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1.5.2009 | Von:
Thomas Straubhaar
Michael Wohlgemuth
Joachim Zweynert

Rückkehr des Keynesianismus: Anmerkungen aus ordnungspolitischer Sicht

"Bastard-" und "Vulgärkeynesianismus"

Warum die Ingenieursphantasie der Globalsteuerung nie hat aufgehen können, haben Generationen von überwiegend neoklassischen Ökonomen seit den 1980er Jahren überzeugend begründet. In der akademischen Diskussion dürfte die "Revolution"[12] der Theorie rationaler Erwartungen am wirkungsvollsten gewesen sein. Demnach besteht, vereinfachend gesagt, ein von realwirtschaftlichen (Angebots-) Faktoren bestimmtes gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht, an dem keynesianisch inspirierte Politiker nichts dauerhaft ändern können, da sie von rationalen Wirtschaftsakteuren durchschaut werden. Diese werden erkennen, dass den durch expansive Geldpolitik gestiegenen Nominallöhnen und Preisen keine realen und dauerhaften Änderungen der Marktbedingungen zugrunde liegen. Deshalb werden sie als Arbeitnehmer auch nicht mehr verbrauchen und als Unternehmer auch nicht mehr investieren. Expansive Geldpolitik wirkt bestenfalls kurzfristig, und das auch nur, wenn sie als Überraschung daherkommt. Denn andernfalls wird sie in den Tarifverhandlungen durch entsprechende Lohnforderungen antizipiert. Langfristig bleibt dann nur Inflation. Ähnlich verhält es sich bei expansiver Fiskalpolitik. Eine durch Verschuldung finanzierte Ausdehnung der Staatsausgaben wird von den Steuerzahlern durchschaut als einfache Verschiebung der eigenen Steuer- und Zinslasten auf spätere Perioden. Derlei Konjunkturprogramme mögen kurzfristig Strohfeuer entzünden - langfristig bleibt die verbrannte Erde der Staatsverschuldung und höherer Zinsen, die private Investitionen verteuern (crowding out).

Inflation und Verschuldung statt Wachstum und Beschäftigung: Das waren auch die empirisch demonstrierten Ergebnisse vulgärkeynesianischer Wirtschaftspolitik der 1960er und 1970er Jahre. Dies bedeutet aber nicht, dass Keynes' Theorie der Krisenerklärung hieran Schuld trägt. Umgekehrt kann man "keynesianisch" fragen, wie mithilfe einer Theorie rationaler Erwartungen die aktuelle Krise erklärt werden könnte - zumal sehr ähnliche Überinvestitionsblasen erst vor kurzer Zeit (Japan 1991, New Economy 2001) schmerzhaft geplatzt sind, so dass selbst eine Theorie adaptiver Erwartungen (Lernen aus Erfahrung), eine schwächere Form "rationaler Erwartungen", einiges zu erklären hätte. Eine neoklassische Theorie, die davon ausgeht, dass die Wirtschaftsakteure künftige Ereignisse (zumindest im Durchschnitt, und effizient kontrolliert durch scheinbar enorm informations-effiziente Kapitalmärkte) korrekt vorhersehen, mag das Versagen vulgärkeynesianischer Politiken theoretisch erklären können. Als Theorie rationaler Erwartungen wird sie aber durch die wiederkehrende Entstehung von Spekulationsblasen selbst empirisch widerlegt.

Deshalb verdienen einige wichtige Erkenntnisse von Keynes selbst wieder Beachtung, der darauf hinweist, dass eine reine Logik rationaler Wahl bei perfekt geräumten Märkten eine letztlich ebenso kühne Phantasie ist, wie die Vorstellung, man könne die Gesetze des Marktes und der "Leidenschaft des Gelderwerbs"[13] auf beliebige Weise ignorieren.[14] Soviel zum Grundsätzlichen. Nun zum Aktuellen und damit zur Frage des "Warum und Woher" der aktuellen Krise; oder: Sind wir in einer "keynesianischen Situation"?

Fußnoten

12.
Vgl. Preston J. Miller (ed.), The Rational Expectations Revolution, Cambridge, MA 1994.
13.
J. M. Keynes (Anm. 3), S. 316.
14.
Vgl. hierzu bereits ders., The end of laissez-faire, London 1926.