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1.5.2009 | Von:
Albrecht Ritschl

War 2008 das neue 1931?

Währungspolitik und Banken

Prominent und unter Fachleuten bis heute einflussreich ist die monetäre Interpretation der Weltwirtschaftskrise. Nach den Hyperinflationen in Deutschland und Mitteleuropa war der Goldstandard als ein System fester Wechselkurse zum US-Dollar mit einem Goldkern wiedererrichtet worden. Mit dem Beitritt Großbritanniens 1925 und Frankreichs 1928 war der Neubau dieses Systems abgeschlossen. Neu gegenüber der Vorkriegszeit war vor allem, dass die USA die Rolle Großbritanniens als größter Kapitalexporteur einnahmen und der US-Dollar rasch zur Leitwährung des Systems wurde. Damit fiel aber auch der US-Geldpolitik, damals vertreten durch die Federal Reserve Bank of New York, die Rolle der internationalen Koordination zu. Man hat der "Fed" vorgeworfen, in den 1920er Jahren die Zinsen künstlich niedrig gehalten zu haben, um den europäischen Volkswirtschaften den Einstieg in das neue System zu erleichtern. Allerdings sprechen die Zahlen eher gegen eine solche Sichtweise. Nach der Korrektur um die Preisschwankungen lagen in den USA die Leitzinsen bei drei bis vier Prozent und damit im Bereich heutiger Normen. Ab der Jahresmitte 1928 wurden die Zinsen von vier auf sechs Prozent angehoben, um der Spekulation auf dem Aktienmarkt entgegenzuwirken. Gleichzeitig wurde der Zuwachs der Geldmenge begrenzt. Beide Maßnahmen sind später von monetaristischer Seite scharf kritisiert und für ein Abgleiten in die Rezession verantwortlich gemacht worden.[7]

Nach der Mechanik des Goldstandards musste eine solche Zinsanhebung den konjunkturellen Bremsimpuls auch auf das Ausland übertragen. In einer schweren Rezession würde das System an der schwächsten Stelle brechen. Genau dieser Fall trat ein, als Deutschland im Sommer 1931 zu Kapitalverkehrskontrollen überging und damit den Abzug kurzfristiger, vor allem britischer Kredite blockierte. Zunehmend selbst unter Druck, gab Großbritannien im September 1931 den Kurs des Pfunds frei; binnen Kurzem bildete sich ein "Sterling-Block", der neben den Ländern des Commonwealth auch Skandinavien umfasste. Die Abwertung des Pfundes wird einhellig als konjunkturpolitischer Befreiungsschlag angesehen. Tatsächlich erholten sich die Volkswirtschaften der Abwertungsländer rascher von der Krise - allerdings waren sie insgesamt auch deutlich weniger stark davon betroffen als etwa die USA oder Deutschland.

In den USA selbst wurde im April 1933 der Dollar gegenüber dem Gold freigegeben. Um das Preisniveau anzuheben, wurde eine Politik der Geldmengenausweitung betrieben. Im Verein mit einer gewissen Ausweitung der staatlichen Defizite unter dem New Deal mag das expansiv gewirkt haben, zeitigte aber nur geringe Effekte auf die Preisbewegung selbst. Allgemein sind in den Abwertungsländern sowohl Geld- als auch Fiskalpolitik ab 1933 nur wenig expansiv gewesen. Im Vordergrund stand der Versuch, neues Vertrauen in die nun frei schwankenden Währungen zu schaffen. Dies erforderte die rasche Rückkehr zu einer regelgebundenen Geld- und Fiskalpolitik durch weitgehenden Budgetausgleich und relativ hohe Leitzinsen. Der Versuch Frankreichs, sich an die Spitze eines "Goldblocks" zu setzen, der dem alten System treu blieb, scheiterte nach starken Reserveverlusten im Jahr 1936.

Wesentlich für ein tieferes Verständnis der Weltwirtschaftskrise ist die Betrachtung des Bankensystems.[8] Durch die Agrarkrise der 1920er Jahre ging das internationale Finanzsystem bereits geschwächt in die Krise. In Mitteleuropa kam als Nachwirkung der Hyperinflation eine Unterausstattung des Bankensystems mit Eigenkapital hinzu. In den USA traten erste Krisenerscheinungen in einer Bankenpanik zum Jahresende 1930 auf, danach in mehreren Wellen von Bankkrisen, denen vor allem kleinere, unterkapitalisierte Institutionen im ländlichen Raum zum Opfer fielen. Vonseiten des Zentralbanksystems wurde Unterstützung nur punktuell gewährt, was der US-Geldpolitik die Kritik eingetragen hat, eine "normale" Rezession nach 1929 überhaupt erst in eine tiefe Depression verwandelt zu haben. Ihren Höhepunkt erreichte die US-Bankenkrise am Tiefpunkt der Depression Anfang 1933. Unter der neuen Roosevelt-Administration wurde, mehr der Not gehorchend denn aus innerer Überzeugung, ab dem Frühjahr eine durchgreifende Reorganisation des US-Bankwesens eingeleitet. Mit der Lösung des US-Dollars vom Gold ging der Erlass von "Bankfeiertagen" (der tageweisen Schließung aller Banken) sowie die Zwangsschließung von Tausenden kleinerer Banken einher. Nach einer oft langwierigen Bilanzprüfung wurden die überlebensfähigen Institutionen reorganisiert und wiedereröffnet. Der Glass-Steagall Act verordnete eine Trennung von Investment- bzw. Industriebanken einerseits und Depositen- bzw. Geschäftsbanken andererseits, die bis in die 1990er Jahre Bestand gehabt hat. Bankensanierung und Dollarabwertung standen am Beginn eines stürmischen Aufschwungs, in dessen Verlauf das US-Sozialprodukt mit Jahresraten von über neun Prozent zunahm. Erst ein neuerlicher konjunktureller Einbruch im Jahr 1938 hat in den USA die Rede von den 1930er Jahren als einer Great Depression in Umlauf gebracht.

In Europa wurde die Finanzkrise der frühen 1930er Jahre weitgehend vom Sonderfall Deutschland bestimmt.[9] Unter dem Dawes-Plan von 1924 hatte Deutschlands neue Währung, die Reichsmark, einen Schutz gegen den Transfer von Reparationsleistungen in Fremdwährung erhalten. Bald nutzten Banken, aber auch der Staatssektor, die neugewonnene Kreditwürdigkeit, um sich im Ausland, besonders in den USA, zu verschulden. Hypothekenpfandbriefe auf kommunale Versorgungs- und Wohnungsbauunternehmen wurden in den USA an den Haustüren an Privatanleger verkauft - die Goldklausel und die zugrundeliegenden Immobilienwerte taten das ihre, um den ahnungslosen Käufern eine sichere Geldanlage zu suggerieren.

Zugleich aber bestanden Deutschlands Reparationsschulden fort; sie wurden in den ausgehenden 1920er Jahren ausschließlich auf Kredit bezahlt. Im Ergebnis türmte sich bedenklich rasch eine Schuldenpyramide auf, die im Jahr 1929 etwa 80 Prozent des Sozialprodukts ausmachte. Weil alle Schulden in Fremdwährung zu begleichen waren, setzte allein der Zinsendienst einen Ausfuhrüberschuss in Höhe von etwa fünf Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung voraus, der aber nicht vorhanden war. Den Reparationsgläubigern blieb dieses Spiel nicht verborgen. Der Young-Plan von 1930 sah die faktische Abschaffung der Schutzbestimmungen für die Währung vor. Nun war es Deutschland selbst überlassen, die nötigen Devisen für Schuldendienst und Reparationszahlungen zu beschaffen; ausländische Gläubiger von kommerziellen Krediten konnten sich nicht mehr darauf verlassen, ihre Ansprüche vor denen der Reparationsgläubiger befriedigt zu sehen. Außer der Young-Anleihe, die den Devisenbedarf für 1930 knapp abdeckte, war angesichts der drohenden deutschen Überschuldung an weitere Auslandskredite nicht mehr zu denken. Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise stand Deutschland damit vor einer auswärtigen Schuldenkrise lateinamerikanischen Zuschnitts. Diese Krise entfaltete sich mit voller Wucht im Jahresverlauf 1931, als Deutschlands Versuch unter Kanzler Heinrich Brüning, mit einer Deflations- und strengen Sparpolitik Außenhandelsüberschüsse zu erzwingen, nicht zu ausreichenden Deviseneinnahmen führte. Ein Aussetzen der deutschen Reparationsverpflichtungen auf amerikanische Initiative hin konnte eine allgemeine deutsche Währungs- und Bankenkrise nicht mehr verhindern. Im Juli 1931 wurden "Bankfeiertage" erlassen, zwei von fünf Berliner Großbanken (DANAT und Dresdner) nach Insolvenz zwangsfusioniert und das Geschäftsbankensystem unter Staatseinfluss gestellt. Erst nach 1933 ist es zu einer Reprivatisierung gekommen.

Die Besonderheit der deutschen Bankenkrise von 1931 ist das Zusammentreffen einer auswärtigen Finanz- und Schuldenkrise mit den politischen Verstrickungen des Reparationskonflikts. Die Frage nach möglichen Rettungsversuchen durch weitere internationale Kredite ist unterschiedlich bewertet worden. Skepsis bleibt angebracht, da Deutschland strukturell im Ausland überschuldet war und nur die Modalitäten einer Schuldenstreichung Verhandlungsgegenstand sein konnten, nicht aber die Wiederaufnahme der deutschen Zahlungen. Zuletzt gelang es der deutschen Seite, die auswärtigen Verpflichtungen fast vollständig abzuschütteln, womit am Ende der Weltwirtschaftskrise ein Schuldenstand von etwa 20 Prozent des US-Sozialprodukts von 1929 ausradiert wurde. Relativ zur amerikanischen Wirtschaftsleistung schlägt allein dieses Kapitel der damaligen Finanzkrise stärker zu Buche als die gegenwärtige US-Hypothekenkrise.

Fußnoten

7.
Vgl. Milton Friedman/Anna Schwartz, A Monetary History of the United States 1867 - 1960, Princeton 1963.
8.
Einflussreich hierzu Ben Bernanke, Essays on the Great Depression, Princeton 2000.
9.
Zum Folgenden vgl. Harold James, Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1924 - 1936, Stuttgart 1988; Albrecht Ritschl, Deutschlands Krise und Konjunktur 1924 - 1934, Berlin 2002.