APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Gerhard Paul

Kriegsbilder - Bilderkriege

Der Bilderkrieg und die visuelle Rüstungsspirale

Um die Macht der fotografischen Bilder wusste man spätestens seit den Tagen der Pariser Kommune. Mit Aufnahmen der nackten getöteten Kommunarden sollte die geschlagene Kommune nachträglich diskreditiert werden. Mit Bildern toter deutscher Soldaten hoffte die alliierte Propaganda des Ersten Weltkrieges die Kampfmoral der Deutschen zu untergraben. Während des Vietnam-Krieges setzte vor allem die Anti-Kriegsbewegung auf die mobilisierende Kraft der Bilder.

Mit der Globalisierung der Bildermärkte und den "neuen Kriegen" der Gegenwart haben sich die Bedingungen der Bildproduktion und -rezeption sowie die Bilder des Krieges fundamental gewandelt.[14] Bilder kriegerischer Gewalt sind heute gleichermaßen umkämpfte Waren wie globale propagandistische Waffen. Denken wir etwa an die Bilder getöteter amerikanischer Soldaten 1993 in Mogadischu, welche die US-Administration schließlich zum Rückzug aus Somalia veranlassten, weil das amerikanische Publikum diese Bilder nicht ertragen konnte.

Zugleich sind die Bilder des Krieges, wie dies 9/11 und der andauernde Irak-Krieg anschaulich demonstrierten, zu eigenständigen Waffen in den Händen der Kontrahenten des asymmetrischen Krieges geworden. Erstmals bedienten sich Terroristen 2001 der Macht des globalen, in Echtzeit berichtenden Mediums Fernsehen bzw. nutzten das Internet, um ihren grausamen Hinrichtungsvideos zu weltweiter Aufmerksamkeit zu verhelfen und die militärisch überlegene Gegenseite unter Druck zu setzen. Martin Walser hat daher zu Recht von einem "Bilderkrieg" gesprochen.[15] Damit rücken zunehmend der Gewaltakt selbst und seine Opfer in den Fokus der Berichterstattung.

In den "neuen Kriegen" kommunizieren die kriegsführenden Staaten heute über und mit Hilfe der globalen Medien und Bildagenturen. Im Krieg der schnellen elektronischen Bilder findet der Bilderkrieg nach dem Muster Schuss/Gegenschuss statt. Die sauberen Hightech-Bilder der Alliierten im Golf-Krieg von 1991 aus der Aufsicht konterte das Regime in Bagdad zeitnah mit den schmutzigen Nahaufnahmen der bei den Angriffen ums Leben gekommenen Zivilisten. Die NATO-Bilder der Gun-Kameras aus dem Kosovo-Krieg beantwortete Belgrad im Internet mit Detailaufnahmen der Opfer. Auf die schrecklich schönen Bilder westlicher Medien vom US-Angriff auf Bagdad folgten die Bilder der gefallenen US-Soldaten im irakischen Fernsehen, die von den USA mit den Aufnahmen der für das Publikum hergerichteten getöteten Söhne Saddam Husseins beantwortet wurden.

Mit den Bildern der verkohlten Leichen aus Falludscha und den Aufnahmen der folternden US-Soldaten von Abu Ghraib war die nächst höhere Ebene im Bilderkrieg erreicht, die von den Enthauptungsvideos islamistischer Kommandos getoppt wurde.[16] Auf diese Weise ist in den letzten Jahren eine visuelle Rüstungsspirale entstanden, in der immer grausamere Bilder die Funktion haben, auf die Gewaltbilder der Gegenseite zu antworten. In den "neuen Kriegen" ergänzt der mediale Krieg der Bilder heute den materiellen Krieg der Waffen. Die Folge ist eine visuelle Rüstungsspirale, deren Ende nicht in Sicht ist.

Fußnoten

14.
Zur Bedeutung von Bildern in den neuen Kriegen vgl. Herfried Münkler, Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Weilerswist 2006, S. 189ff.
15.
Vgl. Martin Walser, Der Bilderkrieg, in: Der Spiegel, Nr. 21, vom 17.5. 2004
16.
Vgl. ausführlich hierzu meine Analyse des Irak-Krieges 2003ff. - Gerhard Paul, Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der "Operation Irakische Freiheit", Göttingen 2005.