in ihrer Reproduktion des Hitlermythos, dem sie wohl noch länger und stärker verfallen waren als die Zivilbevölkerung".[8]

Für die sowjetische Seite betonen Historiker unter anderem die Überzeugung von der Notwendigkeit der Landesverteidigung, den Existenz- und Freiheitskampf sowie die Opferbereitschaft der Bevölkerung als ausschlaggebende Motive zum Kampf gegen die Invasoren. "Unter dem Zeichen dieser Gefühle - Liebe zur Heimat und Hass auf den Feind - erlebte der sowjetische Soldat den ganzen Krieg."[9]

Die historischen Tatsachen haben mit dem Geschichtsbild der Bevölkerung oft nicht viel zu tun. Gerade wenn der Abstand zu einem historischen Ereignis größer wird, verfestigen sich alte und entstehen neue Geschichtsbilder, die den historischen Fakten widersprechen, unangenehme Tatsachen auslassen und von der aktuellen gesellschaftspolitischen Konjunktur beeinflusst sind. Schriftsteller sind neben Filmemachern wichtige Produzenten solcher Geschichtsinterpretationen. So wird gefragt, wie deutsche und russische Schriftsteller die Gründe erklären, aus denen heraus Soldaten auf beiden Seiten zum Töten und Sterben bereit waren. Welche Antwort würden sie mit ihren Werken auf die gemeinsame Frage von Heinrich Böll und Lew Kopelew geben: "Warum haben wir aufeinander geschossen?"[10]

Der Krieg in Russland ist das zentrale Thema des Romans "Unscharfe Bilder" von Ulla Hahn. Eine der beiden Hauptfiguren, die Gymnasiallehrerin Katja, glaubt, ihren Vater Hans Musbach auf einem Foto der Wehrmachtsausstellung erkannt zu haben. Sie konfrontiert ihn mit Fragen, woraufhin der Vater von seinen Kriegserlebnissen in Russland erzählt. Am Ende gesteht er, an einer Partisanenerschießung teilgenommen, jedoch danebengeschossen zu haben und ohnmächtig geworden zu sein. Nach dem Aufwachen habe er den SS-Mann erschlagen, der ihm den Befehl gegeben hatte, als dieser gerade eine Partisanin vergewaltigen wollte; mit dieser Partisanin ist Musbach dann - als Liebespaar - durchgebrannt. Dieses Narrativ erinnert stark an das Erzählmuster der westdeutschen Ostfrontromane der 1950er Jahre, das auf diesem Weg in die deutsche Literatur zurückkehrt.

Laut Musbach gab es beim Militär keine ideologische Erziehung: "Man ließ ihre Köpfe in Ruhe. (...) Sogar eine gewisse Freiheit glaubte Musbach sich so bewahren zu können, eine innere zumindest."[11] Die Ideologisierung der Frontsoldaten, die zahlreiche historische Studien belegen,[12] wird im Roman bestritten. Musbach vertritt die Meinung, dass die meisten deutschen Soldaten bei Kriegsausbruch keine nationalsozialistische Überzeugung teilten: "Warum sollten wir gegen den Kommunismus kämpfen? (...) Ein "Volk ohne Raum"? Nein, einen Drang nach Osten spürten wir nicht. (...) Laut sangen wir nicht, und am Ende brüllten wir auch nicht das gewohnte Sieg Heil! (...) Und vergiss niemals, wir hatten uns nicht freiwillig gemeldet! Ich hatte Hitler nie gewählt! Ich war in Russland ein Gefangener meines eigenen Landes."[13] Gekämpft habe er aus Angst, weil ihm nichts anderes übrig blieb: "Letzten Endes sind wir eigentlich nur aus Feigheit dageblieben. Desertieren führte meist in den sicheren Tod, in der Truppe gab es wenigstens eine Chance zu überleben."[14]

Für diesen spezifischen Fall könnten die Aussagen stimmen, im Roman wird suggeriert, es handele sich um die Regel. Inwieweit diese Sicht im Widerspruch zu neuesten Forschungsergebnissen steht, zeigt die Studie von Stephen G. Fritz "Hitlers Frontsoldaten", in der anhand von zahlreichen Interviews und Feldpostbriefen belegt wird, dass es in der Truppe in Russland ein derart auffälliges Einverständnis mit der Auffassung des NS-Regimes vom bolschewistischen Feind und von dessen Behandlung gab, dass sich viele Soldaten bereitwillig an Mordaktionen beteiligten.

Im Roman "Himmelskörper" von Tanja Dückers geht es um den Versuch der 30-jährigen Freia, das Familiengeheimnis über die fragwürdigen Umstände der Flucht ihrer Großeltern aus Westpreußen aufzudecken. Der Russlandkrieg ist in der Familie ständig präsent: Großvater hat in Russland ein Bein verloren. Unter welchen Umständen das geschah, wird vom Großvater nur widerwillig erzählt: "Er war Soldat, erfuhren wir, für Hitler zog er in den Krieg, nach Russland, am Anfang lief alles wie am Schnürchen, murmelte er. Dann wurde alles immer schwieriger, sein Regiment wurde zurückgedrängt, sie konnten nicht, wie Hitler versprochen hat, Weihnachten wieder nach Hause. Es ging nicht voran, der Horizont brannte immer, Feuer, manchmal ganz nah, und sie waren immer noch in diesem fernen Land... Irgendwann hörte Großvater einfach auf mit den Worten, minus 52 Grad und diese Weite... diese Weite... ach, Kinder, diese schreckliche Weite. Wir sprachen leise miteinander. Man hatte auf Großvater geschossen. Armes Mäxchen. Der Russe musste ein besonders fieses Monster sein."[15]

Auch der Großvater verliert kein Wort über die ideologische Seite des Krieges. Ideologieträger sind "die Anderen", die SS oder generell die "Nazis". In "Himmelskörper" erzählt die Großmutter von der Flucht aus Westpreußen. Ihr Hass auf die "Bonzen" wird deutlich: Diese konnten sich "sicherer" retten. Aber auch sie gelangte auf das sichere Minenschiff, denn ihre Parteizugehörigkeit öffnete bessere Fluchtmöglichkeiten. Dückers zeigt das Heuchlerische an der Einstellung, dass "Bonzen" immer die anderen waren. Die Großeltern können sich bis zum Ende ihres Lebens nicht von der Rassentheorie lösen. Zwar behaupten sie immer das Gegenteil, doch wenn Großvater über seine Bienen spricht, wird seine Überzeugung offen gelegt: "So etwas gibt es eben nicht nur beim Menschen: diese Heimatlosigkeit, dieses Nomadentum. Für mich sind die Kuckucksbienen die Juden im Bienenvolk. Sie bereichern sich an den Grundlagen, die andere Völker für sie geschaffen haben. Nutznießerisch. Berechnend. Aber eine starke Bienenkönigin - immerhin hat sie ein Heer von bis 60000 Arbeiterinnen an ihrer Seite (...) - lässt die Kuckucksbienen natürlich verjagen."[16]

Nach dem Tod ihrer Großeltern findet Freia in einem Pappkarton Bücher zur Rassenlehre, welche die Großeltern auf die Flucht mitgenommen haben, und die sie - worauf Unterstreichungen und Eselsohren hindeuten - gründlich studiert haben. Diese Einstellung der Großeltern stellt ihre "Opfergeschichte" von Krieg und Vertreibung in ein ambivalentes Licht.

Auch Musbach im Roman von Ulla Hahn lässt kein gutes Haar an "Parteibonzen, Goldfasane(n), großmäulige(n) Ideologen", die "überall die Oberhand" gewannen. Denn er selbst war kein Nazi, im Gegensatz zum Kompanieschützen Mertens. "Ein bösartiger Rassist" nennt ihn Musbach, "er war in Russland, um, wie er es nannte, einen ,Sumpf trockenzulegen, einen ,Sumpf von Untermenschen."[17] Der Unsympathischste ist der SS-Mann Katsch, den Musbach später erschießt. "Der Totenkopf auf seiner Mütze grinste mich an, als wolle er sagen: Siehst du, wir kriegen euch alle."[18] Während Musbach als unfreiwilliger Befehlsvollstrecker präsentiert wird, sind die "Nazis" im Roman - besonders die SS-Angehörigen - Überzeugungstäter. Sie werden als Sonderlinge, als eine Art "Missbildung" dargestellt.

Es lässt sich feststellen, dass die Konfliktlinie in den Argumentationen beider Autorinnen entlang der Frage verläuft, ob die Indoktrinierung im nationalsozialistischen Sinne die Regel oder die Ausnahme darstellte. Dabei geht es auch um die Beschäftigung mit der Frage nach den Grenzen der Freiheit und der Abhängigkeit in einem totalitären Staat. Obwohl die Kriegsziele im Russlandfeldzug in beiden Romanen als verbrecherisch anerkannt werden, herrscht keine Übereinstimmung bezüglich der Frage individueller Akzeptanz nationalsozialistischer Ideologie. Die Diskussion über die "saubere" bzw. ideologiefreie Wehrmacht geht auf der literarischen Ebene weiter.

Indoktrinierung

Wie gehen russische Autoren mit der Frage nach der Rolle der Ideologie im Krieg um? Schon während der Perestroika wurden in der Sowjetunion Zweifel laut, ob der Glaube an das Regime tatsächlich so stark gewesen war, wie es die sowjetische Historiographie hatte glauben machen wollen, und ob patriotische Gefühle tatsächlich alle ergriffen hatten, was in Anbetracht der großen Zahl an Überläufern, Kollaborateuren und Deserteuren unwahrscheinlich ist. Die Macht von Angst und Einschüchterung - beides wichtige Faktoren im stalinistischen System - wird der "Patriotismusthese" entgegengesetzt, wie es im Roman "Verdammt und Umgebracht" von Viktor Astafjew der Fall ist.

Die Handlung des Romans spielt in einem sibirischen Ausbildungslager. Dort werden Kampfeinheiten formiert und auf die Front vorbereitet. Nach Astafjews Auffassung hatten die staatlichen Maßnahmen zur Hebung des Patriotismus keine besondere Wirkung. Der Hauptkonflikt verläuft im Roman nicht zwischen Deutschen und Russen, sondern zwischen dem Militär und den Politkommissaren. Im Roman sind die Kommissare Vertreter einer geheimen Parallelwelt, die mit dem Teufel einen Pakt geschlossen hat: "Hier wird Er, der Barmherzige, nicht aufhören, und wirft alle in die brennende Hölle, und wird die Kommissare nicht vergessen; sie, die ersten gottlosen Unruhestifter, wird er wahrscheinlich in der ersten Kolonne, in erster Linie, in die Hölle treiben, wird ihnen ihre roten Reithosen ausziehen und mit glühenden Stäben auf den Arsch schlagen. Und zu Recht, und zu Recht - verpestet nicht die Luft, verwirrt nicht das Volk, besudelt nicht den Glauben und den heiligen Namen Gottes!"[19]

Die "Politerzieher" sind bei Astafjew fast ausschließlich Juden, wodurch ihr "Fremdsein", ihre Andersartigkeit noch unterstrichen wird. Das scheußliche Äußere verstärkt die Wirkung dieses Bildes. Astafjew distanziert sich von der Tradition der offiziellen Darstellung, in welcher der politische Offizier, zuständig für ideologische Erziehung, üblicherweise mit seinem feurigen Wort die Rotarmisten zur Attacke treibt. Er verachtet diese Prediger, denn statt gegen die Deutschen zu kämpfen, verbrauchen sie die Munition gegen die eigenen Leute als Strafe, verhören diejenigen, die der Kriegsgefangenschaft entflohen sind und die nun als potentielle Verräter gelten, oder erschießen Unschuldige nach dem Befehl Stalins "Kein Schritt zurück".

Anders ist die Darstellung des Politkommissars im Roman "Die nackte Pionierin" von Michail Kononow, in dem der Krieg aus der Perspektive eines 14-jährigen Mädchens, Motte, gezeigt wird, die als "Regimentshure" agiert und diese Tätigkeit in ihrer Verblendung als Beitrag zum Sieg über den Faschismus mit stalinistischen Kampfparolen schönredet. Anfangs wehrt sie sich gegen die Zudringlichkeiten, schämt sich, will lieber sterben als "das" tun, aber dann nimmt sie der mächtige Kommissar Tschaban in die Mangel: "Die ganze Zeit bilde ich mir ein, ich hätte es mit einer fortschrittlichen, kampfgestählten Genossin zu tun, und wen sehe ich vor mir stehen? Eine schamlose Zimperliese. (...) R-r-reiß Dich zusammen, Töchterchen! (...) Es gibt ein Wörtchen, das heißt ,muss!"[20]

Die Haltung Kononows zu Tschaban und zu dem, was er propagiert, ist zwiespältig: Einerseits zeigt der Autor einen durchaus aufrichtigen Glauben an den Sieg, das Vaterland und seinen Führer. Die Hauptfigur Motte ist dafür das beste Beispiel. Andererseits zeigt er, dass sich mit diesen Slogans auch Dinge rechtfertigen lassen, die für einen Menschen unzumutbar sind - so wie Mottes "Dienst am Kollektiv". Der Zwang wurde von ihr so verinnerlicht, dass er als eigener Wille empfunden wird. Mottes Vorbild ist der Komsomolze Pawel "Pawka" Kortschagin, der Held des populären Romans "Wie der Stahl gehärtet wurde" von Nikolai Ostrowski aus der Frühzeit der Sowjetunion. Der Roman spricht von Selbsthingabe und fordert revolutionäre Askese. Alles wird geopfert, und wenn es nichts mehr zu opfern gibt, opfert man sich selbst. Diese Bereitschaft zur Selbstaufopferung erhält im Roman von Kononow zweierlei Bedeutung: Er würdigt die Kraft dieser Selbstlosigkeit und sieht darin die Erklärung für den sowjetischen Sieg. Gleichzeitig verdeutlicht er, dass diese Bereitschaft an Selbstzerstörung grenzt und die Persönlichkeit ruiniert.

So zeigen russische Autoren einen unterschiedlichen Grad an Akzeptanz staatlicher Propaganda durch Kriegsteilnehmer. Auf der einen Seite demonstriert Kononow am Beispiel von Motte die fatale Wirksamkeit staatlicher Indoktrination. Mottes Bewusstsein ist von sowjetischer Ideologie durchdrungen, und alle Denkstrukturen sind dieser Propaganda unterworfen, selbst ihre Selbstschutzmechanismen. Die Rekruten in Astafjews Roman bleiben dagegen von den Indoktrinierungsversuchen der Politkommissare unbeeinflusst und empfinden die politischen Erziehungsmaßnahmen als sinnlose Zeitverschwendung. Somit wird kommunistische Ideologie als Fremdkörper betrachtet und die sowjetische Epoche als Fremdherrschaft von "Kommunisten" und "Juden" stilisiert.

Ideologie und Verantwortung

In der Deutung der Rolle der kommunistischen bzw. nationalsozialistischen Weltanschauung zeichnen sich zwei "Lager" ab: Autoren, die Ideologie als externen Korpus außerhalb der kämpfenden Truppe betrachten (die Armee als "ideologiefrei" darstellen), und solche, die von einem großen Einfluss ideologischer Faktoren auf alle Bereiche des Kriegsgeschehens ausgehen. In den untersuchten Romanen lasten die Protagonisten die Schuld am Missbrauch der Soldaten "den Anderen" an, den sog. Ideologievermittlern - "Kommissaren" oder "Nazis". Diese tragen die Verantwortung für die Verluste bzw. für das gesamte Regime. Man distanziert sich von ihnen und betrachtet sich selbst als Opfer dieser "Mistbande". Sie seien "die Bösen", denen auf der anderen Seite "die Guten", "die einfachen Soldaten" gegenüberstehen. Implizit wird die NS-Ideologie sogar reproduziert, wenn, wie etwa bei Astafjew, ein metaphysisch überhöhter Antibolschewismus und der rote Kommissar als Verkörperung des absolut Bösen zum literarischen Leitnarrativ avancieren. Auch im Roman von Hahn wird diese Trennlinie zum inhaltlichen Mittelpunkt. Kononow und Dückers folgen dieser Trennung nicht: Sie zeigen das tiefe Eindringen der Ideologie in das Bewusstsein der einfachen Menschen, die sich mit der staatlichen Propaganda identifiziert haben. In ihren Romanen sind Ideologieträger keine isolierte Gruppe, sondern die breite Masse der Bevölkerung, die das Regime mitgetragen hat. Die Frage nach Verantwortung bekommt vor diesem Hintergrund eine andere Bedeutung.

Die nationalsozialistischen Verbrechen bleiben in den hier vorgestellten Romanen weitgehend unerwähnt. Die Mordaktionen der Einsatzgruppen, der Hungertod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die Opfer der Blockade von Leningrad oder das Leid der Zwangsarbeiter kommen sowohl in den Werken der deutschen als auch der russischen Autoren nicht vor. Die historische Tatsache, dass das nationalsozialistische Deutschland einen machtpolitisch und rassenideologisch motivierten Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führte, findet keine literarische Resonanz.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Den russischen Literaten geht es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion um die Abrechnung mit dem eigenen Regime und die Verbrechen der eigenen Führung, als deren Opfer man sich stilisiert; den deutschen Autorinnen geht es um Familienangehörige. Obwohl der Osten, Russland, Hauptschauplatz des Krieges war, bleibt er in der Darstellung der deutschen Schriftstellerinnen ein Nebenschauplatz der Verbrechen. Dadurch verliert der Krieg gegen die Sowjetunion seinen besonderen Charakter.

Es fällt auf, dass auch russische Autoren die nationalsozialistische Rassenideologie nicht erwähnen. Das könnte daran liegen, dass eine Auseinandersetzung mit den ideologischen Komponenten des Nationalsozialismus in der Sowjetunion und im postsowjetischen Russland nicht stattfand. Die fehlende Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Ideologie bei den Literaten hat seine Ursprünge in der sowjetischen Erklärung des Nationalsozialismus als "radikaler Ausdruck des Kapitalismus", wobei der Rassenwahn und der Antibolschewismus der Nazis den "Kapitalisten" zugeschrieben wurde, was den "einfachen Mann" jeglicher Verantwortung entzog. Als "Feind" werden nicht die Deutschen, sondern die "Eigenen" betrachtet - Kommissare, NKWD, Militärführung, nationale Minderheiten. Man findet bei keinem der Protagonisten das Gefühl des Hasses gegenüber den Deutschen, was teilweise erst durch die Ausblendung der NS-Ideologie möglich wird. Es wird eine soldatische Solidaritätsgemeinschaft unter dem Motto "Wir waren alle Opfer des Krieges" konstruiert. Dadurch ist die Annäherung an den ehemaligen Feind und die Aussöhnung möglich; eine echte "Aufarbeitung" kann jedoch auf diesem verkürzten Weg nicht stattfinden.
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Fußnoten

1.
Als Beispiele seien hier folgende, in der Bundesrepublik viel gelesene Werke genannt: "Null acht fünfzehn"-Trilogie (1954/55) von Hans Helmut Kirst; "Woina, Woina" (1951) von Curt Hohoff; "Nikolskoje" (1953) von Otto Heinrich Kühner; "So weit die Füße tragen" (1954) von Josef Martin Bauer; "Der Arzt von Stalingrad" (1956) und "Das Herz der 6. Armee" (1964) von Heinz G. Konsalik.
2.
Jost Hermand, Die Kriegsschuldfrage im westdeutschen Roman der fünfziger Jahre, in: Ursula Heukenkamp (Hrsg.), Schuld und Sühne? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit (1945 - 1961), Amsterdam 2001, S. 430. Diese Aussage trifft selbst für die frühe Nachkriegsprosa Heinrich Bölls zu, wobei er selbst später eine herausragende Rolle im Prozess der Versöhnung mit der Sowjetunion spielte.
3.
Hermann Kant/Frank Wagner, Die große Abrechnung. Probleme der Darstellung des Krieges in der deutschen Gegenwartsliteratur, in: neue deutsche literatur, 12 (1957), S. 138.
4.
Ian Buruma, Wages of Guilt. Memories of War in Germany and Japan, London 1995, S. 292.
5.
Diese Analyse basiert auf dem Kapitel "Die Rolle der Ideologie" meiner Dissertation, die unter dem Titel "Den Krieg beschreiben" 2009 erschienen ist. Ich danke dem Transcript-Verlag für die Möglichkeit, einige Passagen aus dieser Publikation hier wiederzugeben.
6.
Vgl. Wolfram Wette, Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden, Frankfurt/M. 2002; Omer Bartov, Hitler's army. Soldiers, Nazis, and War in the Third Reich, New York 1991; Klaus Latzel, Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis - Kriegserfahrung 1939 - 1945, Paderborn 1998; Alexander Proskouriakov, Feldpost aus Stalingrad, Berlin 2004.
7.
Vgl. W. Wette (Anm. 6), S. 102ff.
8.
K. Latzel (Anm. 6), S. 371.
9.
Elena Senjavskaja, 1941 - 1945. Frontovoe pokolenie, Moskva 1995, S. 84.
10.
Vgl. Heinrich Böll/Lew Kopelew, Warum haben wir aufeinander geschossen?, Bornheim-Merten 1981.
11.
Ulla Hahn, Unscharfe Bilder, München 2003, S. 32.
12.
Vgl. O. Bartov (Anm. 6); Stephen G. Fritz, Hitlers Frontsoldaten. Der erzählte Krieg, Berlin 1998; W. Wette (Anm. 6).
13.
U. Hahn (Anm. 11), S. 37, 82, 207, 107.
14.
Ebd., S. 51.
15.
Tanja Dückers, Himmelskörper, Berlin 2003, S. 87.
16.
Ebd., S. 187.
17.
U. Hahn (Anm. 11), S. 90.
18.
Ebd., S. 265.
19.
Viktor Astaf'ev, Prokljaty i ubity, Moskva 2002, S. 115.
20.
Michail Kononow, Die nackte Pionierin, München 2003, S. 171.

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