APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Gerhard Paul

Kriegsbilder - Bilderkriege

Aus Zuschauern werden Beteiligte

Seit Beginn des modernen Krieges versuchten Kriegsherren und Propagandisten die Menschen an der Heimatfront mit Hilfe von Bildern für den Krieg zu begeistern bzw. in das Geschehen einzubinden, sie gewissermaßen zu Teilhabern zu machen. Zunächst übernahmen große Kriegsausstellungen und -panoramen diese Aufgabe. Seit dem Ersten Weltkrieg erfüllte vor allem "Die Wochenschau" die Funktion, den Daheimgebliebenen das Gefühl zu vermitteln, am Krieg teilzunehmen. Aber erst mit dem Vietnam-Krieg kamen die laufenden Bilder des Fernsehens in die Wohnzimmer. Im "living-room war" wurde das Außergewöhnliche zum Bestandteil des Alltags. Mit der Echtzeitübertragung schließlich kommt der Krieg den Zuschauern derart nahe, dass vom "Aufmerksamkeitsterrorismus" die Rede war. Ließ sich der Krieg bislang aus der sicheren Distanz der Medien betrachten, so hat 9/11 den medialen Schutzschild durchschlagen und das Publikum wie nie zuvor unmittelbar an den Ereignissen teilhaben lassen. Dieses ist nicht mehr nur Zuschauer, sondern selbst Akteur geworden. Der vorläufige Endpunkt dieser Entwicklung: die Live-Übertragung des Irak-Krieges durch die "eingebetteten" Kameramänner. Die modernen Bildmedien haben die Betrachter so räumlich und zeitlich immer näher an den Krieg herangeführt. Aus einem ehemals exklusiven Seherlebnis wurde der "living-room war".[13]

Fußnoten

13.
Vgl. ausführlich Gerhard Paul, "Living-room war". Vom exklusiven Seherlebnis zum ersten Fernsehkrieg der Geschichte, in: André Lindhorst/Hermann Nöring/Thomas F. Schneider/Rolf Spilker (Hrsg.), Bilderschlachten. 2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg. Technik - Medien - Kunst, Göttingen 2009 (im Erscheinen). Der Begriff geht zurück auf Michael J. Arlen, Living-Room War, New York 1969.