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5.6.2009 | Von:
Joachim Fischer

Architektur: "schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft

Zur Eigenlogik der Architektur: Baukörpergrenze

Die Architektursoziologie ins Zentrum der Soziologie zu bringen, macht einen Umweg erforderlich. Die Soziologie muss sich der Architektur nähern, ohne sofort deren soziale Dimension zu erschließen: Das geschieht am besten über die Kultursoziologie. Denn die Soziologie begreift die Architektur zu rasch in Analogie zu anderen Medien, ungeachtet dessen, dass Architektur weder wie "Sprache", "Text", "Bild", "Skulptur", "Musik" noch wie ein technisches "Artefakt" funktioniert. Ihre Eigenlogik oder ihre "symbolische Form" (Ernst Cassirer) zu ermitteln, heißt auf das spezifische "Wie" der kulturellen Welt- und Selbsterschließung im Bauwerk achtzugeben - noch bevor sich die Frage nach dem Zweck, nach der Funktion stellt.

Charakteristisch für die Architektur ist die Umschließung eines Raumes - die Grenzziehung zwischen Innen/Außen -, in den Öffnungen eingefügt sind, die geschlossen werden können.[3] Als Baukörpergrenze ist Architektur notwendig die Kopplung von Funktion und Ausdruck (wie Kleid und Haut). Sie ist der umschlossene Raum, in den man schlüpft, aus dem man herausblickt und -tritt. Architektur vermittelt derart die Anschauung der Reduktion von Komplexität: eine genuine System-Umwelt-Erfahrung stabilisierter Binnenkomplexität im Verhältnis zur "Welt-im-Übrigen". Dabei "wird nicht etwas im Raum gebaut, sondern archaischer Hüttenbau wie moderne Architektur betreiben beide Herstellung und Gestaltung von Raum. Der Raum entsteht gleichzeitig mit und durch das Bauen".[4] Jede Raumbildung impliziert zugleich eine Grenzziehung, die ein Drinnen von einem Draußen scheidet und ein Oben von einem Unten. Der durch die "Baukörpergrenze" gebildete Raum ist der Nullpunkt von Nähe und Ferne; und auch die Territoriumsgrenze erschließt sich vom Haus aus - wie das Meer vom gebauten Hafen.

Fußnoten

3.
Bekannt ist Gottfried Sempers Ursprungsreflexion über die Architektur, welche die Wände aus dem gewundenen Flechtwerk herleitet, aus dem die Grenzen des Baukörpers hergestellt werden. In den Baukörpergrenzen sichert das menschliche Lebewesen die Gefährdetheit und Gleichgewichtslosigkeit seiner Existenz (Temperatur-, Witterungsschutz, Feindabwehr) und reguliert zugleich sein Erscheinen in der Welt - wie umgekehrt das Erscheinen ausgewählter und geordneter Welt im künstlich abgesteckten Bezirk.
4.
Andreas Ziemann, Die Brücke zur Gesellschaft. Erkenntniskritische und topographische Implikationen der Soziologie Georg Simmels, Konstanz 2000, S. 260f.