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6.7.2009 | Von:
András Inotai

Die globale Krise und Ungarn

Nach der globalen Finanzkrise erleben wir die makrowirtschaftliche Krise. In Ungarn stehen zwei Jahrzehnte der Transformation, die Modernisierung und die Demokratie insgesamt auf dem Prüfstand.

Einleitung

Noch bevor sich die gegenwärtige Krise bemerkbar machte, war Ungarns Wirtschaftspolitik ins Zentrum der internationalen und insbesondere der europäischen Aufmerksamkeit geraten. Diesmal aber nicht im positiven Sinn, wie fast kontinuierlich vor der politischen Wende und über fast zwei Jahrzehnte der Transformation sowie während der Vorbereitung auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union (EU): Was ist mit Ungarn geschehen? Wie ist es möglich, das das frühere "Modell" zum "Schlusslicht" im regionalen Vergleich geworden ist?[1]




In den meisten Berichten musste Ungarn als schlechtes Beispiel für alle Länder Ostmittel- und Südosteuropas herhalten und diente sogar im breiten internationalen Rahmen den Ländern, die sich im Aufholprozess befinden (emerging markets), als Schulbeispiel einer grundsätzlich verfehlten Wirtschaftspolitik. Viele haben den Zusammenbruch der Wirtschaft, den unbegrenzten Tiefflug der Währung oder gar den "Staatsbankrott" vorausgesagt. In Ungarn selbst gab es verantwortungslose politische Kräfte, die nicht nur für alles - einschließlich der Ausbreitung der globalen Krise auf Ungarn - die seit 2002 amtierende und gegenwärtig ihr zweites Mandat ausfüllende Regierung verantwortlich machten, sondern sogar ernsthaft die Vorteile der EU-Mitgliedschaft und die Richtigkeit des zwei Jahrzehnte langen Transformationsprozesses in Zweifel gezogen.

Paradoxer Weise hat die globale Krise, die sich seit dem Herbst 2008 in Europa ausbreitet, alle Fragen relativiert. Natürlich hat die Krise auch Ungarn stark betroffen. Doch es hat sich herausgestellt, dass selbst Länder, die einst als krisenfest galten und zweifellos eine vernünftigere Wirtschaftspolitik verfolgten, mitgerissen werden. Es hat sich herausgestellt, dass das Wirtschaftswachstum überall einbricht, die Exporte und die Industrieproduktion dramatisch fallen und nationale Währungen trotz unterschiedlicher makroökonomischer Indikatoren noch mehr an Wert verlieren als der Forint (etwa der polnische Zloty). Dabei geraten neue und qualitative Merkmale zum Vorschein, etwa die Krisenfestigkeit oder -anfälligkeit der Volkswirtschaften, die Widerstandsfähigkeit der sozialen Gefüge oder die Reformbereitschaft oder -müdigkeit der einzelnen Länder.

Dieser Aufsatz beschränkt sich auf die Auswirkungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise auf Ungarn. Im Vordergrund steht die Frage nach der Krisenanfälligkeit (vulnerability) der ungarischen Wirtschaft, die einen guten Ausgangspunkt für tiefer gehende wirtschaftspolitische Analysen liefert.

Fußnoten

1.
Vgl. dazu András Inotai, Wirtschaftsmodell Ungarn? Zwischen Pionierstatus und Schlusslicht. Ms. im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Budapest, Mai 2008. Leicht veränderte ungarische Version: András Inotai, Magyar gazdasági modell? Úttör?b?l sereghajtó, in: Mozgó Világ, Juni 2008, S. 3 - 20.