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1.4.2009 | Von:
Ingrid Paus-Hasebrink

Mediensozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Familien

Die Sozialisation von Kindern aus sozial benachteiligter Milieus erfolgt in starkem Maße durch die Medien; sie wird nur wenig durch andere Sozialisationsinstanzen moderiert. Welche Konsequenzen hat das für die Entwicklung dieser Kinder?

Einleitung

Medien sind in vielfältiger Weise an der Sozialisation von Kindern beteiligt. Sie konstruieren deren Wirklichkeit mit und gewinnen Einfluss auf deren Weltbild. Im Kontext von Sozialisationsforschung muss daher auch von Mediensozialisationsforschung gesprochen werden, denn im Prozess der kindlichen Entwicklung und Sozialisation gewinnt Mediensymbolik auf allen Ebenen des Kinderalltags für deren Selbstfindung zunehmend an Bedeutung. Mit Blick auf Ergebnisse der einschlägigen Forschung zu Medienrezeption lässt sich festhalten, dass die Medien den Heranwachsenden eine Projektionsfläche für ihre Wünsche, Emotionen und Phantasien bieten; sie offerieren - als "Sinnagenturen" - Orientierungshilfen und Identifikationspotential. Mit zunehmendem Alter der Kinder erhalten Medien auch Relevanz für die Ausgestaltung und Regulation von Freundschaften, für Kontakte von Gleichaltrigengruppen (Peer-Groups) und familiäre Beziehungen. Die Medienhandlungsweisen der Kinder hängen dabei stark von ihrem sozialökologischen Hintergrund ab. Daher ist es unerlässlich, die Lebenswelt und die darin eingelagerte Lebensführung von Kindern und ihrer Familien vor dem Hintergrund ihrer sozialen Lage in den Blick zu nehmen.




Somit ist (Medien-)Sozialisationsforschung nicht nur herausgefordert, sowohl das Subjekt als auch seine objektiven sozialen Bedingungen zu erfassen; die Herausforderung besteht auch darin, die Interaktion zwischen Eltern und Kindern, ihre Dialektik sowie speziell die Scharniere ihres Zusammenwirkens im Alltag genau zu beschreiben.

Anders als in früheren Zeiten genießen Kinder heute ein höheres Niveau an sozialer Sicherheit: Alle Kinder besuchen mittlerweile eine Schule und sie bewegen sich auch - wie die Erwachsenen - auf den Plattformen der massen- und individualmedialen Freizeitindustrie als Feld der Selbstentfaltung und Selbstinszenierung.[1] Allerdings zeigt ein näherer Blick auf die "Teilhabe der Kinder am materiellen Reichtum in westlichen Gesellschaften deutlich, dass diese daran in ungleicher Weise partizipieren".[2] Zahlreiche Studien - ältere wie neuere - verweisen auf den Zusammenhang von sozialer Benachteiligung und den Bedingungen des Aufwachsens von Kindern. Insbesondere die PISA- und IGLU-Debatte haben in diesem Kontext für Diskussionsstoff gesorgt und den Blick für sozioökonomische Aspekte des Kinderalltags geschärft.[3] Auch der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der deutschen Bundesregierung[4] belegt ebenso wie die World Vision-Kinderstudie 2007[5] den Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und Schulerfolg; er erinnert zudem eindringlich an die hohe Bedeutung frühkindlicher Bildung.[6]

Fußnoten

1.
Vgl. Renate Kränzl-Nagl/Johanna Mierendorff, Kindheit im Wandel - Annäherungen an ein komplexes Phänomen, in: SWS Rundschau, 47 (2007) 1, S. 3 - 25, hier S. 13.
2.
Ebd.
3.
Vgl. Hans-Günther Rossbach/Susanna Roux, Soziale Ungleichheit in der Früherziehung - Beteiligung, frühe Selektion und gesellschaftliche Implikationen, in: Micha Brumlik/Hans Merkens (Hrsg.), bildung - macht - gesellschaft. Beiträge zum 20. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, (DGfE), Opladen-Farmington Hills 2007, S. 273 - 281. Hinter dem Kürzel PISA (Programme for International Student Assessment) verbirgt sich die internationale Schulleistungsstudie der OECD; hinter IGLU die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung.
4.
Vgl. Jürgen Barthelmes, Zwölfter Kinder- und Jugendbericht: Bildungsorte und Lernwelten. Laufen, Sprechen, Lesen ... und Reisen - das Entdecken der Welt als Weg zur Bildung, in: DJI Bulletin, (2005) 73, S. 20 - 23.
5.
Vgl. World Vision-Kinderstudie, Kinder in Deutschland 2007. Zusammenfassung der Ergebnisse, in: www.worldvisionkinderstudie.de/downloads/zu sammenfassung-kinderstudie2007.pdf (11.6. 2008).
6.
Vgl. auch Horst Niesyto, Medienkulturen und soziale Ungleichheit - Einführung in die Thematik. Vortrag im Rahmen der Arbeitsgruppe "Medienkulturen und soziale Ungleichheit. Zum Spannungsfeld von kulturtheoretischer und lebenslagenbezogener Medienforschung. In memoriam Dieter Baacke", 21. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) vom 16.-19. März 2008 in Dresden (unveröff. Vortragsmanuskript).