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Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"


5.6.2009
Architekturen bilden gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur ab. Aus einer geschlechterbezogenen Perspektive wird gezeigt, dass Architekturen einen wichtigen Beitrag zur Produktion und Reproduktion sozialer Beziehungen leisten.

Einleitung



Die Diskussion um das Verhältnis von Architektur und Gesellschaft hat Konjunktur. In verschiedenen (Fach-)Öffentlichkeiten werden die Rolle und Bedeutung der gebauten Umwelt für die gesellschaftliche Entwicklung intensiv debattiert. Das Spektrum der Perspektiven und Interessen ist dabei weit und heterogen: In den anwendungsorientierten Disziplinen Stadtpolitik, Städtebau und Stadtplanung geht es häufig vor allem um den strategischen Einsatz oftmals spektakulärer Architektur für die Ziele der Stadt- oder Quartierserneuerung. Hierfür gibt es zahlreiche aktuelle Beispiele - von Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao über die Londoner Docklands bis hin zur Hamburger Hafen-City oder zum Potsdamer Platz in Berlin.




Architektursoziologinnen und -soziologen wiederum betrachten solche markanten (städte)baulichen Projekte - ebenso wie die Diskussionen oder Aneignungskämpfe, die sich an ihnen entzünden - als bedeutende Ausgangspunkte der Gegenwartsdiagnose: als Materialitäten, die zentrale gesellschaftliche Leitbilder, Werthaltungen, Strukturen und Entwicklungstendenzen verkörpern. In diesem Zusammenhang werden Architekturen gerne als "Abbilder" oder "Spiegel" der Gesellschaft bezeichnet. Diese Feststellung will ich nicht in Frage stellen. Nichtsdestoweniger möchte ich in diesem Beitrag argumentieren, dass Architekturen mehr sind und mehr tun als gesellschaftliche Verhältnisse (bloß) abzubilden oder zurückzuwerfen: Gezeigt werden soll, dass sie (im Zusammenspiel oder Widerstreit mit anderen Medien der Vergesellschaftung) einen wichtigen Beitrag zur Produktion und Reproduktion sozialer Beziehungen leisten.

Diese These möchte ich im Folgenden anhand der langjährigen geschlechterbezogenen Auseinandersetzungen mit den Wirkungen der gebauten Umwelt erläutern. Am Beispiel des Komplexes Wohnen/Wohnumfeld soll der spezifische Beitrag verdeutlicht werden, den die Ergebnisse der Genderforschung zur jüngeren architektursoziologischen Diskussion leisten können, in welcher die Vorstellung von Architektur als zentralem Medium des Sozialen eine große Rolle spielt.[1]

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Fußnoten

1.
Vgl. hierzu vor allem Heike Delitz/Joachim Fischer (Hrsg.), Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld 2009 (i.E.); in einem Beitrag zu diesem Band erläutere ich die hier formulierten Gedanken ausführlich.