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Architektur als Philosophie - Philosophie der Architektur - Essay


5.6.2009
In Bauwerken ist eine implizite Weltdeutung und Vorstellung gesellschaftlichen Lebens zu entdecken, Architektur ist immer auch gebaute Philosophie. Es ist Aufgabe der Philosophie der Architektur, diese herauszuarbeiten.

Einleitung



Die Architektur ist wie alles Handeln in Überlegungen eingebettet, ja gerade beim Bauen sind eine komplexe geistige Arbeit und Fachkenntnisse vonnöten, um Planung und Berechnung, Organisation und Durchführung erfolgreich zu leisten. Ohne das könnte uns die Decke auf den Kopf fallen. Schon der Römer Vitruv (80/70 - 25 v. C.) schreibt in seinen "10 Büchern zur Architektur", dass "Praxis" und "Theorie" unverzichtbar für das Bauen seien.[1] Und unter Theorie kann man jedes methodisch geordnete Denken und die aus ihm resultierenden, systematisch zusammengefassten Einsichten verstehen.






Aber wer baut, "denkt" noch in einem weiteren Sinne, wie Martin Heidegger 1951 in dem Vortrag "Bauen Wohnen Denken" betont: In unserem "Bauen" und in der Weise, wir wie den gebauten Raum beleben ("Wohnen") spiegele sich, wie wir die Wirklichkeit verstehen und was wir für sinnvoll und bedeutungsvoll erachten ("Denken").[2] In der Tat, jedes Bauwerk (das einzelne wie Siedlungen) drückt eine Weltsicht aus und kommuniziert diese - aber auch ein Verständnis vom Menschen und seinem gesellschaftlichen Zusammenleben.[3]

Die Gartenstädte des Briten Ebenezer Howard (1850 - 1929) waren zum Beispiel vom Ideal gemeinschaftlichen Zusammenlebens in Naturnähe bestimmt und sollten eine Alternative zu den industriellen Arbeitersiedlungen sein. Er entwarf Einfamilienhäuser mit Gärten, die am Rand in die freie Natur übergingen. So sollten Siedlungen von überschaubarer Größe mit Plätzen und anderen sozialen Räumen entstehen, die ein intensives Gemeinschaftsleben befördern. Howard veröffentlichte seine Ideen 1898 unter dem Titel "Tomorrow - a peaceful path to real reform".[4] (In seinem Geiste wurde u.a. die Gartenstadt Hellerau in Dresden gebaut.)

Eine ganz andere Gesellschaftsphilosophie findet sich bei Mies van der Rohe, der eine Siedlung pavillonartiger Einfamilienhäuser entwarf. Sie grenzen sich voneinander durch fensterlose Mauern ab, alles Licht kommt von einem geschützten Innenhof durch Glaswände. Das bedeutet eine ganz andere Integration der Natur in den Lebensraum, basierend auf einem abweichenden Naturverständnis (der Garten ist primär ein Kulturraum). Vor allem aber wird bei van der Rohe die Autonomie des Menschen höher geschätzt als Interaktion und Gemeinschaft.

Bauwerke können komplexe oder schlichte Weltsichten ausdrücken, zu sehr unterschiedlichen Themen Stellung nehmen und die Weltsichten den Architekten mehr oder weniger bewusst sein. Dabei ist die jeweilige Weltsicht in der Regel von der Philosophie einer Zeit geprägt - selbst dort, wo sich Architekten davon absetzen wollen. Die Architekturtheorie reagiert sogar oft explizit auf philosophische Ideen. Aber unabhängig davon, ob und wie weit Weltsichten überhaupt in Worte gefasst werden, verkörpert jedes Gebäude eine Deutung der Welt. Man könnte von der Architektur als Philosophie sprechen.

Philosophie begegnet uns so mehrfach: Erstens wird die Architektur (und Architekturtheorie) durch die Philosophie ihrer Zeit geprägt. Zweitens drückt die Architektur eine Philosophie aus. Drittens ist Architektur ein Gegenstand philosophischen Nachdenkens - nämlich der Philosophie der Architektur.


Fußnoten

1.
Vgl. Vitruvius, De architecture libri decem, Kapitel 1,1.
2.
Martin Heidegger, Bauen, Wohnen, Denken, in: Eduard Führ (Hrsg), Bauen und Wohnen, Building and Dwelling, Münster 2000.
3.
Siehe den Beitrag von Joachim Fischer in diesem Heft, in dem er analysiert, wie Architektur "kommuniziert".
4.
Ab der zweiten Auflage hieß das Buch "Garden Cities of Tomorrow".

 
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