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1.4.2009 | Von:
Doris Bühler-Niederberger

Ungleiche Kindheiten - alte und neue Disparitäten

Die lange und behütete Kindheit – seit dem 18./19. Jahrhundert Norm guten Aufwachsens – ist auf die soziale Vererbung von Status ausgerichtet. Es werden neue Ergebnisse zu ungleichen Chancen und Entwicklungen von Kindern dargestellt und diskutiert.

Einleitung

Als Adliger wurde man geboren. Diese Formulierung ist aufschlussreich, ebenso der Satz eines Adligen: "Das Leben erziehet den Mann, und wenig bedeuten die Worte".[1] Zum Bürger jedoch wurde man erzogen, der Erziehungsweg ins Bürgerleben war lang, und keineswegs verließ man sich dabei auf die unkontrollierbaren Lektionen des Lebens, sondern suchte die Kinder sorgfältig vor diesen zu bewahren.[2] Diese Erziehung erforderte den Einsatz der Eltern und finanzielle Mittel; Ratschläge neu entstandener Berufsgruppen - Kinderärzte und Pädagogen - galt es zu befolgen, und stets musste der Erfolg geprüft und mussten Mängel im Verhalten des Kindes korrigiert werden.[3]




Die sorgfältig arrangierte Kinderstube war eine langfristige Investition in eine spätere angesehene Position der Kinder. Eine "Moralische Wochenschrift" des 18. Jahrhunderts stellte ihren Lesern eine ideale Erziehung am Beispiel einer (erdachten) Familie vor und stellte auch gleich den Ertrag in Aussicht, indem sie die Entwicklung der Kinder wie folgt pries: "Zweene davon sind bereits auf der hohen Schule und bearbeiten sich allda mit unermüdeter Kraft, der seufzenden Kirche, dem hoffenden Vaterlande, und den wünschenden Eltern die Frucht ihres angewandten Fleißes und einer gereiften Klugheit beglückt darzulegen."[4]

Fußnoten

1.
Friedrich Meusel, Friedrich August Ludwig von der Marwitz, Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege, Bd. 1, Berlin 1908, zit. nach Jürgen Schlumbohm, Kinderstuben. Wie Kinder zu Bauern, Bürgern, Aristokraten wurden, München 1983, S. 196.
2.
Vgl. Gunilla Budde, Auf dem Weg ins Bürgerleben, Göttingen 1994, S. 11.
3.
Vgl. Doris Bühler-Niederberger, Kindheit und die Ordnung der Verhältnisse, Weinheim-München 2005.
4.
"Der Einsiedler", 1. Jg. 5. Stück, Königsberg, 3. Februar 1740, S. 33 - 40, zit. nach J. Schlumbohm (Anm. 1), S. 321.