APUZ Dossier Bild

10.5.2009 | Von:
Daniela Münkel

Die DDR im Blick der Stasi 1989

Fazit

Die Berichte der Staatssicherheit aus dem Jahr 1989 zeugen von einer guten Informationslage der Geheimpolizei in der finalen Phase der SED-Herrschaft. Die sich zunächst im engen Rahmen und dann auf breiter Basis formierende Oppositionsbewegung, die Ausreisewelle, die Kritik der Bevölkerung am SED-Regime und seinem Führungspersonal im Allgemeinen sowie an den Versorgungslücken im Konsum- und Arbeitsbereich im Speziellen sind ausführlich dokumentiert. Als Reaktion auf die sich zuspitzende Situation im Land formulierte das MfS darüber hinaus Handlungsempfehlungen für die politische Führung, die auf eine Doppelstrategie hinausliefen: einerseits Fortführung und Verstärkung der bereits seit langem praktizierten Zersetzungs- und Manipulationstaktik gegenüber der politischen Opposition, andererseits Reduktion von Missständen und begrenzte Zugeständnisse zur Entschärfung der Lage.[32]

Dies heißt allerdings nicht, dass daneben nicht ebenfalls Szenarien einer gewaltsamen Niederschlagung der aufkeimenden revolutionären Bewegung theoretisch durchgespielt wurden.[33] Letztlich wird deutlich, dass es dem MfS trotz der intimen Kenntnisse der Oppositionsbewegung und der weithin zutreffenden Analyse der Bevölkerungsstimmung nicht gelang, sich von ideologisch festgefahrenen Interpretationsmustern zu verabschieden.

Erich Mielkes Behauptung: "Alle Unzulänglichkeiten, manchmal von ganz kleinen Dingen nur bis zu den größten, haben wir gemeldet" - kann als weitgehend zutreffend angesehen werden, ebenso seine Feststellung, "wir haben Vorschläge gemacht". Das Unvermögen der politischen Führung der DDR, auf die eskalierenden Probleme angemessen zu reagieren, ist nicht auf eine falsche Informationspolitik der Geheimpolizei zurückzuführen, konnte dadurch aber auch nicht behoben werden. Spätestens im Sommer 1989 war die Entwicklung bereits so weit fortgeschritten, dass keine Handlungsalternative mehr geeignet war, die SED-Herrschaft zu stabilisieren.

Fußnoten

32.
Ilko-Sascha Kowalczuk interpretiert die Rolle Erich Mielkes zutreffend, aber anders als bisher: "Die Diskussions- und Entwicklungsprozesse seit 1987 zeigten, dass er [Erich Mielke, D.M.] eher für vorsichtige Wandlungen im System plädierte; unnachgiebig gegen Feinde und Gegner vorgehen, aber zugleich offensiv der Gesellschaft neue und attraktive politische Angebote unterbreiten." I.-S. Kowalczuk (Anm. 22), S. 477f.
33.
Vgl. dazu ausführlich W. Süß (Anm. 11), S. 177ff.