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15.6.2009 | Von:
Berndt Keller
Hartmut Seifert

Atypische Beschäftigungs-
verhältnisse: Formen, Verbreitung, soziale Folgen

Immer mehr Menschen sind in Teilzeit, Leiharbeit, befristet oder geringfügig beschäftigt. Die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse hat auch gravierende Folgen für die sozialen Sicherungssysteme – vor allem langfristig.

Einleitung

Forderungen, den Arbeitsmarkt zu deregulieren und flexible Beschäftigungsformen zu fördern, gehören seit Jahren zu den Kernpunkten in der beschäftigungspolitischen Debatte.[1] Unter Ökonomen dominiert die Auffassung, die andauernde Massenarbeitslosigkeit sei in erster Linie auf Inflexibilitäten des Arbeitsmarktes zurückzuführen. Diese Einschätzung fußt vor allem auf theoretischen Annahmen über die Funktionsmechanismen des Arbeitsmarktes. Den empirischen Beleg sind die Vertreter der These von dem "verkrusteten Arbeitsmarkt" aber schuldig geblieben. Im internationalen Vergleich wurde zwar gezeigt, dass der institutionell-rechtliche Rahmen des Arbeitsmarktes in Deutschland relativ stark reguliert war. Empirisch ließ sich jedoch kein kausaler Zusammenhang zur Höhe der Arbeitslosigkeit feststellen.[2]




Ungeachtet dessen setzte die Politik, beginnend mit dem Beschäftigungsförderungsgesetz von 1985, auf eine sukzessive Deregulierung. In zahlreichen Schritten wurde, vor allem im Rahmen der "Hartz-Gesetze" (die vier Gesetze "für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt"), der Spielraum für sämtliche Dimensionen der Flexibilität erheblich ausgeweitet.[3] Das Ziel war, den Einsatz von Leiharbeit, befristeter und geringfügiger Beschäftigung sowie von Teilzeitarbeit zu steigern. Das ist gelungen. Die Expansion dieser Beschäftigungsformen wirft jedoch neue Probleme auf, die sich nun in Form erhöhter Prekaritätsrisiken niederschlagen.




Diesen Aspekten gilt der vorliegende Beitrag. Er beginnt, atypische und Normalarbeitsverhältnisse begrifflich voneinander abzugrenzen, skizziert anschließend Entwicklung und Ausmaß atypischer Beschäftigungsformen und vergleicht danach anhand sozialer Kriterien, wie sich atypische und Normalarbeitsverhältnisse unterscheiden. Einige Schlussfolgerungen zur besseren sozialen Absicherung atypischer Beschäftigung schließen den Beitrag ab.

Fußnoten

1.
Vgl. Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände, Zwanzig Punkte Programm: Für mehr Beschäftigung, Köln 1985; Rüdiger Soltwedel, Mehr Markt am Arbeitsmarkt - Ein Plädoyer für weniger Arbeitsmarktpolitik, München-Wien 1994.
2.
Vgl. OECD, Employment outlook, Paris 1999 und 2004.
3.
Einen Überblick liefert: Hartmut Seifert, Was hat die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes gebracht?, in: WSI-Mitteilungen, (2006) 11, S. 601 - 608.