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20.4.2009 | Von:
Helmut Vogt

Der Parlamentarische Rat in Bonn

Die Grundgesetzarbeit war für die Mitglieder des Parlamentarischen Rates keineswegs eine lange Klausur. Unzureichende Arbeitsbedingungen führten zu häufiger Abwesenheit.

Einleitung

Was war das für ein Ort, an dem sich am 1. September 1948 die Verfasser des Grundgesetzes nach nur kurzer Frist zusammenfanden? War Bonn tatsächlich, wie die Stadtspitze damals postulierte, "das Weimar des neuen Deutschland"? Waren die Bonner Bürgerinnen und Bürger bereit, kurz nach dem Krieg die knappen Ressourcen zu teilen und Privilegien der Untermieter zu tolerieren? Oder haben sie vielmehr, gut zwei Monate nach den Einschnitten der Währungsreform, in dem ausgewählten Kreis gebildeter älterer Herren und ihrem Tross von nicht unerheblicher Größe vornehmlich eine willkommene Einnahmequelle gesehen? Nahmen die Abgeordneten vielleicht während der neun Monate am Rhein ihr Umfeld gar nicht so stark wahr, weil sie nach konzentrierter Tagungsarbeit sofort in die heimatlichen Gefilde entschwanden?






Erst am 16. August 1948 wurde die Verständigung der westdeutschen Länderchefs auf Bonn als Tagungsort des Parlamentarischen Rates offiziell. Vorbereitende Sondierungen hatten eine Festlegung auf die Anfang der 1930er Jahre erbaute Pädagogische Akademie unmittelbar am Rhein ergeben, vor allem wegen ihrer "als hervorragende Tagungsstätte bekannten Aula". Mit der Hochschule wurde schnell eine Vereinbarung erzielt: Gegen das Zugeständnis einer Verschiebung des Semesterbeginns erhielt die Akademie eine kostenlose Renovierung wichtiger Gebäudeteile. Räume wurden frisch gestrichen, Decken verputzt, fehlende Verglasungen ergänzt ("damit die Bretterverschalungen an den Fenstern verschwinden"). Die Beleuchtung des Hauses erfuhr eine Überholung, in den Arbeitszimmern des Präsidenten und seines Stellvertreters brachte man Tapeten an. In nur wenigen Tagen nahm der künftige Plenarsaal des Parlamentarischen Rats Gestalt an: Präsidentensitz und Rednerpult wurden installiert, die Wand gegenüber der Fensterfront mit Gobelins aus städtischem Besitz aufgelockert. Eine gründliche Renovierung erfuhr der Mensaraum der Lehramtsstudenten. Als "gutes Restaurant mit erstklassiger Bedienung" wurde das wochentags für die Abgeordneten und ihre Gäste reservierte Kasino dem Hotel La Roche angegliedert.

Neben der Zielgruppe der Parlamentarier galt die besondere Fürsorge des 1946 gegründeten Landes Nordrhein-Westfalen den Ministerpräsidenten. Ihr gemeinsames Büro in Wiesbaden erhielt eine Außenstelle in Bad Godesberg, von wo aus die Arbeit des Parlamentarischen Rates verfolgt wurde und die Länderchefs schnell und umfassend informiert werden konnten. Zu ihrer Unterbringung anlässlich der Eröffnungsfeierlichkeiten wurde das Hotel Königshof, auch nach schweren Kriegszerstörungen mit stark verkleinerter Kapazität noch das beste Haus am Platz, "restlos geräumt"; für ihr "Gefolge (wurden) hervorragende Privatquartiere in unmittelbarer Nähe" gefunden. Verpflegt wurden alle im Königshof, der zu diesem Zweck vom Ernährungsamt Sonderzuweisungen von Lebensmitteln durch das Land Nordrhein-Westfalen erhielt. Schon bei der Ankunft musste im Hotel alles perfekt vorbereitet sein. Schließlich hatten die "Herren (...) ja eine lange Fahrt hinter sich": Bohnenkaffee und Rauchwaren sowie ein kleiner Imbiss standen für sie bereit.[1]

Ein schweres Handicap war im Herbst 1949 die schlechte Erreichbarkeit des Tagungsorts. Die einzige Rheinbrücke war im März 1945 während des Rückzugs der Wehrmacht gesprengt worden; ihr Neubau zog sich bis in den November 1949 hin, sodass Fähren die Verbindung zwischen beiden Ufern aufrechterhielten - solange nicht Nebel, Eisgang, Hoch- oder Niedrigwasser ihren Betrieb behinderten. Unter diesen Umständen waren zumindest die vorhandenen zehn Zufahrtsstraßen zur Tagungsstätte schleunigst "in einen ordentlichen Zustand zu versetzen". Auch für den ruhenden Verkehr, die sichere Unterbringung der wertvollen Automobile, war gesorgt. Eine überdachte und abgeschlossene Abstellgelegenheit für 80 Kraftfahrzeuge mieteten die Organisatoren auf dem Gelände der Karosseriefabrik Miesen. Hier befand sich ebenfalls eine von der Landesregierung betriebene Tankstelle und ein Aufenthaltsraum für die Fahrer der Abgeordneten, ihrer Fraktionen oder der hochrangigen Besucher aus den Hauptstädten der Länder.

Vieles deutet darauf hin, dass die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, obwohl sie über Freifahrkarten für die Eisenbahn verfügten, das bequeme Automobil allen anderen Transportmitteln vorzogen. Für die zahlreichen Fahrer hatte die Stadtverwaltung zunächst den siebenstöckigen Windeck-Bunker unmittelbar neben dem Stadthaus vorgesehen, ja regelrecht angepriesen ("saubere Betten mit weißer Wäsche", "Einzelkojen", Gelegenheit zum Kinobesuch). Mit 50 Pfennigen Übernachtungspreis sei eine "bessere und billigere Gelegenheit kaum zu finden".[2] Die Politiker haben ihren Chauffeuren dann doch etwas besseres gegönnt: Die Fahrer der SPD-Fraktion z.B. wohnten für 2,50 bis 3 DM privat oder im Doppelzimmer für 5 DM pro Nacht.

Fußnoten

1.
Vgl. Otto Schumacher-Hellmold, Wenn es die PÄDA nicht gegeben hätte. Der Parlamentarische Rat tagt in Bonn - und Bonn wird Hauptstadt, in: Rudolf Pörtner (Hrsg.), Kinderjahre der Bundesrepublik. Von der Trümmerzeit zum Wirtschaftswunder, Düsseldorf 1989, S. 16 - 47, bes.S. 25; Bonn 1945 - 1950. Fünf Jahre Stadtverwaltung, Bonn 1951, S. 30; Stadtarchiv Bonn (StAB) SN 172/23, N 80/26; vgl. auch Dietrich Höroldt, 25 Jahre Bundeshauptstadt Bonn. Eine Dokumentation, in: Bonner Geschichtsblätter, 26 (1974), S. 9 - 131, bes.S. 26f.
2.
Kommissionsbericht über den Haushaltsentwurf für die Zeit 1.9.-31.12. 1948, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (HStAD) NW 53 - 742; Prüfbericht Landesrechnungshof NRW 13.10. 1952, StAB, SN 172/23.