30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Pablo Schneider

Die Macht der Bilder - Distanzfrage

Wie kaum ein anderes Objekt kann das Bild auf eine analytische Tradition der Beschreibung verweisen. Doch es hält sich ein Verständnis, welches die Distanz von Sehen und Handeln nicht aufzuklären vermag.

Einleitung

In der Ausstellung "Kult Bild. Das Altar- und Andachtsbild von Duccio bis Perugino" am Frankfurter Städel 2006, wurde eine heute befremdende Darstellung gezeigt (vgl. Bild 1 der PDF-Version). Die dargebotene Geschichte könnte auf den ersten Blick als eine arglose Form des Bildglaubens gedeutet werden, welcher Sehen und Handeln vertauscht. Doch scheint ein anders gelagertes Verständnis vorzuliegen. Nicht Naivität, sondern ein tiefgehendes Begreifen lässt sich hier beobachten. Es beschreibt den zunächst verstörenden Zusammenhang, dass Bilder nicht passiv, im Sinne visueller Berichte, vorhanden sind, sondern in sehr unterschiedlichen Formen und Ausprägungen "zu handeln" vermögen. So lässt sich gerade an diesem Punkt fassen, was, oftmals mit einem negativen Grundton, als die Macht der Bilder beschrieben wurde.






Auf der Tafel des Bicci di Lorenzo aus dem frühen 15. Jahrhundert ist auf der linken Seite einen Mann zu sehen, der mit einem Knüppel ein Heiligenbild malträtiert. Der Dargestellte schaut hierbei in die Richtung seines Peinigers und bestärkt so den unmittelbar emotionalen Eindruck der Szene. Dieser liegt auch darin begründet, dass Person und Objekt zwischen belebt und unbelebt changieren und sich in einem aktiven Miteinander zu befinden scheinen. Blick und Tat begegnen sich.

Durch architektonische Details und mittels Säulen gut abgetrennt, findet das Geschehen in der Betrachtungsrichtung nach rechts seine narrative Fortsetzung. Dort ist der Heilige in ganzer Körperlichkeit zu sehen, wie er sich an zwei Männer in lumpiger Kleidung wendet; sie anblickt, und durch seine Hand- und Armhaltung vermittelnd anspricht. Diese beiden unterhalten sich in gegenseitiger Umarmung, sind dabei sehr ernsthaft und scheinen über etwas nachzusinnen. Auch ohne die Kenntnis der zugrundeliegenden Heiligengeschichte vermittelt sich dem Betrachter die Problematik der Situation. Ein Bild wird für eine Tat geschlagen und bestraft, für welche die vermeintlich unbeseelte Materie nicht verantwortlich gemacht werden kann. So ist der Dargestellte in voller Präsenz innerhalb eines weiteren Handlungsraumes abermals zu sehen und spricht hier aktiv.

Die Assoziationsquelle für die Tafel war ein Ereignis aus dem Leben des Nikolaus von Myra. Die etwas problematische Legende berichtet in einer Variante von der Bekehrung eines jüdischen Kaufmanns zum christlichen Glauben. Denn dieser hatte von den Taten des Heiligen gehört und ließ sich daraufhin eine Tafel, welche diesen zeigte, anfertigen. Ihr befahl er über seinen Besitz zu wachen. Nachdem er aber dennoch bestohlen worden war, wurde das Bildnis durch Schläge hierfür körperlich bestraft. Daraufhin erschien der Heilige den Dieben und bewegte sie zur Rückgabe. Durch dieses Ereignis tief beeindruckt, ließ sich der Händler taufen. Neben dem Bericht über eine wichtige Person der christlichen Kirche ist es die Macht des Bildes, die hier vor Augen geführt wird. So zeigt sich gegenüber Gegenstand wie Darstellung ein Verständnis, welches das Bild nicht auf einen neutralen Objektbegriff reduziert. Es ist zugleich belebte und unbelebte Materie, wie es im Beispiel der Tafel des Heiligen, im Sehen wie im Deuten, eingehend thematisiert wurde. Radikal werden ihm aktive Handlungsformen zugerechnet, die im Kontext einer Museumsausstellung eigentümlich harmonisiert erscheinen und die Darstellung zum visuellen Bericht herabstufen. Doch ist die Macht der Bilder nicht nur von ungeahnter Vitalität, die analytischen Gegenbewegungen sind es ebenso; als geklärt erscheint wenig.