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5.6.2009 | Von:
Joachim Fischer

Architektur: "schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft

Architektur als Kommunikationsmedium

Hat man die Architektur als "Baukörpergrenze" bestimmt, hält man den Schlüssel zur Raumsoziologie in der Hand, indem man von einem kulturtheoretischen Begriff (Ernst Cassirer) zu einem soziologischen Begriff des "Kommunikationsmediums" (Niklas Luhmann) "umschaltet". Architektur ist ein Kommunikationsmedium, sie bahnt die "Verkehrsformen" zwischen den Menschen.[5] Wenn der Mensch "das Grenzwesen (ist), das keine Grenze hat",[6] kommt für die Vergesellschaftung alles darauf an, dass diese "Grenzwesen" im Material des Sicht-, Hör-, Riech- und Tastbaren "Wege" und "Brücken" zueinander und zugleich durch Haus, Tür und Fenster eine "soziale Begrenzung" finden. Diese Grenzziehung hat Georg Simmel als "Stilisierungserscheinung", als vermittelte Unmittelbarkeit des Sozialen charakterisiert. So wie Kleider Leute machen, machen die Wände die Baukörper - und formieren die hinein- und hinausschlüpfenden Personen.

Gebaut wird "nach dem Vorbild des Körpers (...) Die geläufigen Begriffe von Kopf und Fuß, Gesicht und Rücken tauchen als Unterscheidungen von oben und unten, vorn und hinten am Gebäude als Dach- und Untergeschoss, Vorder- und Rückseite wieder auf", und in Analogie zur menschlichen Haut: "Vor allem folgt die Differenz von innen und außen, die für das Wohnen eminente Bedeutung hat, unmittelbar dem Körperschema. Ebenso wie Eigen- und Fremdkörper voneinander getrennt werden, wird auch in der Architektur ein Eigenbereich von einem Fremdbereich, die Privatsphäre von der Öffentlichkeit unterschieden."[7] In ihrer Expressivität liegen die Häuser, die Baukörper selbst mitteilsam gegenüber, in Bau und Gegenbau - so wie Kinder es bereits wahrnehmen. Die Baukörper sind also nicht nur "gebaute Umwelt" von Interaktionen, sondern gehören als Häuser mit Gesichtern selbst immer schon zur Mitwelt von Kommunikationen.[8] Dieser sozial konstitutive Charakter der Baukörper macht plausibel, warum die "Sozialregulation" der Architektur für die Gesellschaft so wichtig ist.

Fußnoten

5.
"Verkehrsformen" im mehrfachen Sinn des Wortes: Mobilität, Handel, Umgang (Verkehrssprache), Paarung.
6.
Georg Simmel, Brücke und Tür, in: ders. Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft, hrsg. von Michael Landmann, Stuttgart 1957, S. 6. Das ist der architektursoziologische Subtext seiner Raumsoziologie: "Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft", in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (1908), Berlin 1968, S. 460 - 526.
7.
Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes, Frankfurt/M. 2006, 280f. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von M. Schroer in dieser Ausgabe.
8.
Zum Axiom des Ausdrucksüberschusses der menschlichen Wahrnehmung vgl. Max Scheler, Wesen und Formen der menschlichen Sympathie, [1913] 2003, S. 233: Alle Phänomene werden zunächst als belebt wahrgenommen; erst in einer nachträglichen Limitierung wird die Sach- von der Sozialdimension abgezogen. Vgl. die Spiegelneurone-Theorie als neurobiologische Bestätigung: Giacomo Rizzolatti/Corrado Sinigaglia, Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls, Frankfurt/M. 2008.