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1.5.2009 | Von:
Thomas Straubhaar
Michael Wohlgemuth
Joachim Zweynert

Rückkehr des Keynesianismus: Anmerkungen aus ordnungspolitischer Sicht

Keynes ist tot, es lebe der Keynesianismus?

Der Umstand, dass seit John Maynard Keynes' Tod sehr unterschiedliche Interpretationen seiner Lehren kursieren, hat durchaus auch etwas damit zu tun, dass sich der Meister nicht sonderlich darum bemühte, seine Gedanken in unmissverständlicher Klarheit zu äußern. So schrieb Paul Samuelson, einer seiner berühmtesten "Schüler", über die 1936 erschienene General Theory of Employment, Interest and Money:[3] "Es ist ein schlecht geschriebenes, armselig aufgebautes Buch. (...) Blitze der Einsicht und Erleuchtung sind in langweilige Algebra eingestreut. (...) Wenn wir die Lektüre endlich geschafft haben, finden wir die Analyse einleuchtend und gleichzeitig neu. Kurz: es ist ein geniales Buch."[4] Nicht nur deshalb darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, ob man sich je auf den "wahren Keynes" wird einigen können. Denn zusätzlich wechselte Keynes so häufig seine Meinungen, dass es sein akademischer Rivale Friedrich August von Hayek just bei der Publikation der General Theory aufgab, sich weiter mit dem Keynes'schen "Wirrwarr" auseinanderzusetzen.[5]

Innerhalb der Keynes-Interpretation lassen sich eine neokeynesianische und eine postkeynesianische Strömung voneinander unterscheiden, die sich jeweils in weitere Unterströmungen aufteilen. "Keynesianismus" bezeichnet eine Annäherung an den neoklassischen Mainstream in Form der "neoklassischen Synthese", die John Richard Hicks schon früh in Form des berühmten IS/LM-Schemas formuliert hat.[6] Bei Keynes selbst sind alle Wirtschaftssubjekte mit fundamentaler Unsicherheit konfrontiert. In der Neoklassik gibt es keine Unsicherheit, weil alle Individuen über vollständige Informationen verfügen. In der neoklassischen Synthese gibt es zwar Unsicherheit, sie bezieht sich aber nur auf die zukünftige Entwicklung der Zinssätze. Schon bald beherrschte diese Leseart die markoökonomischen Lehrbücher.

"Postkeynesianer" wiederum sind ein bunter Haufen dem Mainstream heftig widersprechender Ökonomen. Neben Marxisten und Anarchisten befinden sich hierunter auch radikale Subjektivisten wie der Hayek-Schüler George L. S. Shackle. Gerade im Werk des vom Mainstream ignorierten Shackle[7] kann man erkenntnistheoretisch fundiert wiederfinden, was schon Keynes zur Erklärung von dauerhafter Unterbeschäftigung und akuter Krise anführte: Radikale Unsicherheit der Investoren (aber auch der Konsumenten und Steuerzahler) über die Zukunft und ein dadurch angestachelter Herdentrieb könne die "animalischen Instinkte" (im Original animal spirits, in der deutschen Übersetzung etwas flach mit "Lebensgeister" wiedergegeben) der Akteure anfangs in irrationale Über- und Fehlinvestitionen stürzen. Vor allem der Keynes-Schüler und Postkeynesianer Hyman Minsky hat bahnbrechende Arbeiten zum Herdentrieb auf Finanzmärkten vorgelegt.[8] Sobald die tatsächliche "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals"[9] den überzogenen Ertragserwartungen nicht mehr folgen könne, entstehe extreme Verunsicherung, eine Art Schockstarre seitens der Akteure, die das Marktsystem in eine "Stockung" versetze, aus der keine endogenen Kräfte (Preisanpassungen) sobald heraushelfen könnten.[10]

In dieser Betonung der Rolle, welche die Unsicherheit für das Entstehen von Wirtschaftskrisen spielt, sehen wir den Kern dessen, was heute an der Keynes'schen Theorie wichtig ist. Aufgrund ihrer Unsicherheit orientieren sich die wirtschaftlichen Akteure häufig an den Handlungen ihrer Mitmenschen. Daraus resultiert regelmäßig ein Herdentrieb, der im Boom zu überzogenem Optimismus und in der Krise zu übertriebenem Pessimismus führt. Nicht zufällig setzt Keynes Krisentherapie in einer Situation an, in der eine pessimistische "Schockstarre" vorherrscht, so dass die wirtschaftliche Aktivität mehr oder weniger zum Erliegen kommt. Der Begriff, den Keynes für eine solche Situation prägte, zählte man für Jahrzehnte zur verstaubten Lehrbuchweisheit, während er heute wieder in aller Munde ist: "Liquiditätsfalle".

Eine Liquiditätsfalle ist dadurch gekennzeichnet, dass die Geldpolitik als Instrument zur Konjunkturbelebung ausfällt. Obwohl die Notenbank mit einem Zinssatz von nahe oder gleich Null (wie heute in den USA) Kredite nahezu kostenlos vergibt, will sich niemand zusätzlich verschulden. Konsum und Investitionen verfallen nicht mehr der süßen Verlockung "billigen Geldes". Verbraucher und Unternehmer wollen nicht heute kaufen oder investieren, wenn es morgen noch billiger werden könnte. Das lässt die Umsätze zurückgehen. Es wird auf Halde produziert. Als Folge wird die Produktion gedrosselt, und es entstehen neue Überkapazitäten. Die Arbeitslosigkeit beginnt zu steigen. Das wiederum dämpft noch einmal den privaten Konsum. Damit fällt der wichtigste Pfeiler der Konjunktur als Stütze der Binnennachfrage aus. Es kommt zu einer Depressionsspirale nach unten.

In der Liquiditätsfalle wird Geld gehortet statt ausgegeben. Es fließt in die Spekulationskassen statt in Transaktionen. Anleger wollen heute nicht einsteigen, weil mit Blick auf die derzeitige Nullzinsenpolitik die Notenbankzinsen in Zukunft nur noch in eine Richtung gehen können: nach oben. Wer also heute sein Geld in Zinspapiere anlegt, vergibt die Chance, später einzusteigen, wenn die Zinsen wieder steigen werden. Also wandert das Geld unters Kopfkissen statt in den Wirtschaftskreislauf. In der Liquiditätsfalle trifft zu, was John Maynard Keynes zu Zeiten der Großen Depression formulierte und in der Formulierung von Karl Schiller zum geflügelten Wort wurde: "Man kann die Pferde zum Brunnen führen, aber saufen müssen sie selber."[11]

Zu Recht wird in diesem Umfeld die Geldpolitik mit einem Strick verglichen: Man kann mit einem Seil einen Ball zurückbinden. Hingegen lässt sich kein Ball von einem Strick anschieben. Genauso kann eine Notenbank durch Zinserhöhungen einen Konjunkturaufschwung bremsen, sie kann ihn aber nicht durch Zinssenkungen auslösen. Da braucht es mehr: zumindest die Erwartung, dass Preise und damit auch die Zinsen steigen. Erreichen kann er dies nur, so lehrte Keynes, indem er durch staatliche Ausgabenprogramme selbst für Nachfrage und damit indirekt auch für neues Vertrauen in die Zukunft sorgt.

Es ist vor allem dieses Szenario, das die Aktualität der Keynes'schen Analyse bedingt. Insoweit Keynes hier unstreitig Erkenntnisse lieferte, die helfen können, schwere Wirtschaftskrisen schneller zu überwinden, ist das heutige Keynes-Revival zumindest zum Teil berechtigt. Würde es sich auf diesen Aspekt seiner Lehren konzentrieren, gäbe es wenig dagegen einzuwenden. Doch es deutet immer mehr darauf hin, dass wir gerade Zeuge eines wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsels werden, das nicht nur auf ein partielles Keynes-Revival, sondern auf eine allgemeine Rückkehr des big government hinausläuft, wie wir es aus den 1960er und 1970er Jahren kennen. Gegen diesen "Vulgärkeynesianismus", dessen Anhänger im Zeitgeist des Machbarkeitswahns der 1960er und 1970er Jahre Keynes darauf reduzieren wollten, eine Anleitung für eine nach allen Regeln der Ingenieurskunst zu betreibende Globalsteuerung zu liefern, richtet sich unsere ordnungspolitische Kritik.

Fußnoten

3.
Vgl. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1936.
4.
Paul A. Samuelson, Lord Keynes and the General Theory, in: Econometrica, 14 (1946) 3, S. 187-200, hier S. 188.
5.
Vgl. Friedrich August von Hayek, Hayek on Hayek. An Autobiographical Dialogue, hrsg. v. Stephen Kresge und Leif Wenar, London 1994, S. 90.
6.
Vgl. John R. Hicks, Mr. Keynes and the "Classics". A Suggested Interpretation, in: Econometrica, 5 (1937) 2, S. 147-159.
7.
Vgl. z.B. George L. S. Shackle, Epistemics and Economics. A Critique of Economic Doctrines, Cambridge 1972.
8.
Vgl. z.B. Hyman P. Minsky, Can "it" happen again? Essays on Instability and Finance, Armonk, NY 1982.
9.
J. M. Keynes (Anm. 3), Kap. 11. Unter der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals versteht Keynes den internen Zinsfuß, mit dem die erwarteten Erträge aus einer Investition dem Kaufpreis gleichgesetzt werden. Der entscheidende Punkt lautet nun, dass die erwarteten Erträge für Keynes (im Gegensatz zur neoklassischen Synthese) eine vornehmlich psychologische Größe sind, die aufgrund von Opitmismus- und Pessimismuswellen erratischen Schwingungen unterliegen.
10.
Vgl. ebd., Kap. 22.
11.
Das Originalzitat lautet: "We cannot, by international action, make the horses drink. That is their domestic affair. But we can provide them with water." John Maynard Keynes, Collected Writings, Vol. IX, S. 35f.